Keith Richards ist 61, Mick Jagger 62, Charlie Watts 64, Ron Wood 58, Mick Taylor hängt irgendwo am Blues, Bill Wyman hat sich selbst pensioniert, Brian Jones ist im Pool ertrunken – die größte Rock-’n’-Roll-Band der Welt ist nicht nur ein musikalisches Phänomen, sie besitzt jenen geriatrischen Aspekt und das rockgeschichtliche Potenzial, an denen sich auch musikunbedarfte Menschen spontan erregen: Unfassbar, peinlich, faltig, großartig, noch immer? Alle Fantasien sind inzwischen abgehakt, vom Betreuten Wohnen auf der Bühne bis zu den Rollstuhlwitzen – Jay-Leno nannte in seiner Tonight Show die eben beginnende Welttournee die We’re-Grateful-We’re-Not-Dead-Tour –, darf und soll man denn noch im diesem Alter?

Mit A Bigger Bang, ihrem ersten Studio-Album seit 1997, beginnen die Rolling Stones nun das definitive Roll-back, das Alter wird zum Problem der Jungen, mit vielem Dank zurück. Die Rolling Stones haben die dumpf und ständig wiederholte Losung vom Rock ’n’ Roll, der ewig jung bleibe, während die Musiker alt würden, endgültig widerlegt: Sie bleiben ewig jung, der Rock ’n’ Roll ist alt. Keine Frage, frisch geschlüpfte Bands wie Hives, Libertines oder Kaiser Chiefs sind klingender Klon, beliebig abzuleiten aus der Erbsubstanz. Die Rolling Stones erweisen sich als die DNA des Rock ’n’ Roll. Bisher galt in der Rockmusik das Gesetz Pop sei Jugend, ein Diktat der ständigen Verjüngung, während in der klassischen Musik Alter als Guthaben und Schatz geehrt wurde, im Jazz Spätwerke vom Duft der gut gelagerten Reife umweht sind. Damit ist es vorbei, A Bigger Bang klingt weder alt noch jung, er tut so gut, wie man sich fühlt.

Es war wieder so weit, geht die Geschichte. Mick Jagger saß in seinem Schloss an der Loire, Keith Richards in seiner Bibliothek in Connecticut, beide griffen förmlich gleichzeitig zum Telefon, es musste sein. Acht Jahre nach dem belanglosen Bridges To Babylon, nach zahlreichen Hindernissen wie Ron Woods Entziehungskur und Greatest-Hits-Samplern zu periodischen Welttourneen, setzten die Glimmer-Twins sich wieder zusammen, heckten Texte aus, komponierten zu französischem Rotwein, Gitarren und zwei Laptops, schickten die Rohfassungen an Charlie Watts, der in England (erfolgreich) gegen seinen Kehlkopfkrebs kämpfte, und es wurde gut. Sechzehn Songs blieben hängen, sechzehn Riffs, sechzehnmal Emotional Intelligence. Diese Lieder kauft man seit 40 Jahren, kennt sie alle, sie erinnern an Brown Sugar, an Shattered, an Gotta Move, an Fool To Cry, das heißt, sie sind die pure Rolling-Stones-Essenz: Wie selbstverständlich das Schlagzeug ins Gitarrenriff einfällt, die affektierte Stimme zu pressen beginnt, ohne jede falsche Bewegung die Slide-Gitarre sich zurücklehnt, das Grummeln und Granteln mit einem Schlag in Wut verwandelt wird.

Und, haben sie sich diesmal weiterentwickelt? Gott sei Dank nicht. Kein Rap, kein Disco, keine Experimente und modischen Anleihen, dafür das Blues-Skelett und der starke Rocker-Mix, getrommelt und geschleudert, zum Mitbrüllen und innerlichen Faustballen. Selbst Bass und Klavier, selbst Bläser und Damenchor sind in den Hintergrund geschoben. "Kein Marzipan und keine Kerzen", lächelt Keith Richards im TV-Interview mit dem sympathischen Tom Buhrow und hebt die knöcherne Klaue: "Wir sind ein kleiner Familienbetrieb." Seit Jahrzehnten spielt er den good guy, das Symbol des ewigen Rock ’n’ Rollers mit der Jedermann-Stimme; jeder liebt den Bluesgitarristen im Schaukelstuhl auf der Holzveranda. Ebenso wie den weißhaarigen Charlie Watts, cool cat am Schlagzeug, intellektuelle Konstante im Sex-’n’-Drug-Geschäft der Rockmusik, jazziges Alibi im Neverland der Eins- und Drei-Betonungen. Dem Dritten im Bunde bleibt da nur die Rolle des bad boy, des kalten Geschäftsmannes, des Sex- und Body-Besessenen. Überdeutlich differieren inzwischen Mick Jaggers Körper und Kopf, die beiden Antipoden präsentieren ihr getrenntes Wesen unübersehbar äußerlich. Er muss laufen, muss schwitzen, muss sexen und seinen Waschbrettbauch zeigen, darf sich nicht verletzen. Also gibt Mick den Körper, Charlie ist Kopf, Keith das Herz: Der Organismus Rolling Stones präsentiert seine Teile, und wer das Ganze mit der Realität verwechselt, ist selber schuld.

"Oh no, not you again / Fucking up my life / It was bad the first time / I can’t stand it twice", bellt Mick Jagger mit seiner Hau-bloß-ab-Stimme, und Miss Model Brasilia darf das ebenso auf sich beziehen, wie Mrs Jerry Hall das grandios zwiespältige It Won’t Take Long für sich reservieren könnte. Sie zählen zum großen Pop-Spiel, diese dubiosen Frauenlieder, mit der Arschwackel-Stimme gebalzt, die reuigen Balladen, in denen der Regen fällt, der Blues des einsamen Mannes ebenso wie die Rache- und Hasslieder des ewigen Gockels. Wer will da widerstehen, wenn er Streets Of Love buchstabiert und schmachtet, wenn er affektiert den Bottleneck-Blues Back Of My Hand dehnt, zu She Saw Me Coming tänzelt oder er in Laugh I Nearly Died alle Register vom Märchenerzähler bis zum Gefangenenchor zieht? Sie spielen ihre Rollen perfekt, diesmal ist es wieder großes Rocktheater. Der oft gehörte Vorwurf "unglaubwürdig" setzt voraus, es gebe da irgendwelche Realismusdefizite, während selbst der naivste Rolling-Stones-Fan die wilden Männer durchschaut und trotzdem seine diebische Freude hat. Das Vergnügen ist auf unserer Seite. Ungläubiges Kopfschütteln eingeschlossen.

Wir spielen mit, und so löst A Bigger Bang auch die üblichen medialen Reflexe aus: den Alles-nichts-Neues-Artikel, den popanalytischen Quer- und Rundumschlag, die Lifestyle-Reportage, das süffige Interview und gar das muffige Pamphlet, das dem Popstar sein Millionärsdasein vorhält und ihm politische Abstinenz empfiehlt. Die "Moral von Handtaschendieben und Sparkassenräubern" entdeckt die FAZ wieder bei den rich kids, "die sich angesichts des Zynismus der Mächtigen als soziale Aufrührer fühlen dürfen". "Schlecht" rede Mick von George W. Bush und lebe "gut davon", schreibt das Blatt und meint damit Sir Jagger, der den Song Sweet Neo Con als Angelhaken im Köder platziert hat. Das Ziel ist richtig, es ist eher die poetische Substanz, der es ermangelt: "You say you are a patriot / I think you are a crock of shit." Politische Songs wie Highwire oder Sweet Black Angel waren noch nie Mick Jaggers Stärke. "Er wollte es unbedingt", kommentiert Keith Richards, "also habe ich mitgemacht." Und rückt geschichtsklug die Verhältnisse zurecht: "Politiker sind keinen einzigen Song der Rolling Stones wert. Wir tun ihnen damit zu viel Ehre an."

Um ehrlich zu sein, kein Mensch braucht diese Platte, der Between The Buttons, Beggars Banquet, Let It Bleed, Sticky Fingers oder Exile On Main Street besitzt. Dieses große Comeback-Album spiegelt weder den kalten Weltgeist wider, noch ist es am kommenden 5. September 2005 lebensnotwendig. Doch wer an den alten Rock ’n’ Roll glaubt und auf die ewige Jugend der Rolling Stones wettet… "Das Experiment läuft noch", spricht Keith Richards.