Eine knappe Stunde spricht Angela Merkel auf dem Dresdner Schlossplatz. Konzentriert versucht die Kanzlerkandidatin aus dem Osten, die Zuhörer für ihre Vorstellungen von einer besseren Politik in Deutschland zu gewinnen. Sie beklagt das Versagen von Rot-Grün, erklärt, warum sie die Mehrwertsteuer erhöhen will, trauert verpassten Chancen nach und preist den Wechsel. Zu einem Thema sagt sie kein Wort: wie eine Kanzlerin aus dem Osten den neuen Bundesländern auf die Beine zu helfen gedenkt. Angela Merkels Wahlkampf spart das Thema Aufbau Ost gezielt aus, und das irritiert manchen prominenten Parteifreund. "Sie hat einen exzellenten Überblick über die Situation", wundert sich Arnold Vaatz, der Sprecher der ostdeutschen CDU-Abgeordneten im Bundestag, "sie wäre mit Abstand die beste Lösung für den Aufschwung in den neuen Bundesländern." Jürgen Seidel, der CDU-Vorsitzende von Mecklenburg-Vorpommern, sieht es ähnlich: "Natürlich muss Frau Merkel gesamtdeutsch fühlen und denken. Aber sie stammt von hier und hat das verinnerlicht. Gerade sie könnte dem Osten die Zuwendung geben, die er von den Politikern vermisst." Doch nie hat Merkel den Aufbau Ost zur Chefsache erklärt. Mehr noch: Er bleibt für sie tabu. Sie will nicht – und steht damit auf eigenartige Weise für ihre Partei. Denn die CDU insgesamt hat programmatisch zu Ostdeutschland nichts zu bieten.

Insofern ist Merkels Auftritt in der sächsischen Landeshauptstadt typisch. Sie macht den Dresdnern ein paar Komplimente für den symbolträchtigen Wiederaufbau der Frauenkirche, den schnellsten Chip der Welt und die gute Platzierung beim Pisa-Test. Aber das ist auch schon alles. So, als wäre der Osten bereits im Westen angekommen und brauchte keine spezielle Behandlung mehr. Als habe man sich auf die Formel verständigt: Die Zeit für Sonderregeln ist vorbei, nur wenn das ganze Land prosperiert, schwappt das irgendwann auf den Osten über.

So ähnlich hat es Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus formuliert, der als Ostbeauftragter zu Merkels Kompetenzteam gehört: "Die Union setzt bewusst darauf, Wachstum und Beschäftigung in ganz Deutschland zu stärken. Das kommt auch den neuen Ländern zugute." Keine Debatte um Cluster und Gießkannenpolitik, um Wachstumskerne und Sonderwirtschaftszonen, um Steuerpräferenzen und Ausstieg aus Tarifverträgen, wie sie in den vergangenen Monaten von Politik und Wissenschaft ausgetragen wurde.

Selbst prominenten Christdemokraten erscheint das als Programm etwas dünn. So moniert Wolfgang Böhmer, der CDU-Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt: "Wir müssen die allgemeinen Absichtserklärungen zum Aufbau Ost konkreter ausfüllen." Und sein sächsischer Kollege Georg Milbradt sagt: "Man müsste spezifischer auf Ostdeutschland eingehen." Aber warum tut er als Wirtschafts- und Finanzexperte das nicht? "Das ist nun mal Angela Merkels Entscheidung", lautet die Antwort. Die Kanzlerkandidatin, mit der sich Milbradt nicht sonderlich gut versteht, verwarf die Idee eines speziellen Ostwahlkampfs. Aus diesem Verzicht folgert der Ostberliner CDU-Abgeordnete Günter Nooke durchaus logisch: "Wer sagt, es gibt keinen Osten mehr, der kann auch keine spezifischen Ansprüche stellen."

Diesen Eindruck vermittelt selbst das Wahlprogramm der Unionsparteien. Da ist zu lesen, dass die ostdeutsche Wirtschaft deutlich stärker wachsen muss, dass der Solidarpakt II wie beschlossen einzuhalten ist, dass die EU-Fördermittel weiter fließen sollen – pure Selbstverständlichkeiten. Ein bisschen konkreter ist immerhin die Forderung nach Öffnungsklauseln bei Bundesgesetzen, Berücksichtigung ostdeutscher Betriebe bei öffentlichen Ausschreibungen und Einführung von Kombilöhnen. Aber das ist alles, was angeboten wird zur Illustrierung des programmatischen Satzes: "Wir geben dem Osten Deutschlands neue Perspektiven."