Dieser Klassiker kommt nicht aus Hollywood, sondern vom Broadway, vom Actors Studio, von den Leuten, die das amerikanische Theater neu erfanden. Angefangen bei Marlon Brando, weiter mit Karl Malden, Lee J. Cobb, Rod Steiger. Das ursprüngliche Drehbuch zu Elia Kazans On the Waterfront Die Faust im Nacken stammt sogar von Arthur Miller. Während des Krieges diente er auf einer Werft der U. S. Navy, nachher lebte er in Brooklyn und verarbeitete, was er dort sah: Die Gewerkschaft der Hafenarbeiter ist fest in der Hand der Mafia, die Arbeit gegen Schmiergelder vergibt. Wer sich dagegen auflehnt, wird von einem Stück Ladung erschlagen oder fällt vom Dach. Als sich mehrere zusammentun und eine Art freie Gewerkschaften fordern, kommt es zu einem größeren Kampf, und die Rechtschaffenen landen in einem Betonklotz im Hafen. Begeistert von dem Drehbuch, reiste Kazan mit Miller nach Hollywood, wo sie auf wenig Gegenliebe stießen. Eine geforderte Änderung: Die Gewerkschaft sollte statt von der Mafia von Kommunisten unterwandert sein, gegen die die Guten dann siegen könnten. Miller antwortete, dass es an der waterfront von Brooklyn keine Kommunisten gebe, und fuhr ab. Aber keine Reise ist ganz umsonst, er hatte Marilyn Monroe kennen gelernt.

Jahre später griff Kazan den Stoff wieder auf, Budd Schulberg schrieb ein neues Buch, in dem zwar die Mafia Mafia blieb, sich aber die klassische Hollywood-Manier durchsetzte. Es ging nicht mehr um Arbeiter, die sich organisierten, sondern um den Kampf eines Einzelnen gegen alle – den er gewann. Trotzdem ist in dem Film mehr amerikanische Wirklichkeit als in den meisten anderen Filmen der Zeit, und obendrein ist es ein klassisches Heldenepos, das mich als 16-Jährigen so erschüttert hat, dass ich seinem Ruf gefolgt bin – zum Film und zu einer gerechteren Welt (durch den Film). Terry Malloy (Brando) hat einmal seine Seele verkauft, als er einen Kampf verloren gehen ließ, damit sein Gewerkschaftsboss getürkte Wetten kassieren konnte. Mal ist er Informant, mal wird er gezwungen zu denunzieren. Die Vorhaltungen des irischen Priesters (Karl Malden) helfen so wenig wie die Verachtung Eva Marie Saints, deren Bruder er auf dem Gewissen hat. Erst als sein eigener Bruder (Rod Steiger) ums Leben kommt, bäumt sich etwas in ihm auf. Kurz vor dessen Ermordung haben die beiden ein Gespräch, das für Generationen von Amerikanern wegweisend wurde. Brando erkennt, dass er das Zeug hatte, "jemand" statt "niemand" zu sein. Es ist der Priester, der ihm klar macht, dass man im Leben (und vor allem im dritten Akt eines Hollywood-Films) eine zweite Chance hat. Also nimmt Brando den Kampf auf, zumal er bei seiner Buße eine mächtige Helferin hat: die Liebe (zu Eva Marie Saint, wie sie passenderweise heißt).

Man spürt die Aufbruchsstimmung der Nachkriegszeit, den Willen der amerikanischen Idealisten, eine gerechtere Welt zu schaffen, in der Geld nicht das Maß aller Dinge ist, wo Würde und Anstand keine leeren Worte sind – eine Botschaft, immerhin stark genug, um bei mir noch 50 Jahre später nachzuwirken.