Was soll ich wählen? ZEIT-Serie Teil 5 Was fehlt – mehr Wettbewerb oder mehr Kontrolle?
Im Gesundheitswesen gelten einige eigentümliche ökonomische Gesetze. Eines davon lautet: Angebot und Nachfrage finden hier nicht unbedingt einen Ausgleich durch den Preis, oft schafft sich der Anbieter seine Nachfrage selbst. Wenn es in einem Land oder einer Stadt beispielsweise mehr Ärzte gibt, sinken in einem Marktsystem nicht unbedingt die Preise, im Gegenteil: Plötzlich wird mehr operiert, mehr verordnet und therapiert. Das liegt daran, dass ein Patient nur selten beurteilen kann, ob die vom Arzt vorgeschlagenen Maßnahmen wirklich nötig sind, und im Zweifel einer Behandlung sicherheitshalber zustimmt. Diese Ungleichheit zwischen Arzt und Patient führt beispielsweise in den Vereinigten Staaten dazu, dass die Gesundheitsausgaben pro Kopf besonders hoch sind, ohne dass die Qualität der Versorgung um ein Vielfaches besser wäre.
Umgekehrt schneiden aber auch rein staatliche Gesundheitssysteme bei Qualitätsvergleichen nicht in jedem Fall gut ab. Der staatliche National Health Service in Großbritannien beispielsweise war hierzulande berüchtigt, weil die Patienten auf Operationen lange warten mussten und im hohen Alter häufig sogar abgewiesen wurden. Nur langsam verbessert sich dort die Situation.
Braucht das deutsche Gesundheitssystem also mehr Markt oder mehr Staat? Die Antwort lautet: Beides ist dringend nötig, um Verschwendung zu verhindern und den Kostenanstieg zu bremsen. Mehr Wettbewerb: Es gibt beispielsweise wenig Gründe dafür, dass Apotheker maximal drei Filialen betreiben dürfen. Die Versorgung würde auch besser, wenn die Krankenkassen häufiger als bisher mit bestimmten Ärzten Einzelverträge abschließen dürften. Bisher sind ihre Vertragspartner stets die kassenärztlichen Vereinigungen, in denen die niedergelassenen Mediziner bestimmter Regionen Mitglied sind. Mit Einzelverträgen könnte etwa eine besonders gute Betreuung von Patienten besser belohnt werden.
An anderen Stellen ist dagegen mehr Staat, nicht mehr Markt gefordert. Genauer: Der Staat muss dafür sorgen, dass Marktmechanismen überhaupt erst funktionieren können, vor allem durch mehr Transparenz. Bisher hat der Patient wenig Chancen, sich über die Versorgungsqualität von Praxen oder Krankenhäusern zu informieren. Und der Staat macht wenig Vorgaben, nach welchen Kriterien Mediziner behandeln dürfen und sollen. Auch die Krankenkassen dürfen keine Kliniken oder Praxen mit besonders hohen Qualitätsstandards empfehlen. Alle Versuche, dies zu ändern, werden von den Ärzteverbänden stets als »Staatsmedizin« attackiert.
Die rot-grüne Regierung hat sich von solchen Parolen zwar nicht komplett abhalten lassen, mehr Qualitätsstandards und -kontrollen einzuführen, sie ist dabei aber auch nicht allzu weit gekommen. So hat Gesundheitsministerin Ulla Schmidt zwar ein neues Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen gegründet, das mehr Aufklärung über die Wirksamkeit verschiedener Medikamente und Therapieangebote liefern soll. Das letzte Wort über die Aufnahme von neuen Angeboten hat aber nach wie vor ein gemeinsamer Ausschuss von Ärzten und Krankenkassen.
Dabei wäre gerade im Arzneimittelbereich mehr Transparenz dringend geboten – und zwar nicht nur für die Patienten, sondern auch für die Ärzteschaft. Vor allem niedergelassene Mediziner verlassen sich meist auf Informationen der Pharmabranche, wenn sie sich für die Verordnung von Medikamenten entscheiden. Die kassenärztlichen Vereinigungen müssten hier eigentlich ein Gegengewicht schaffen und über Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit informieren. Sie kommen dieser Pflicht allerdings kaum nach.
- Datum 01.09.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 01.09.2005 Nr.36
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Warum werden die Ausgaben für Arzneimittel sinken, wenn ein Apotheker statt einer Apotheke vier, zehn, hundert oder unbegrenzt viele Apotheken besitzen darf? Wollen wir Oligopole im Gesundheitsbereich, ähnlich wie an der Tankstelle??
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