Das kleine Mädchen bläst einen Ballon auf, immer größer, bis es mit ihm in den Himmel schwebt. Plötzlich platzt der Ballon. Was nun? Ayse, Ibrahim und Tarek, Alexandra, Dominik und Selma überlegen, wie diese missglückte Luftfahrt wohl enden könnte. Die Vorschulkinder sitzen mit ihren Müttern rund um einen großen Tisch im Bücherstübchen der Grundschule Kerschensteinerstraße im Hamburger Stadtteil Harburg. Zur Ballon-Geschichte haben sie Bilderbücher aus Pappe gebastelt. Jetzt fehlt nur noch der Schluss. Den denken die Kinder sich selbst aus und zeichnen ein Bild dazu: Mal fällt das Mädchen auf eine Matratze, mal landet es auf einem Trampolin oder plumpst ins Wasser. Danach schreiben die Mütter auf, was ihre Kinder erfunden haben. Einige der Frauen, die aus Deutschland und Russland, Ägypten und der Türkei stammen, können nur gebrochen Deutsch, ihnen hilft die Lehrerin beim "Kinder-Diktat". Am Ende werden die Geschichten reihum vorgelesen. Stolz malen die Jungautoren ihre Namen auf die Bücher.

Wortspiele und Bücher basteln – so macht Lernen Spaß

Eine Szene aus dem Pilotprojekt "Family Literacy", das seit Herbst vergangenen Jahres an sieben Hamburger Grundschulen und zwei Kindertagesstätten läuft. Der englische Zungenbrecher, den man als "familiäre Schriftkultur" übersetzen könnte, steht für einen Vorstoß in bildungspolitisches Neuland: Die Schule hat Mütter und Väter als sprachpädagogische Entwicklungshelfer ihrer Kinder entdeckt.

Eltern, die aus bildungsfernen Milieus kommen oder als Migranten mit Sprachschwierigkeiten zu kämpfen haben, sollen durch gemeinsame Aktivitäten mit ihren Kindern Lust auf die Welt des Lesens und Schreibens entwickeln, damit der Umgang mit Büchern und Texten zu einem selbstverständlichen Teil ihres Alltags wird. Nicht erst seit Pisa kennt man die Gefahren des funktionalen Analphabetismus: Wer in einem Elternhaus aufwächst, wo das Vorlesen unbekannt ist, Fernseher und Playstation die Freizeit beherrschen oder die Buchbestände sich auf das Telefonverzeichnis beschränken, läuft Gefahr, dass die erlernten Lese- und Schreibfähigkeiten schnell wieder verkümmern. Getrennte Förderprogramme für Erwachsene und Kinder führen selten zum Erfolg, weil die praktische und dauerhafte Umsetzung im familiären Alltag fehlt.

Der Hamburger Schulversuch, getragen vom Unesco-Institut für Pädagogik und vom Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung, zielt darauf, den Eltern Kompetenz und Sicherheit im Umgang mit Buch und Schrift zu vermitteln, sodass sie ihre Kinder motivieren und unterstützen können – auch wenn ihre Deutschkenntnisse nicht perfekt sind. Die Kinder wiederum sollen erleben, dass Schreiben und Lesen viel Spaß machen kann. Wenn sie von ihren Eltern einmal wöchentlich aus dem Vorschulunterricht abgeholt werden, backen sie gemeinsam Buchstaben, machen Wortspiele, basteln Bilderbücher oder gehen im Schilderwald der Stadt auf "Buchstabenjagd".

Das Programm begleitet die Kinder auch noch in der ersten Klasse. "Wir beginnen früh – bevor Eltern und Kinder mit der Schule frustrierende Erfahrungen machen", sagt die Family-Literacy-Leiterin Gabriele Rabkin. Hinzu kommen Informations- und Diskussionsveranstaltungen für die Eltern, in denen es um die kindliche Sprachentwicklung, um Lernspiele, Kinderbücher und Konzentrationsübungen geht. Mancher Erwachsene lernt bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal eine öffentliche Bücherei von innen kennen.

Die Projektstandorte liegen dort, wo viele Migranten und Familien mit geringerem Einkommen leben. Etwas über hundert Kinder und ihre Eltern – meistens die Mütter – nehmen bis jetzt teil; nur für ein Drittel von ihnen ist Deutsch die Muttersprache. Didaktische Hilfestellung erhalten die Hamburger Pädagogen von der Basic Skills Agency in London, einer Einrichtung, die auf die Vermittlung von Grundfertigkeiten spezialisiert ist. Während in Deutschland solche generationsübergreifenden Programme noch neu sind, gehören sie in Großbritannien, den Niederlanden oder den USA schon lange zum Repertoire.