In Helmut Lachenmanns Stück …zwei Gefühle…, Musik mit Leonardo für Sprecher und Orchester wähnt man sich auf der Wanderung durch eine vulkanische Urlandschaft. Man glaubt beim Hören das schrundige Felsgestein unter den Füßen zu spüren. Erkaltete Lavablasen und schwarzes Geröll, scharfkantige Krater und gähnende Erdspalten. Man assoziiert Reliefstrukturen mit dem Rumoren der tiefen Blechbläser, fauchende Fumarolen mit tonlosen Anblasgeräuschen, und das hinter dem Steg gestrichene Cello klingt wie ein mineralisches Knirschen. Lachenmanns Musik hat keinen illustrativen Charakter. Seine "Klanglandschaft in unwirtlicher Höhe", wie er die Komposition genannt hat, ist abstrakt und trotzdem von großer Bildhaftigkeit. Im Text von Leonardo da Vinci, der dem Stück zugrunde liegt, lässt sich ein einsamer Wanderer vor einer Höhle nieder: "Als ich aber geraume Zeit verharrt hatte, erwachten plötzlich in mir zwei Gefühle: Furcht und Verlangen. Furcht vor der drohenden Dunkelheit der Höhle, Verlangen aber, mit eigenen Augen zu sehen, was darin an Wunderbarem sein möchte." Dieses "Wunderbare" erscheint in Lachenmanns Musik als ein amorphes Rauschen, das die Streicher hervorbringen, indem sie ihre Bögen über aufgesteckte Sordino-Dämpfer führen – ein Geräusch von kaum wahrnehmbarer, gleichsam utopischer Zartheit.

Am 27. November wird Helmut Lachenmann 70 Jahre alt. Er gehört zu den bedeutendsten lebenden Komponisten in Deutschland, und schon jetzt hat mit einer Werkschau beim Lucerne Festival die große Geburtstagsfeier begonnen, bei der sich Aufführungen und Workshops in verschiedenen Städten bis Ende des Jahres aneinander reihen. Die Leonardo-Musik liefert ein schönes Bild für die Haltung, mit der Lachenmann sein Komponistenleben bis heute bestreitet: Vor der Höhle angekommen, hat er noch immer den Kopf in die Dunkelheit gesteckt, um das Wunderbare, sprich: das unbekannte Neue zu schauen. Das Stück handelt vom unermüdlichen Lachenmannschen Forschergeist, von der ewigen Suche nach unverbrauchten Ausdrucksformen. Der Stuttgarter Wanderer hat im Terrain der neuen Musik stets die schwierigen, scheinbar unbegehbaren Routen oberhalb der Baumgrenze gewählt.

Wie gemütlich ist demgegenüber doch der Aufstieg, den Richard Strauss in seiner Alpensinfonie komponiert hat: mit dem Sonnenaufgang hinauf zu den Blumenwiesen und dem Almglockengebimmel, über den Gletscher auf den majestätischen Gipfel und durch einen Sturm wieder hinab. Eine sinfonische Dichtung im Postkartenformat. Wo Lachenmann sich durch unerschlossenes Gelände tastet, grüßt Strauss auf wohl bekannten Pfaden mit dem Strohhut. Während der Garmischer die großsinfonische Tradition als opulente, deftige Brotzeit im Rucksack hat, sind beim Stuttgarter davon allenfalls ein paar eingetrocknete Brotkanten und etwas Wurstpelle übrig.

Die "Alpensinfonie" als Geburtstagsgeschenk

Die beiden passen nicht zusammen. Wie auch? Eine Gegenüberstellung ist so amüsant wie absurd. Und trotzdem hat sich Lachenmann zu seinem Geburtstag nichts anderes gewünscht als eine Aufführung der Strausschen Alpensinfonie in Verbindung mit seinem eigenen Orchesterstück Ausklang. Lachenmann sagt: "Wir verdrehen die Augen bei Mahler und kneifen sie bei Strauss skeptisch zusammen. Wir sind taub und voreingenommen." Die Alpensinfonie sei keine unreflektierte Musik, sie gebe sich nur ungebrochen. "Diese Art Abschiedsfeier von einem nur noch scheinbar intakten, zur Attrappe gewordenen Weltbild ist für mich nicht weniger apokalyptisch und hellsichtig erhellend als jene Musik, die den Bruch vollzieht." Lachenmann geht es bei seiner überraschenden Strauss-Verteidigung um eine kritisch wache Wahrnehmung von Tradition und um ein an neuen Kontexten geschärftes Hören. "Wir leben unter einer philharmonischen Geborgenheitsglocke."

Das Ensemble Modern (mit Markus Stenz am Dirigentenpult) hat diese Geborgenheitsglocke nun in Luzern, wie vom Komponisten gewünscht, gelüftet. Einer brillanten Realisation von Ausklang stellte es – erweitert zum Riesenorchester – eine Strauss-Interpretation der gefrästen Phrasierungen und der getackerten Rhythmik zur Seite – das grandiose Alpenpanorama als kubistisch verwinkelte Laubsägearbeit. Was den Attrappencharakter, den Lachenmann an der Alpensinfonie so schätzt, freilich gut zur Geltung brachte. Und trotzdem: Es ist kaum Strausshaftes bei Lachenmann zu finden und schon gar nichts Lachenmannsches bei Strauss. Wie Findlinge aus einander fernen Welten stehen die beiden Großwerke stumm nebeneinander. Ein Geburtstagsgeschenk, das wohl nur der Jubilar selbst so richtig zu schätzen weiß.

Aber vielleicht ist da noch etwas anderes, das Lachenmann an Strauss interessiert – die Souveränität, mit der jener über alle kompositorischen Mittel verfügte, und das Problematische, das daraus erwuchs. Auch Lachenmann beherrscht seine musique concrète instrumentale mit all ihren dialektischen Volten und Brechungen längst aus dem Effeff. "Ich hätte in meiner Musik immer effektvoller mit Geräuschen weiter herumbotanisieren können", sagt er. "In der Welt der Kratz- und Fauchgeräusche kannte ich mich besser aus als andere." Und weil Lachenmann sich nie zufrieden gibt mit dem, was er kann, entdeckt man in seinen jüngeren Werken einen verwandelten Ton, zum Beispiel in Concertini, das in Luzern (ebenfalls vom Ensemble Modern) uraufgeführt wurde. Darin finden sich die bewährten kompositorischen Strategien: Es gibt raffiniert ertüftelte Resonanzwege der Klänge von der Posaune in den offenen Flügel und zurück ins Ensemble. Oder es gibt ein Scharrkonzert der subtilen Geräusche mit Stöckchen, die über die Kante einer Holzkiste gestrichen werden, und Riffelstäben, die Marimbazungen tremolieren lassen. Aber es gibt auch eine unüberhörbare Verflüssigung des Klanggeschehens im Vergleich zu früheren Stücken, einen Schwung mit eloquent sprudelnden Tonfolgen, einen mitunter fast ins Linkshändige gewendeten Elan. Etwas Entfesseltes wirkt in diesem rasant dahingehenden neuen Stück. Obwohl Helmut Lachenmann doch eigentlich als der große Selbstfesselungskünstler der Neuen Musik gilt.