Interview »Die Reichen werden bezahlen«
Kirchhofs Vorstoß ist ein Anfang, sagt der CDU-Finanzexperte Friedrich Merz. Ein ZEIT-Gespräch über die Steuerreform und das Freiheitsverständnis der Union
DIE ZEIT: Herr Merz, wie realistisch ist der Traum vom Steuerparadies, von niedrigen Steuern und einem einfachen System? Wieso soll nach dieser Wahl klappen, was bisher nie möglich war?
Friedrich Merz: Der nächste deutsche Bundestag kann sich auf Vorarbeiten stützen, wie sie noch kein Parlament hatte. Es gibt ausformulierte Konzepte, sie alle wollen Vereinfachung. Wenn wir diese Chance nicht nutzen, wird sie nie wiederkommen.
ZEIT: Die Reformpläne des möglichen Finanzministers Paul Kirchhof sind noch radikaler, als Ihr eigenes – in der Union umstrittenes – Modell es war, er propagiert die Einheitssteuer von 25 Prozent. Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff sagt, das widerspreche dem »deutschen Gerechtigkeitsgefühl«. Hat er Recht?
Merz: Wulff kritisiert ja nicht Kirchhof, er beschreibt das Empfinden einer Bevölkerung, die sich an progressive Steuersätze gewöhnt hat. Ich kann mir die Einheitssteuer durchaus vorstellen.
ZEIT: Sie halten die Einheitssteuer für gerecht?
Merz: Sie ist jedenfalls dann nicht ungerecht, wenn die Grundfreibeträge so hoch sind, dass sie das Existenzminimum abdecken. In Kirchhofs Konzept und in dem der Union hat eine fünfköpfige Familie ein steuerfreies Einkommen von 40.000 Euro. Erst danach greift der Steuersatz von 25 Prozent. Je mehr man verdient, desto größer ist also die relative Steuerlast. Meinem Verständnis von Gerechtigkeit widerspricht das nicht.
ZEIT: Womöglich widerspricht eine so radikal niedrige Einheitssteuer aber anderen Unionsplänen. Dass die einheitliche Gesundheitsprämie kaum zu deutlich niedrigeren Steuern passt, war schon Streitpunkt, als Sie 2003 Ihre Reformpläne vorstellten.
Merz: Wir brauchen die Gesundheitsprämie. Und wenn wir dafür einen Sozialausgleich benötigen, muss der finanziert werden. Diese Finanzierung wird sich natürlich am Einkommen orientieren müssen. Die Frage ist also, ob man eine Flat Tax im Steuersystem mit einer Progression im Sozialversicherungssystem kombiniert. Oder ob man die Steuer progressiv gestaltet, so wie ich es vorgesehen hatte. Darüber muss man nach der Wahl reden.
ZEIT: Das ist die implizite Absage an eine Flat Tax.
Merz: Nein, ich habe nur eine Frage gestellt.
ZEIT: Sie haben 2004 gesagt, ein Steuersatz von 25 Prozent sei richtig, aber bei der Haushaltslage von Bund und Ländern nicht finanzierbar. Seitdem hat sich die Haushaltslage sogar noch verschlechtert.
Merz: Ja, aber ich glaube nicht, dass es wegen der Flat Rate zu zusätzlichen Steuerausfällen kommen würde. Wenn Einkommen und Unternehmen in gleicher Höhe niedrig besteuert würden, hätten wir wahrscheinlich nicht nur höheres Wachstum. Viel wichtiger ist, dass dann eine Reihe von Finanzierungsmethoden großer Kapitalgesellschaften völlig uninteressant würden. Deshalb würde das Aufkommen aus der Körperschaftsteuer drastisch steigen.
ZEIT: Das müssen Sie erklären.
Merz: Heute senken fast alle Dax-Unternehmen ihre Steuerschulden im Inland dadurch, dass sie Finanzierungsgesellschaften im Ausland gründen, die dann die Betriebsergebnisse abschöpfen, und zwar in Form von Zinsen, die an die finanzierenden Auslandsgesellschaften gezahlt werden müssen. Die Gewinne im Inland werden also im Ausland als Zinsen versteuert – und zwar zu einem geringeren Steuersatz. Das ist gängige Praxis. Wir müssen also mit den Tarifen für die Unternehmen runter, damit es einfach uninteressant wird, Finanzierungsgesellschaften im Ausland zu gründen.
ZEIT: Weiter runter als bei der Einkommensteuer?
- Datum 01.09.2005 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Serie cvd
- Quelle (c) DIE ZEIT 01.09.2005 Nr.36
- Kommentare 3
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Es trifft zu, dass, wie Merz ausführt, nach dem Steuerkonzept Kirchhofs mehr Steuern zahlen als sie z.Zt. faktisch entrichten. Die Tatsache, dass Umgehungsmöglichkeiten beseitigt werden, entkräftet jedoch nicht die Kritik an der Einheitssteuer (siehe Kirchof). Wie immer in seinen Stellungnahmen, so vertritt auch hier der Politiker Merz die Position, dass alle staatlichen Regelungen und Maßnahmen, die über die Sicherung des Existenzminimums hinausgehen u. mit soz. Gerechtigkeit begründet werden, eleminiert werden sollten und die Ergebnisse des Marktes ungeschmälert zur akzeptieren sind.
Hubert Ivo, Olpe
Friedrich Merz sagt an einer Stelle des Interviews: "Null ist null, weniger geht nicht." Wenn man ein wirklich einfaches Steuersystem einführen würde, welches nur folgendes enthält: das Einkommen E, den Grundbetrag G sowie einen einzigen einheitlichen Steuersatz e für alle Menschen, der aber erst oberhalb von G greift, dann wäre die Steuer S = e mal(E-G). Erweitert man den Bereich auf Einkommen E, die kleiner als G sind, würde das Ergebnis negativ, also kleiner als Null: das Finanzamt müsste diesen Betrag auszahlen. Dies führt zu der Idee, Arbeitslosengeld und Steuer zu verknüpfen. Neben einer gewaltigen Verwaltungsersparnis würde auch noch hinzukommen, daß der Arbeitslose beliebig viel hinzuverdienen könnte, die Formel würde immer gleich bleiben, bis zur Erreichung von G würde der Zuschuss vom Finanzamt allmählich abnehmen, bei E=G Null sein, und oberhalb G würde er langsam wieder zum Steuerzahler. - G und e sollten so gewählt werden, daß bei E=0 gerade der Sozialbeitrag herauskommt. Diese Formel würde jedem Menschen genügend Anreiz geben, sich eine Arbeit zu suchen. Und wenn er dann mal zu den großen Steuerzahlern gehört, wird er wenig Anreize haben, sein Geld ins Niedrigsteuerland zu verbringen, weil ein moderater Steuersatz im Inland ebenso attraktiv ist: es lohnt sich einfach nicht mehr. - Eine solche Steuerformel müsste noch um einen persönlichen Freibetrag F ergänzt werden: S=e*(E-G-F), dann würden die Ideale Freiheit (F), Gleichheit (e) und Brüderlichkeit (G) verwirklicht. - Im Grundbetrag G können Mietzuschüsse oder km-Pauschale summarisch für alle enthalten sein, jeder kann dann wählen, in einer teuren Wohnung neben seinem Arbeitsplatz zu wohnen oder stattdessen billig auf dem Lande weitab vom Arbeitsplatz.
Der Widerstand gegen einen einheitlichen Steuersatz oberhalb eines großzügig bemessenen Grundbetrages, der ein Vielfaches der Sozialleistungen beträgt und sich auch aus den Köpfen einer Familie berechnet - eine fünfköpfige Familie zahlt z.B. erst Steuern weit oberhalb von 40 000 Euro, wenn man die vorgeschlagenen Vereinfachungsbeträge hinzuzählt - , der Widerstand dagegen wird eher von den Vielverdienern kommen, die ihre bisherigen Möglichkeiten verlieren, die ihnen ein ansteigender Steuersatz bisher noch bietet. Jemand, der Steuererklärungen gemacht hat, weiß das. (Die Briefkästen sind voll mit Tipps und Tricks, wie man dem Finanzamt ein Schnippchen schlägt, wie es im Werbejargon heißt. Es gibt wohl keinen, der nicht davon gehört oder es selber probiert hat.) Auch die Steuerberater befürchten schon, daß sie in Zukunft Einnahmeverluste haben werden; ihr Jammern über die jetzige Kompliziertheit des Steuersystems ist vorgetäuscht, in Wirklichkeit ermöglicht es ihnen erst gute Geschäfte mit ihren Klienten, die selber nicht mehr durchschauen, aber die gezahlten Steuern zum großen Teil vom Finanzamt zurück haben möchten. Und dabei hilft ihnen ein ansteigender Steuersatz in doppelter Weise. Dazu ein Beispiel: ein guter Manager soll eingestellt werden, er stellt sich vor, nach Abzug aller Steuern und Sozialbeiträge 100 Tausend Euro übrig zu behalten; der Arbeitgeber muß ihm aber 200 Tausend geben, damit bei einem Abzug von z.B. 50% der gewünschte Betrag übrig bleibt. Das sei die Ausgangssituation. Nun macht der inzwischen eingestellte Vielverdiener bei seiner Steuerklärung jede Menge Steuer sparende Investitionen geltend. Nach Abzug kommt er mit seinem zu versteuernden Einkommen in einen Bereich, wo nur noch ein Steuersatz von z.B. 15% gilt. Er profitiert also doppelt: einmal durch die Erniedrigung der Bemessungsgrundlage und dann noch durch den dort niedrigeren Satz, der eigentlich für Wenigverdiener gedacht ist. Er hat also einen doppelten Anreiz, Steuern zu "sparen". - Anders ist es beim gleich bleibenden Steuersatz von z.B. 25% oder 30%. Der Wenigverdiener profitiert hauptsächlich vom steuerfreien Grundbetrag. Die Steuerzahlung setzt erst bei höherem Einkommen ein, so daß er nur wenige Prozent bezogen auf sein Gesamteinkommen zahlt: er ist sehr zufrieden mit seiner geringen Steuerlast. - Anders bei unserem Manager: um 100 Tausend Euro übrig zu haben, braucht sein Arbeitgeber ihm nur noch sagen wir 150 Tausend Euro Gehalt zu zahlen. Nach Abzug von einem Drittel bleiben ihm 100 Tausend. Und wenn er immer noch Steuer sparende Investitionen plante, dann wäre der Anreiz dazu aus zwei Gründen geringer. Erstens könnte er nach Abzug von sozialen Leistungen nur noch aus einem Betrag von weniger als 50 Tausend Euro schöpfen (statt wie vorher aus knapp 100 Tsd.), und zweitens würde sich der Steuersatz selbst auch nicht mehr durch Steuersparmaßnahmen verringern, weil er gleich bleibend hoch ist.
Wer alles hat davon nun Vorteile? 1. Der Arbeitgeber könnte echte Preissenkungen bei seinen Produkten oder Dienstleistungen vornehmen, um damit der Konkurrenz auf dem inländischen Markt, aber auch besonders beim Export, besser gewachsen zu sein. 2. Die Arbeitnehmer, die mindestens das gleiche Netto in der Tasche haben, werden von den dann niedrigeren Preisen profitieren. 3. Der Staat braucht auch nicht mehr soviel Steuern zu erheben, weil auch seine Investitionen (Schulen, Autobahnen, etc.) billiger werden. 4. Deutschland würde wieder anfangen zu blühen, weil es der Billiglohnkonkurrenz nicht nur durch Innovation sondern auch preislich besser entgegentreten könnte. (China und Indien setzen inzwischen auch auf Innovation. Und Deutschlands Vorreiterrolle schwindet dahin, weil der Anteil der Deutschen hier stark abnimmt. Die Pisa-Studien zeigen, dass wir uns in Zukunft nicht auf die deutschen Vorzüge aus der Vergangenheit verlassen können.) 5. Gute Leute würden wieder bezahlbar und einstellbar, sie würden nicht mehr abwandern. Usw.
Fast alle sind gegen einen einheitlichen Steuersatz und nehmen die hohen Grundfreibeträge nicht zu Kenntnis. Warum? Denkfehler?
Offensichtlich läßt sich so was nur in neuen Ländern realisieren, weil es dort noch keine Lobby für Ausnahmen zum Steuersparen gibt. Hier in Deutschland haben sich die Privilegien etabliert und sind kaum auszurotten.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren