Bitte machen Sie es sich bequem. An der Wand hängt ein großer flacher Bildschirm, der gestochen scharfe Bilder liefert. Mit einer eleganten Navigation können Sie zunächst eine virtuelle Reise durchs World Wide Web unternehmen, zum Beispiel an Ihren nächsten Urlaubsort. Oder würden Sie sich lieber aus Hunderten von Sendungen Ihr eigenes Programm zusammenstellen? Kein Problem. Ruft die Schwiegermutter während eines Krimis an – bleiben Sie entspannt. Der Film kann gestoppt und später einfach fortgesetzt werden, ohne dass Sie etwas verpassen. Vor- und Rückspulfunktionen sind selbstverständlich. Lästige Werbung wird einfach übersprungen. Außerdem gibt es noch einen Zugang zum Internet und einen Telefonanschluss obendrauf. Der Clou: Alles läuft über die Steckdose eines einzigen Anbieters – und das zum Pauschalpreis von 29,90 Euro im Monat. Schön wär’s.

Zwar werden auf der Funkausstellung, die diese Woche startet, jede Menge neuer Techniken präsentiert. Doch was im Ausland, wie beispielsweise in Frankreich (siehe Kasten), schon zum Alltag gehört, das gibt es hierzulande noch nicht. Erst wenige Unternehmen experimentieren mit neuen Offerten. Noch ist das Angebot rar. Das liegt an der vertrackten Situation in Deutschland.

Da sind zum einen die Fernsehkabel-Betreiber, die fast 18 Millionen Haushalte mit Programmen versorgen. Zum anderen die Telefongesellschaften, kurz Telcos genannt. Die vermitteln Gespräche und vermarkten den Zugang zum Netz. Bislang herrschte Ruhe zwischen diesen Fronten. Damit aber ist es jetzt vorbei.

Telcos und Kabelgesellschaften werden zu Rivalen. Sie bauen ihre Netze aus, um Kunden mit einer Rundumversorgung enger an sich zu binden und neue Einnahmequellen zu erschließen. Alles aus einer Hand, lautet die Devise: Fernsehen, Telefon und Internet. "Die Kabelbetreiber greifen einen zehnfach größeren Markt an als umgekehrt die Telefonkonzerne und Internet-Provider", schreibt Philipp Geiger von der Solon Management Consulting in einer neuen Studie. Insgesamt, so schätzt er, werde der so genannte Triple-Play-Markt in Europa bis zum Jahre 2010 von 0,7 auf 7,5 Milliarden Euro wachsen. Das Problem nur: Fernsehen ist in Deutschland so günstig wie sonst fast nirgends auf der Welt. Und der Anschluss ans Internet wird immer billiger. Warum also sollten Kunden ihre Anbieter wechseln? Und warum brechen die Platzhirsche so plötzlich in fremde Gehege ein? Sie geraten unter Druck.

Die Kabelgesellschaften verlieren Kunden an das Satelliten- und das digitale Antennenfernsehen, das bereits in etlichen Regionen Deutschlands zu empfangen ist. Beide Systeme erfordern zwar eine Anfangsinvestition vom TV-Konsumenten. Dann aber gilt der Nulltarif. Fast 15 Millionen Haushalte haben sich bereits für diese Varianten entschieden. Getrieben von den Kabelgesellschaften und ebenfalls auf der Suche nach zusätzlichen Umsätzen, müssen die Telcos reagieren. Die noch junge Technik DSL, sozusagen der Turbo beim Transport von Daten, macht es grundsätzlich möglich, ins TV-Geschäft einzusteigen. Video on Demand, also abrufbare Filme gegen Geld, gibt es bereits bei der Telekom, Arcor und Co. Richtig interessant aber wird die Sache erst, wenn auch die populären Sender wie ARD, ZDF, RTL oder ProSiebenSat.1 dazustoßen. Jetzt kommen – als Dritte im Bunde – die Programmanbieter ins Spiel und damit mächtige Medienhäuser. Sie verfolgen ihre eigenen Interessen.

Niemand konnte sie bis heute zwingen, ihre Programme in die digitalen Pipelines der Telefon- oder Kabelgesellschaften einzuspeisen. Besonders die etablierten privaten Sender halten sich zurück. Und so tobt ein Kampf um Macht und Einfluss – auf die Kunden und ihre Geldbörsen. Alle wollen von zusätzlichen Einnahmequellen profitieren, die es noch gar nicht gibt. Hans Hege, Direktor der Medienanstalt Berlin Brandenburg: "Die Crux ist, das es nirgends so viel Fernsehen für so wenig Geld wie in Deutschland gibt." Die Zuschauer seien zufrieden. Schlechte Zeiten für einen Umbruch.

In der alten analogen TV-Welt, in der die meisten Zuschauer noch heimisch sind, ist alles wohlgeordnet. Die öffentlich-rechtlichen Sender finanzieren sich über Gebühren und – nur begrenzt – über Werbung. Die kommerziellen Konkurrenten müssen ihr Geld ausschließlich mit Werbung verdienen. In den rund 30 Kabelkanälen hat jeder seinen angestammten Platz. Doch mit der Zeit wurde es dort eng. Die Medienanstalten, die als Türsteher fungieren und für die Zulassung neuer Sender zuständig sind, gerieten in Bedrängnis, weil Newcomer nicht mehr unterzubringen waren. Um den Marktplatz zu vergrößern und der staatlichen Mangelverwaltung ein Ende zu setzen, digitalisieren die Kabelgesellschaften inzwischen ihre Infrastruktur. Das schafft Raum: für bis zu 500 Programme. Und Freiheit: Programmanbieter und Kabelbesitzer müssen sich darüber einig werden, zu welchen Konditionen sie in der digitalen Welt kooperieren. Man braucht sich also, aber bekämpft sich noch.

Während ARD und ZDF im Kabel bereits digital zu empfangen sind, fürchten vor allem die beiden großen Sendergruppen RTL und ProSiebenSat.1 um Reichweiten und Werbeeinnahmen, wenn sie sich erst zwischen Hunderten von Programmen behaupten müssen. Seit über einem Jahr verhandeln sie nun schon mit den Kabelbetreibern – erfolglos. In der vergangenen Woche ging Rüttger Keienburg, der Präsident des Deutschen Kabelverbandes, in die Offensive. "Wir werden diesen Boykott nicht länger hinnehmen", ließ er verlauten. Die Kabelbetreiber könnten ihre Netze nicht durch einzelne mächtige Sender kaputtblockieren lassen. Die kontern, es mangele noch immer an einem schlüssigen Konzept.

Den Telefongesellschaften ergeht es nicht viel besser. Allerdings konnte T-Online im Mai eine Kooperation mit ProSiebenSat.1 verkünden: Zu sehen sind Serien, Filme, Shows und Comedys aus der eigenen Produktion des Senders. Ein bescheidener Anfang. "Weder Netzbetreiber noch TV-Sender werden vorankommen", sagt Alexander Mogg, Medienexperte beim Beratungsunternehmen Mercer Management Consulting, "wenn sie sich nicht aufeinander zu bewegen und an einem Strang ziehen." Exklusive Partnerschaften wie die zwischen TOnline und ProSiebenSat.1, so glaubt Mogg, trügen aber eher zur Verwirrung der Kunden bei. Noch scheint der Fernsehmarkt wie betoniert.

Jenseits des Machtkampfes mit den Sendern haben die Telcos einen entscheidenden Vorteil: Sie verfügen über einen direkten Draht zum Kunden. Für viele Kabelgesellschaften sind diese hingegen unbekannte Wesen. Selbst der größte Anbieter, Kabel Deutschland, der rund 10 Millionen Haushalte mit Fernsehsignalen versorgt, kennt nur knapp ein Drittel davon. Alle anderen überweisen die Gebühren an ihren Vermieter oder kleine Gesellschaften, die nur die Hausverkabelung ihr Eigen nennen. Das macht eine enge Abstimmung über Technik und Innovationen nötig, in vielen Fällen sogar unmöglich. Diese Struktur ist einzigartig in der Welt. Sie wirkt wie eine Blockade.

Die Zersplitterung des deutschen Kabelmarktes wird dazu führen, dass die Bewohner etlicher Regionen noch lange auf den Segen des Wettbewerbs warten müssen. Sie dürfen sich schon glücklich schätzen, wenigstens von der Telekom mit komfortablen Internet-Anschlüssen versorgt zu werden. "Verfügbarkeit" ist denn auch das Zauberwort, das den Kunden die Tür zu den neuen Multimedia-Angeboten erst öffnet. Fast jeder Anbieter, ob Telefon- oder Kabelkonzern, hat diese Rubrik inzwischen auf seiner Website. Wer dort seinen Wohnort eingibt, erfährt, ob er von den neuen Offerten überhaupt profitieren kann. Pech also, wer die falsche Adresse hat.