Es war einmal ..., beginnt die wunderbare Schauspielerin Rosemarie Fendel mit ihrer geheimnisvollen, angerauten, warmen, wissenden Stimme, und dann macht sie eine winzige Pause - eine Pause, die man beim Lesen niemals machen würde. Eine kunstvolle, keine künstliche Pause: Es war einmal - ein Bauer. So dauert der Satz natürlich. Rosemarie Fendel lässt von Anfang an keinen Zweifel daran, dass sie viel Zeit zum Vorlesen hat. Und sie braucht ja einen langen Atem für Otfried Preußlers Buch Die Abenteuer des starken Wanja (3 CDs, 190 Min., Der Audio Verlag, 14,90 e), schließlich liegt der Held der Geschichte erst einmal sieben Jahre lang auf dem Ofen und isst Sonnenblumenkerne, bevor er sich gekräftigt aufmacht, um hinter die Weißen Berge zu gelangen, alle möglichen Abenteuer zu bestehen und endlich Zar zu werden. Aber so weit ist es noch nicht, und dass es noch nicht so weit ist, merkt man vor allem daran, wie sehr Rosemarie Fendel es genießt, das Wörtchen faul auszukosten, eine Vokabel, die im Zusammenhang mit Wanjas erster Existenz als, nun ja, Taugenichts, nicht ganz unangebracht ist. Man wird selber ganz schläfrig. Und wünscht sich von Wanjas Tantchen einen Buchweizenpfannkuchen.

Selbst wer das neben Krabat wohl schönste und tiefste Buch von Otfried Preußler selber Dutzende Male gelesen (und den Kindern vorgelesen) hat, mag dieser Hörspieleinrichtung von Klaus Dieter Pittrich jederzeit etwas abgewinnen. Sie bemüht sich nämlich auf sympathisch beiläufige Art um Kolorit. Das kann ein Musikstück im russischen Stil sein oder eine Geräuschkulisse, wenn die Lanze aus Eisenholz das schwerste Schwert des Steinernen Ritters zerschellen lässt. Der Rest ist - wirkungsvoll inszenierter - Dialog und: Rosemarie Fendel, bei der jederzeit die Fäden der Handlung zusammenlaufen. Ruhig spinnt sie ihr Garn und scheint nicht im Mindesten in der Gewissheit zu erschüttern, dass Wanja dazu ausersehen ist, sowohl die Baba-Jaga und den bösen Och wie auch den furchtbaren Ritter Foma Drachensohn zu besiegen. Gottes Wege sind wunderbar, sagt der alte Zar, der hinter den Weißen Bergen aushält, bis Wanja sein Ziel gefunden hat. Wie Krabat findet Wanja am Ende die wahre Liebe, und während des allgemeinen Jubels über den neuen Zaren hebt selbst Rosemarie Fendel kurz und bedeutungsvoll ihre Stimme, als wolle sie betonen: Ein Märchen. Sagt' ich's nicht?