Die Sonne schickt letzte Strahlen über die Dattelpalmen. Ein leichtes Lüftchen weht und nimmt dem tropischen Tag die Schwüle. Kein einziger Moskito lässt sich blicken – obwohl die Igeula-Lodge am Rande des Loango-Nationalparks direkt an einer Lagune liegt. Beruhigend plätschert das Wasser an die Holzpfähle der Terrasse, während eiskalte Getränke serviert werden und von irgendwoher hohe lang gezogene Pfeiftöne erklingen. Es könnten Papageien sein oder Affen. Vergeblich versuchen wir, zwischen den Schlingpflanzen und Palmen hinter der Terrasse etwas zu erkennen. Da sagt Patrick plötzlich: "Un éléphant", reicht das Fernglas herüber und deutet ans gegenüberliegende Ufer. Kaum 400 Meter entfernt grast ein schwarzer Waldelefant sein Abendessen ab.

Für Patrick ist der Anblick eines Elefanten nichts Besonderes, er ist hier zu Hause. Aber Touristen freuen sich, wenn sie einen sehen, das hat Patrick gelernt, seit er hier im Loango-Nationalpark als ecoguide , also Fremdenführer und Wildhüter arbeitet. Deshalb wirft er keine zwei Minuten später eines der offenen Boote mit Außenbordmotor an, die unterhalb der Terrasse am Steg vertäut liegen. In einem kleinen Bogen fahren wir gegen den Wind auf den Elefanten zu. Dann schaltet Patrick den Motor aus und rudert das letzte Stück. Mit den Füßen im Wasser rupft der Elefant weiter Ufergras aus und lässt uns sein zartrosa Maul und seine dicke, runzlige, schwarze Haut aus nächster Nähe betrachten. Zwei Touristen, ein kundiger Begleiter und sonst nur menschenleere Natur – das ist der Luxus, der uns nach Gabun geführt hat, in die ehemalige französische Kolonie zwischen Äquatorialguinea, Kamerun und Kongo.

Ecoguide ist ein beliebter Job. Weil man Motorboot fahren darf

Als Touristenziel ist Gabun noch kaum bekannt. Das Land hat seit seiner Unabhängigkeit 1967 von seinen Ölfeldern gelebt. Shell, Elf und Total machten hier einträgliche Geschäfte und versorgten die Einheimischen mit Jobs. Eine andere Industrie existierte nicht, selbst Landwirtschaft wurde nur spärlich betrieben. In den Jahren des Ölbooms galt das dem Präsidenten El Hadji Omar Bongo als Zeichen für ein modernes Staatswesen. Bongo ist seit 38 Jahren ununterbrochen an der Macht – auch weil er seinem Land ein Einparteienwesen verordnete. Nur so, argumentierte er, könne man vermeiden, dass sich die 40 Ethnien Gabuns in einander bekriegende Clans auflösten. Selbst die mittlerweile zugelassene Opposition räumt ein, dass der Staatspräsident mit seinem autoritären Führungsstil dem Land die afrikanischen Krankheiten Bürgerkrieg und Hungersnöte bisher erspart habe. Doch zu mehr als zum Überleben reicht es für den überwiegenden Teil der 1,5 Millionen Gabuner dann auch nicht, denn die Petrodollar fließen vor allem auf die Schweizer Konten der Präsidentenfamilie. Seit Mitte der neunziger Jahre jedoch fließen sie nicht mehr so richtig. Die großen Ölvorräte gehen zur Neige, weshalb sich Gabun nun mit exklusiven Wildlife-Programmen den Tourismus als Einnahmequelle erschließen möchte.

Schon bevor das Öl knapp wurde, war das Land an den Rand des Bankrotts geraten durch den Bau der Eisenbahnlinie, die den Osten mit der Hauptstadt Libreville im Westen verbindet. Es ist die einzige nennenswerte Verkehrsverbindung. Das Volk nutzt die Wasserstraßen, um vorwärts zu kommen, oder holpert in uralten Pick-ups, den taxi brusse genannten Dschungeltaxis, über Schlaglochpisten durch Urwälder und Savannen. Asphaltierte Straßen gibt es nur ein paar in Libreville. Geschäftsleute und alle andern, die es sich leisten können, verlassen sich aufs Flugzeug. Auch uns Touristen hatte der Reiseveranstalter mit einer bestens gewarteten, blitzenden, achtsitzigen Mitsubishi Propellermaschine am Vormittag von der Hauptstadt zu einer gut 150 Kilometer südlich gelegenen Sandpiste gebracht. Zwischen Oleanderbüschen schaukelte ein verblichenes handgemaltes Blechschild im Wind: Ombué. Eine Kleinstadt mit Supermarkt, Schule und Krankenstation. Frauen balancierten Süßkartoffeln und Bananen auf dem Kopf, Kinder, die Fußballtrikots, aber keine Schuhe trugen, scheuchten Hühner über die staubige Straße. Ein schwergewichtiger Mitreisender wurde von seiner Frau und zwei kleinen Mädchen empfangen, alle in pastellfarbenem Sonntagsstaat, die Kinder mit stramm abstehenden Zöpfchen.

In Ombué verlud uns Patrick auf einen Jeep, gemeinsam mit zwei Spaniern samt sperriger Anglerausrüstung. Zwei Stunden lang umfuhr er sorgsam so viele Schlaglöcher wie möglich, wirbelte Staub auf und erschreckte eine Horde Affen. Am frühen Nachmittag haben wir die 45 Kilometer südlich gelegene Igeula-Lodge erreicht, wo wir jetzt noch vor dem Abendessen unseren ersten Elefanten bestaunen, der uns allerdings nach einer Viertelstunde doch riecht und mit drohend erhobenem Rüssel gemessenen Schrittes in Richtung Savanne stampft.

Am nächsten Morgen schlagen wir mit dem Jeep die gleiche Richtung ein. Ganze Elefantenfamilien bewegen sich gemächlich grasend von Baumgruppe zu Baumgruppe. Als die Äquatorsonne höher steigt, verschwinden sie in den sumpfigen Wäldern. 10000 von ihnen sollen allein in diesem Park zu Hause sein, erklärt uns Patrick. Wir beobachten Büffel, Antilopen und ein Wildschwein mit clownesker Gesichtszeichnung und drolligen Ohrpuscheln. Potamocher nennen sie es hier, es kann genauso schnell rennen wie schwimmen. Ein paar Kilometer weiter liegt der menschenleere Strand. Während wir baden, holt Patrick das Picknick aus der Kühltasche. Beim Essen erzählt er uns von den Meeresschildköten, die an diesem Strand ihre Eier ablegen, von den breitmäuligen Atlantik-Tarpunen, die hier in den Lagunen bis zu 2,50 Meter lang werden, und den seltenen Süßwassermakrelen, carangue d’eau duce, die in riesigen Schwärmen durch die Flüsse jagen.