Alle großen Schriftsteller schreiben ihr Leben lang an ein und demselben Buch. Nur mindere Talente versuchen sich in Variationen, erproben Sichtweisen, wechseln den Stil wie andere Leute die Automarken. Der besessene Künstler hingegen variiert nicht, sondern wiederholt. Sich, sein Thema, seinen Schreibgestus, seine Typen, seine Ansichten, seine Pointen. Diese These ist verführerisch und hat viele große Namen auf ihrer Seite. Wenn sie stimmt, ist Michel Houellebecq ein großer Schriftsteller, denn sein gesamtes bisher vorliegendes Werk widmet sich einem einzigen Thema ohne Variationen.

Der neue, in halb Europa mit größter Neugier erwartete Roman von Michel Houellebecq, Die Möglichkeit einer Insel, ist sein umfangreichster, sein besthonorierter, sein, so sagt er selbst, bedeutendster. Hatten wir es bisher nur mit dem Werther oder dem Tasso unserer Tage zu tun, so folgt nun der Faust . Ein Werk von umfassender, unbestreitbarer Weltdeutung, ausstaffiert mit einem Mythos, der ins Zentrum unserer Ängste und Hoffnungen zielt, ausgestattet mit einem Helden, der noch mehr, als das bereits in den vorhergehenden Romanen beabsichtigt war, das Zeug zum Prototyp unseres Zeitalters hat. Nein, nicht hat: haben soll. Von diesem kleinen Unterschied werden wir hier reden müssen.

Doch reden wir zunächst von angenehmeren Dingen, von den guten Absichten des Autors, von seiner inzwischen legendären verzweifelten, aber radikalen und erhellenden Sicht auf unsere Zeit. Die Brille, durch die Michel Houellebecq die Welt sieht und die bisher nicht nur im berufsjugendlichen Seitenflügel der Literaturkritik, sondern von vielen nachdenklichen Stimmen mit seufzendem Kopfnicken begrüßt wurde, ist, genau genommen, ein Körperteil. Noch genauer ist es der Phallus, der nach der unerschütterlichen Ansicht aller Houellebecqschen Herrendarsteller überall den Takt schlägt und je nach bekömmlicher oder unbekömmlicher Platzierung über Glück und Unglück, Glanz und Elend der männlichen Existenz entscheidet. Denn der Mann, so viel weiß der Autor vom Leben, ist der Sklave seines Schwanzes. Das ist sein großer Fluch und seine kleine Seligkeit. Ein einprägsamer, freilich äußerst übersichtlicher Gedanke, auf den letztlich die gesamte weltanschauliche Thesenmanufaktur des Michel Houellebecq zurückgeht, die darüber hinaus vom ausweglosen Biologismus des Menschen, über seine tragische, durch das verluderte sexuelle Vorbild der 68er-Elterngeneration bedingte Unfähigkeit zur Familienbildung, seinen angeborenen Materialismus, seinen reflexhaften Jugendkult bis zum Mythos eines neuen gentechnisch verbesserten Menschen reicht.

Alles in allem ein naiver phallokratischer und biologistischer Fundamentalismus, der nur so lange reizvoll und schillernd (die Kritik sagte an dieser Stelle gerne »ambivalent«) war und deswegen als besonders verwegener, tief melancholischer Fall von Zivilisationskritik durchging, wie er sich tränenumflort gab ob der verlorenen romantischen Ideale, deren letzte Strahlen den Horizont der verrotteten spätkapitalistischen Welt noch zart illuminierten. Man zeigte sich gerührt von den armseligen Sexmaniacs, die zwar ununterbrochen von den geilen Flittchen und ihren kleinen, geschmeidigen Muschis quatschten, aber doch die eine Frau fürs Leben meinten, die sie allerdings, traurig, aber so hart ist das Männerleben, jenseits der 40 gegen eine jüngere Frau fürs Leben eintauschen mussten. Der verzweifelte Masochismus, mit dem die willigen Vollstrecker des Konsumkapitalismus in den Romanen des Michel Houellebecq immer genau das taten, was sie nicht wollten, traf sich mit dem masochistischen Schick des desillusionierten Zeitgeistes. Das Ergebnis waren Millionenhonorare, Rummel und Ruhm. Nichts wäre ungerechter, als diese Erfolgsgeschichte im Nachhinein für ein Missverständnis zu halten. Aber für Ungerechtigkeit hat Michel Houellebecq ein großes Herz.

Der neue Roman jedenfalls lässt keine Missverständnisse aufkommen. Er fügt dem bekannten provokativen Themenbausatz der bisherigen – Einsamkeit, Sexbesessenheit, vergebliche Suche nach Liebe, Kinderhass, Altenhass, Menschenpark-Fantasien – nichts mehr hinzu. Er perpetuiert auch den bekannten, extrem entspannten, anspruchslosen, irgendwie abwaschbaren Berichtsstil, der hier allerdings in den so genannten obszönen Passagen merkwürdig onkelhafte Töne anschlägt (»geile Miezen« haben »tolle Kurven«). Er mäht die schönen Frauen, wie gehabt, beizeiten nieder und quatscht traurig weiter – Elisabeth Bronfen würde sagen: »nur über ihre Leiche«. Er heischt wieder dezent nach Mitleid für seinen Helden und verteidigt desperadohaft dessen pornografisch inspiriertes Weltbild (»Es ließ sich nur noch schwer verheimlichen, dass das eigentliche Ziel der Menschen ausschließlich sexueller Natur war«). Mit anderen Worten: Ihn schmerzt wie üblich die Verödung der Welt, die zu nicht geringen Teilen ein Ergebnis seiner eigenen öden biologistischen Ansichten ist. Weit und breit nichts als Koketterie mit intellektueller Pornografie und dem Leid an ihr. Alles beim Alten. Der neue Roman ist ein Klon seiner Vorgänger.

Also alles in Butter und Houellebecq, wie gehabt, ein großer Schriftsteller, der den Nerv der Zeit trifft? Nein. Die stets gerühmte Ambivalenz will sich diesmal nicht einstellen. Das Lamento des Erzählers, der uns versichert, die ermüdende Parade der Mösen und Brüste nur deswegen abzunehmen, weil ihm Schicksal und Kapitalismus den Himmel der Liebe tückisch versperrten, wirkt phrasenhaft und routiniert. Die große, unmögliche Liebe, die den Erzähler gleichwohl zweimal unglücklich heimsucht, schmeckt nach Thesenpapier (Isabelle ist schon etwas älter, darf dafür auch etwas intelligenter sein, sogar so intelligent, dass sie sich, sobald die ersten Hautunschönheiten auftreten, selbst entsorgt; Esther ist Anfang zwanzig, zeichnet sich im Wesentlichen durch den Verzicht auf Unterwäsche, das »kleine, gut gestutzte blonde Rechteck« ihres Schamhaars und eine hippe Promiskuität aus). Die gentechnischen Jungenträume gewinnen dafür eine schwer verdauliche Seriosität: In rätselhafter Ausführlichkeit wird das segensreiche Wirken einer Sekte ausgebreitet, die ihren Mitgliedern das ewige Leben als Klon in Aussicht stellt.

Der Plot ist schematisch, eine Fabel, die ins Biblische und Endzeitliche zielt und deren Pointe darin besteht, dass der Antiheld einen Lebensbericht verfasst, der von seinem gentechnisch verbesserten Nachfahren zweitausend Jahre später kommentiert wird. Der Erzähler ist ähnlich wie sein Erfinder durch medienwirksamen Zynismus und politisch inkorrekte Provokationen zu Geld und deutlich verbesserten Startbedingungen im Kampf um die kopulationstauglichsten Weibchen gekommen.