Belletristik Der geklonte RomanSeite 2/2
Sein Klon hingegen ist ein Ausbund an Weltüberwindung und Begierdelosigkeit, lebt erlöst von der Diktatur seines Phallus in einer Schaltstation wie ein Engel auf der Wolke und verkehrt mit seinesgleichen nur noch auf dem Datenwege. Draußen vor dem Labor hat der Untergang des Abendlandes schon lange stattgefunden. Doch auch im Paradiesgärtlein der Gentechnologie hat die liebe Techno-Seele keine Ruh, eine nie verglimmende Restsehnsucht nach Körperlichkeit treibt den Neo-Menschen doch um und aus dem verkabelten Gehäuse. Das geht nicht gut, denn die Vereinigung von Natur und Geist, das große romantische Projekt, ist definitiv missglückt, Liebe auf ewig unmöglich. Freude finden Mensch und Neo-Mensch nur noch bei ihrem treuen Hund. Das in etwa hat mein Onkel Erwin auch schon immer behauptet.
Ergebnis: Der große bis größenwahnsinnige eschatologische Anspruch der Erzählung und ihre kostengünstige bis heftchenhafte Ausführung finden in keinem entlastenden Zauberwort wie absichtsvoll, durchtrieben oder ironisch mehr zusammen. Ein Roman, der sich selbst aushungert, stirbt. Denn minus mal minus ergibt in der Literatur nur in Glücksfällen plus. Und Glück will Michel Houellebecq in keinem Fall haben.
Michel Houellebecq: Die Möglichkeit einer Insel
Roman; aus dem Franz. von Uli Wittmann; DuMont Verlag, Köln 2005; 443 S., 24,90 €
- Datum 01.09.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 01.09.2005 Nr.36
- Kommentare 3
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Houellebecq ist umstritten... Ich bin aus dem "Nouvel Observateur" auf sein sein erstes Buch aufmerksam geworden, als er noch nicht bekannt und gehypt war. Entweder wird man Michael lieben oder hassen...
Er hatte auch einige Prozesse hinter sich...
Weil Houellebecq sagte in einem Buch: Der Islam ist die dummste Religion. und weiter: Das konnte nur von Nomaden erfunden werden, die nix besseres zu tun hatte, entschuldigen sie mein Herr, um Kamele zu sodomieren... (das habe ich frei aus dem Frazösichen übersetzt)
Auch bekam er eine Klage von Sos-Racisme, weil er an einer Stelle was gegen Schwarze sagte. (Nähmlich dass die einen grossen Schwanz, aber ein Hirn wie ein Reptil hätten) (das habe ich auch frei aus dem Frazösichen übersetzt)
Aber das ist alles nur ein Bruchtteil seines Textes, Er provoziert nur gern, und macht auf "white trash" ähnlich wie der Rapper Enimen. Jetzt hat er einen Fan club, der ihn unterstützt. Sogar Peter Sollers war im Prozess dabei... Es gibt sogar einen Amateur-Prono mit Houellebecq den man auf einer DVD in einem frazösischen Lifestyle Magazin in einer Sonderausgabe über Houellebecq finden konnte.
Auch ist er umstritten da er in Irland wohnt, aus Steuergründen-
Der Houellebecqsche Anti-Held ist sex-bessesen, liesst Video Hot, und besucht Swinger-Clubs und ist ein weisser Mann, der eine Art Mid-Life Crisis hat, Anfälle von Depressionen etc. Sicher hat das was mit seiner Lebensgeschichte zu tun...Was ein wenig doof ist, dass die meisten Frauen oft wie Schlampen dargestellt werden.
Dennoch denke ich nicht das Houellebecq so denkt wie seine Antigonisten... Seine Bücher finde ich existentalistisch, und ich denke jeder findet sich irgendwo in diesen unmöglichen Situationen wieder.
Ausweitung der Kampfzone hat es mir angetan... DIe Bücher sind auch immer Gesellschaftskritik. Ausweitung der Kampfzonen gegen ökonomischen und sexuelle Liberalismus z.B.
Schaut euch mal an was Leselust dazu schreibt.
http://www.die-leselust.d......
Plattform ist eine Kritik am Sex-Tourismus und der Vermarktung des Sexes.
Elementarteilchen beschäftigt sich mit Wissenschaft und Sozialkritik.
Das neue Insel-Buch handelt von Sekten, Klonen und solche Sachen...
Die Bücher enthalten Sprengstoff als Provokationen, aber auch Ironie und existentialistische Themen.
Jedenfalls mir gefällt der Styl super, in Frazöisch jedenfalls, und habe bis auf das letzte Buch alles verschlungen.
Wer Houellebecq noch nicht kennt sollte sich http://de.wikipedia.org/w... ansehen.
Für wahre Fans empfehle ich: http://www.houellebecq.info/ Site officiel de l'écrivain Michel Houellebecq / Offizielle Homepage, die auf 4 Sprachen, auf Deutsch ist... Da sind auch Info zum Fanclub und ein Forum zu finden.
Euer Robert
Ich bin mir gar nicht so sicher, ob sich Houellebecq tatsächlich so nachlässig auf einen "naiven phallokratischen und biologistischen Fundamentalismus" zurechtstutzen lässt, wie es der Autorin gefällt. Zwar dürfte diese Lesart in etwa den Mainstream der aktuellen Houellebecq Diskussion erreichen, aber verbirgt sich dahinter nicht doch ein wenig mehr?
Zeigen sie mir den Autor, der ähnlich souverän mit der Diksursverschiebung der zurückliegenden kleinen Zeit operiert und vor allem: mit ihr künstlerisch zurechtkommt - vielleicht mal einen der herausragenden Deutschen! Mir scheint Houellebecq vielmehr die Brücke zu schlagen zwischen dem Wirtschaftsteil und dem Feuilleton einer jeden besseren Tageszeitung - und zwar auf eine Art, wie es die öffentliche Wahrnehmung im Tagesgeschäft erlebt. Dass die Kulturpublizistik ein solches Projekt beklagen muss, liegt vielleicht auf der Hand. Aber steckt dahinter nicht am Ende eine deutliche politische Position und darin ein wesentlicher künstlerischer Wert?
Ich erinnere mich beispielsweise, in Plattform sehr scharfsinnige, sehr robuste Bezüge zum Wandel von Arbeitswelt gelesen zu haben; einem Wandel, der die sozioökonomische Sinngebung ganzer Bewertungssysteme umwälzt und dessen Ergebnisse in Plattform plastisch vermessen werden. Wer stellt sich diesen Zusammenhängen heute eigentlich literarisch?
Ich meine, Houellebecq ist in weitaus geringerem Maße die Geschichte eines Körperteils. Mir persönlich scheint hier viel eher der Versuch vorzuliegen, die - eines Tages womöglich (endlich) - zu Ende reformierte, effektivierte, dann womöglich sinnentleerte soziale Welt bereits heute zu begutachten. Wer sich auf Houellebecqs Sexismus konzenrtiert, verstellt sich, wie ich glaube, den Blick auf Wesentliches.
Ich war - bis zu diesem Roman - ein bisschen Fan von Houllebecq, Elementarteilchen halte ich nach wie vor für einen der wichtigsten Romane der 90er Jahre. Flankiert wurde dieses Meisterwerk von einem zornigen Frühwerk, "Ausweitung der Kampfzone", sowie einem milden Alterswerk, "Plattform". Beide weit weniger wichtig, aber doch sehr lesenswert. Alle Bücher waren durchdrungen vom einer Mischung aus Zorn und Verzweiflung an der Menschheit, die aber stets aus einer tiefen Anteilnahme, aus dem Wunsch zur Zugehörigkeit, die eben nur als unmöglich empfunden wurde, entsprang.
Bei "Die Möglichkeit einer Insel" fehlt dieser Wunsch, spricht nurmehr die Enttäuschung, die Verbitterung. Es wird nicht mehr angeklagt, sondern nurmehr geklagt, ja gejammert. Erst das macht den im übrigen auch sehr schwach konstruierten Roman so langweilig und völlig bedeutungslos.
Die langen Passagen aus der Welt der Neo-Menschen zeigen im Übrigen überdeutlich, wie gut Houllebecq damit beraten war, bei "Elementarteilchen" den SF-Anteil auf ein kurzes Vor- und Nachwort zu beschränken. So brilliant er in seinen guten Momenten als Anlaytiker der heutigen Gesellschaft ist, so bescheiden Fallen seine Ideen zum Entwurf einer überzeugenden zukünftigen Gesellschaft aus.
Schade um den hoch interessaten, wunderbaren Titel des Romans, der wahrlich eine bessere Ausführung verdient hätte.
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