literarisches leben Schamhaar wie Lametta, am Strand
Autoren lesen im Sand
Övelgönne, den 28. August 2005
Über dem Elbstrand liegt an diesem Sontag Abend eine ganz besondere Müdigkeit. Nennen wir es die spätsommerliche Supereventerschöpfung. Haben die Hamburger nicht alles gegeben, um der Erlebnislage gerecht zu werden? Erst gestern hat der Welt größter Airbus auf seinem Jungfernflug den Horizont über dem Fluss verdunkelt, Spannweite gefühlte Hunderte von Metern, 90000 ließen gleichzeitig den Kopf nach hinten sinken. Erst letzte Woche ist das Traumschiff aller Traumschiffe vorbeigeschwebt, im Jubel von Hunderttausenden! Oder war das vorletzte Woche? Oder die Woche nach Deutschlands dröhnendstem Motorradfahrergottesdienst, doch wenige Tage vor den HEW-Cyclassics, gleich nach dem Spiel HSV gegen Valencia, dem Besuch von Otto Schily, erst gestern jedenfalls ereignete sich über Nacht die gigantischste Terrorismusfahndung aller Zeiten, tausend Polizisten, drei Verhaftete. New Yorker Verhältnisse! Ja, so schmiegt sich unser Leben dem globalen Urban Management an. Nur die Wellen rollen schmalrippig wie immer vor der legendären Kneipe Strandperle auf. Dort stehen zwei Lautsprecherboxen mit staksigen Beinen im Sand, dazwischen steht ein Barhocker, darauf sitzt eine Frau in Jeans und Parka, eine mit nackten Füße und herzförmigen Goldohrringen. »Ich lese euch jetzt noch eine zweite Geschichte, aber die ist nur ganz kurz«, kichert die Autorin Friederike Trudzinski. Nur eine kleine Geschichte! Nur einige wenige Leute! Von Menge jedenfalls mag man nicht reden, junge Paare sind gekommen, sogar ein paar grauhaarige. Freundinnen-Klüngel haben sich bäuchlings in kleine Sandkuhlen gebettet, eine Lady ist mit Klappstuhl in Position gegangen. Trudzinski legt los. Feuerzeuge klicken, Bierflaschen wandern zum Mund und zurück, ein Baby kreischt. Auf dem Programm des improvisierten »writer’s room« stehen sechs Autoren.
Der Elbstrand bei der Strandperle ist übrigens eine Legende. Die letzte raukefreie Zone der Republik! Am Selfservice-Tresen werden Makrele, Bockwurst und Frikadelle gereicht, gerne auf Plastiktablett. Frikadelle kommt mit einem Senftupfer von der Größe einer Frikadelle. In der »Strandperle« versammeln sich Menschen in so breiter sozialer Sortierung, dass es die hanseatische Villenpopulation des Hinterlands, auch Elbvororte genannt, als sozialistische Provokation empfinden muss. Das Volk fläzt hier also einfach so rum und hört sich die Geschichte vom Schulmädchen »Frauke« an, das vor dem erigierten Penis seines Freundes aufs Klo flüchtet und dort die Silberfäden aus dem Tanga puhlt, dass sie wie gleißendes Schamhaar auf den Vorleger fallen. Ja, nicht alle Literatur ist suhrkamp. Es gibt Geschichten, die sind wie Frikadelle mit Senf. Und finden sich trotzdem, wie an diesem Abend häufig erwähnt, in der einen oder anderen Anthologie, und die kann sogar von Rowohlt sein.
Es sind harmlose Geschichten im Stile von Wie ich mit Papa und Mama auf die Reeperbahn ging, deren Autor Stevan Paul jeden Beach-Wettbewerb als sympathischst schwäbelnder Schwiegersohn gewinnen dürfte. Traurige Geschichten von einer onkologischen Kinderstation, mit denen Benjamin Maak alle Kaubewegungen zum Erliegen bringt. Nicole wird zur letzten OP gerollt. »So ist die Liebe«, flüstert die Mutter ihrer sterbenden Tochter zu, »zehnmal ist man todkrank, dreimal will man sterben, dann akzeptiert man seine Mittelmäßigkeit, sei froh, dass du das nicht erlebst.« Die Autorin Tina Übel schleppt uns so resolut ans Bett einer sterbenden Mutter, man möchte einen Sichtschutz herbeiwinken, um die alte Dame zu schützen, man sehnt sich weg von diesem wortpittoresken Elend auf die California Luna, die tiefblau und mit Rostflecken vorbeikriecht. Wohin die wohl fährt? Was da wohl ist? Dann schreckt man auf. Eine hat sich im Sand aufgebaut, breitbeinig, die Knie durchgedrückt, den linken Arm mit dem Manuskript weit nach vorn gestreckt, die rechte Hand mit dem Mikrofon dicht am Mund: die Autorin Schütz.
Xochil Schütz kommt aus Berlin und brauchte kein Mikrofon. Sie bellt ihre Geschichte heraus, geradezu rücksichtslos und immer weiter, die Geschichte von einer jungen Frau mit zu viel Sex und zu wenig Liebe, die ihre Vormittage auf dem Sofa verbringt und den Gang zum Sozialamt verweigert, »weil es Gründe gibt, wegen denen ich zusammenbrechen muss, da will ich nicht auch noch eine Arbeit, die ich nicht liebe«. Es ist ziemlich still am Elbstrand, bis auf das Klinklonk von der Werft. »Allein sein und das, was ist, denken!«, ruft Xochil Schütz atemlos. Es wird kalt. Die Ersten ziehen ab. Später, als die Lesung schon lange vorbei ist, sieht man noch immer Leute, die im Kreis umeinander hocken, zu viert oder fünft. Irgendetwas dringlich beredend.
- Datum 01.09.2005 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 01.09.2005 Nr.36
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren