Computer Digitale Kalligrafie
Nur mühsam lassen sich Wörter in Handcomputer und Handys eintippen. Eine neue Technik beschleunigt die Eingabe enorm
Als Handys noch zum Telefonieren da waren, konnte man sie im Schlaf bedienen. Mehr als auf die neun Zifferntasten zu drücken war nicht nötig. Längst sind sie zu mobilen Kleinstcomputern herangewachsen, mit denen Kalender und Adressen verwaltet, E-Mails und Notizen geschrieben werden. Und so quälen sich User heute mit winzigen Buchstabentasten oder kritzeln mühsam Wörter aufs Display, die das Gerät nicht immer erkennt. Schönschreiben nervte schon in der Grundschule – als Errungenschaft des Informationszeitalters ist es ein schlechter Witz.
Das muss nicht sein, meint Shumin Zhai vom IBM-Almaden-Forschungszentrum in Kalifornien. Mit seinem Doktoranden Per-Ola Kristensson hat er eine Eingabetechnik entwickelt, die das Schreiben endlich schnell und einfach machen soll: Shark, kurz für »Shorthand Aided Rapid Keyboarding«. »Shark hat drei Vorteile«, sagt Zhai, »die Schreibbewegung geht flüssiger von der Hand als das Antippen von Buchstabenfeldern, ist schneller und effizienter als Handschrift und leichter zu lernen als traditionelle Stenoschriften.«
Tatsächlich kombiniert Shark das Beste aus allen drei Schreibtechniken zu einem neuen System. Herzstück ist ein Buchstabenfeld, das an eine gequetschte Computertastatur erinnert. Doch anstatt die Zeichen nacheinander anzutippen, zieht der Nutzer auf einem berührungsempfindlichen Display den Plastikstift über die Felder, ohne abzusetzen. Die Software im Hintergrund errechnet aus der Kombination der überstrichenen Buchstaben das wahrscheinlichste Wort. Ein Beispiel: Berührt man in einem Rutsch die Buchstabenfolge »wurtsieteinkg«, bleibt das englische writing (schreiben) übrig. Die durchgehende Handbewegung sei wichtig, sagt Zhai, weil sie dem Schreiben mit der Hand entspreche. Wird das Wort nicht eindeutig erkannt, blendet die Software die anderen Möglichkeiten ein, der Nutzer kann wählen.
Die Anordnung der Buchstaben wurde zunächst für die englische Sprache so optimiert, dass vor allem häufig vorkommende kurze Wörter oder Buchstabengruppen – wie the oder die Endung -ing – mit einer knappen Handbewegung geschrieben werden können. Darin ähnelt das Verfahren der Stenografie. Denn, so sagt Zhai: »Nutzer neigen dazu, sich für geläufige Wörter das Schreibmuster einzuprägen und nicht mehr so sehr auf die einzelnen Buchstaben zu achten.« Im Englischen machen die 100 häufigsten Wörter über 40 Prozent aller Texte aus. Sie bestehen in der Regel aus nicht mehr als vier, fünf Buchstaben, sodass ein Anfänger schon nach kurzer Zeit einen guten Teil intuitiv schreiben kann. Tests hätten gezeigt, dass geübte Nutzer auf bis zu 70 Wörter in der Minute kommen. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Geschwindigkeit für Handschrift liegt bei 15 Wörtern pro Minute.
Ohne Lernphase lässt sich Shark allerdings ebenso wenig meistern wie andere Computerschreibsysteme, etwa die kryptischen Kürzel der Buchstabenerkennung Graffiti von Palm. Und weil das den meisten Nutzern viel zu anstrengend ist, haben sich die IBM-Forscher etwas besonders Schlaues ausgedacht: ein Spiel, das entfernt an Klassiker wie Space Invaders erinnert, bei dem Raumschiffe abgeschossen werden.
»Achten Sie auf die Luftballons mit den Wörtern drauf, die übers Display fliegen«, erklärt Zhais Kollege Kristensson und zeigt auf den Windows-Tablet-PC, auf dem Shark bislang läuft. »Wenn Sie das Wort auf der Shark-Tastatur schreiben, platzt der Ballon.« Schon nach einer Minute Übung kommt der Tester zu seinen ersten Erfolgserlebnissen. Um die Trefferquote zu erhöhen, rät Shumin Zhai den englischsprachigen Anwendern, die 50 bis 60 häufigsten Wörter zu trainieren.
Wann und ob die nächste Generation von Smart Phones mit Shark ausgestattet wird, ist bislang noch unklar. »Die Technik ist ausgereift genug, um sie auf den Markt zu bringen«, versichert Zhai. Tastatur und Software an die Besonderheiten anderer Sprachen anzupassen sei relativ einfach. Erste Gespräche mit Produktentwicklern habe es bereits gegeben.
Geoff Blaber, Analyst für mobile Geräte bei dem IT-Marktforschungsunternehmen IDC, hält es nicht für unmöglich, dass eine ganz neue Eingabetechnik von den Nutzern angenommen würde. Der Markt für Handcomputer und Telefone wachse so rasant, glaubt er, dass Shark in dem einen oder anderen Segment zum Zuge kommen könnte.
»Bislang haben wir ja auch keine Lösung für das Eingabeproblem gesehen, die wirklich gut funktioniert.« Entscheidend für den Erfolg sei, dass die User nicht lange umlernen müssten. Da ist Shumin Zhai ganz zuversichtlich: »Keiner unserer Tester«, versichert der IBM-Forscher, »hat Shark bislang mühsam gefunden.«
- Datum 01.09.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 01.09.2005 Nr.36
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"Als Handys noch zum Telefonieren da waren, konnte man sie im Schlaf bedienen. Mehr als auf die neun Zifferntasten zu drücken war nicht nötig."
Lassen Sie mich bitte an dieser Stelle mal kurz ein wenig klugscheißen: Die weitaus meisten Telefone haben nicht neun, sondern zehn Zifferntasten. Ich bin ganz entschieden dagegen, immer und immr wieder die Null zu unterschlagen.
Viele liebe Grüße,
Ein Leser
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