Am 2. September findet in Berlin ein Sadomaso-Straßenfest statt. Dafür wirbt unter anderem eine Homepage im Internet, auf der ein Lederkerl mit Gasmaske, angekettet an ein Pissoir, zu sehen ist. In einer Grußbotschaft feiert Bürgermeister Klaus Wowereit die Lebensfreude pur, begrüßt in der toleranten und weltoffenen Metropole die Menschen unterschiedlicher Vorlieben, hofft, dass sie sich wohl fühlen und das Fest alle Skepsis abbaut. Es gibt also noch Skeptiker, für die die Fesselung an ein Pissoir keine Lebensfreude pur bedeutet.

So weit, so schlimm. Die Kritik an dem Grußwort betont die Gewaltneigung der SM-Szene und fragt nach der Würde des Bürgermeisteramtes. Sie ist zutreffend, trifft aber nicht alles. Denn der Skandal ist, dass Wowereit ein zumindest fragwürdiges Milieu zur Stadtkultur erhebt, ja in der Veranstaltung sogar einen emanzipatorischen Beitrag sieht. Dass eine weltoffene tolerante Metropole auf Diskriminierung verzichtet, ist aber vor allem eine Leistung der Allgemeinheit. Der oberste Repräsentant seinerseits muss diese Leistung wenigstens mit moralischem Taktgefühl und Würde honorieren. Wowereit hingegen erklärt gewisse Sexpraktiken kurzerhand zur Essenz von Toleranz.

Da in Berlin die Minderheitskultur längst nicht mehr diskriminiert wird, ist sie auch nicht irgendwie links oder emanzipatorisch, sondern eine egoistische Klientel der Toleranznehmer gegenüber einer abgestumpften Mehrheit von Toleranzgebern. Wowereits Berlin schwankt zwischen Toleranz und Liederlichkeit. Die Hauptstadt sieht er als nationales Bahnhofsviertel. Damit wird der Bürgermeister zum Problem. Wie will der oberste Repräsentant Berlins die Nation überzeugen, für die Hauptstadt Geld zu opfern, wenn er die Stadtkultur auf das Niveau einer RTL-2-Reality-Show degradiert?