Anfangs glaubt Karen Troyer-Caraway, der Sturm verschone ihr Krankenhaus. Nur ein paar Fensterscheiben drückt Hurrikan Katrina ein, bevor er wieder verschwindet. Das Tulane Medical Center ist ein massiver Bau aus Waschbeton. Den haut nichts so schnell um. Vorsorglich hatte Troyer-Caraway, stellvertretende Direktorin des Hospitals, die Notaufnahme in den ersten Stock verlegen lassen. Man weiß ja nie, wie hoch die Flutwelle ist, die ein Hurrikan vor sich herschiebt. Als die Sturmfront an New Orleans vorüberzieht, fällt der Strom aus. Der Notgenerator springt an. Ansonsten: Alles in Ordnung.

Am nächsten Morgen ist eine erregte Krankenhaus-Chefin zu hören: »Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie schnell hier das Wasser steigt. Wir haben jetzt Schaumkronen auf der Canal Street.« Über Nacht ist der Pegel im Geschäftsviertel von New Orleans um 30 Zentimeter pro Stunde gestiegen, danach immer noch um fünf Zentimeter stündlich. Zum Frühstück erreicht das Wasser die Decke des Erdgeschosses. Am Dienstagabend, um Mitternacht deutscher Zeit, fällt der erste Notstromgenerator aus. Die Behörden beschließen die komplette Räumung des Gebäudes – mit dem Hubschrauber vom benachbarten Parkdeck aus.

Dammbruch in New Orleans. Die schlimmsten Befürchtungen werden doch noch wahr. »Die Badewanne« nennen sie die Innenstadt, weil sie unterhalb des Meeresspiegels liegt. Nun läuft sie voll. Es ist die Katastrophe nach dem Sturm.

80 Prozent der Stadt seien überflutet, sagt der Bürgermeister Ray Nagin. Mit »einer großen Zahl von Toten« sei zu rechnen. Die Zählung hat eben erst begonnen, da ist schon von 80 Opfern die Rede – allein an der Küste von Mississippi, jener Region, die Hurrikan Katrina sich für die schlimmsten Verwüstungen ausgesucht hat. 30 Menschen begräbt ein einstürzender Apartment-Komplex im Strandstädtchen Biloxi unter sich. Sieben Leichen werden aus einem Kanal hinter dem Ort gezogen. Dass die Zahl der Toten steigen wird, gilt als sicher. Hunderten sind in New Orleans die Dachböden ihrer Häuser zu Fallen geworden. Nicht alle sind dem Rat der Behörden gefolgt und haben Äxte mitgenommen, um bei steigendem Pegel notfalls den Dachstuhl zertrümmern und nach oben flüchten zu können. Wie viele Menschen ausharren und auf Rettung warten, lässt sich kaum erahnen.

Mississippis Gouverneur Haley Barbour nennt die Zerstörungen »absolut katastrophal«, und die ersten Filmaufnahmen aus dem Hubschrauber geben ihm Recht. Zwei Millionen Menschen sind ohne Strom. Boote und ganze Häuser hat der Sturm vom Strand aus kilometerweit ins Inland getragen. Häuserblocks sind eingestürzt. Unbeschädigt ist an der Küste nichts geblieben. Yachten liegen am Strand aufgehäuft. Die Flutwelle soll sieben Meter Höhe erreicht haben. Eine braune Brühe voller Holz, Schutt und Chemikalien wälzt sich durch New Orleans. Der Sturm hat diversen Wolkenkratzern der Innenstadt die Scheiben eingedrückt. Nun wehen die Vorhänge im Wind. Nach ersten Schätzungen könnte Katrina die Versicherungsgesellschaften bis zu 26 Milliarden Dollar kosten. Mehr als Rekordhalter Andrew, der 1992 Südflorida traf.

Aus Dachkammern rufen Menschen um Hilfe. Der Pegel steigt weiter

Auch damals erschloss sich den Helfern erst nach Tagen das ganze Ausmaß der Tragödie. So könnte es diesmal wieder sein. Als Katrina auf die Küste zuwirbelte, waren alle Augen auf New Orleans gerichtet, die Metropole, die unterhalb des Meeresspiegels liegt, nur von Dämmen beschützt. Seit der Gründung 1718 fürchteten die Bewohner, dass eines Tages the big one kommt, die Mutter aller Wirbelstürme. Diesmal war Kategorie 5 angesagt. Schlimmer geht’s nimmer. Der Bürgermeister versprach, man werde »die Stadt wiederaufbauen, noch schöner als zuvor«. Im letzten Moment drehte der Sturm nach Osten ab. Nur 10 oder 15 Meilen verschob sich die Bahn, aber genug, den Kern der Stadt vor dem Schlimmsten zu bewahren. Es schien, New Orleans sei gerettet. »Armageddon haben wir erwartet«, rief Reportin Jeanne Meserve in die Kamera von CNN. »Armageddon ist es nicht.«

Doch dieselbe Reporterin berichtet am Abend weinend aus einem Armenviertel wenige Meilen weiter östlich. Mit einem Rettungsboot ist sie in den Straßen unterwegs. 40000 Menschen wohnen hier. Viele sind den Aufforderungen zur Evakuierung offenkundig nicht gefolgt. Nach dem Dammbruch sind sie von den Fluten eingeschlossen, Gefangene in ihren eigenen Häusern. Von Leichen, die durch die Straßen schwimmen, berichtet die Reporterin. Und von Menschen, die aus den Dachkammern ihrer Häuser heraus um Hilfe rufen, während der Pegel steigt. Dann haben die Behörden keine Alternative mehr: Die Stadt wird komplett geräumt. Alle müssen raus.

Als der Sturm zum Wochenende auf das Mississippi-Delta zudrehte, erwartete mancher zunächst nicht mehr als ein Ärgernis. Ein Naturphänomen, mit dem man in den Tropen eben rechnen muss. Touristen nahmen die Warnungen nicht ernst und blieben in der Stadt. Wer sich monatelang auf eine Traumhochzeit in New Orleans vorbereitet hat, mag die Gäste nicht einfach wieder ausladen.

»Muss wohl ein Witz sein«, sagte Katrina Christoval, als sie ihren Namen am Morgen ihrer Trauung im Fernsehen sah. Doch nicht um ihre Hochzeit ging es in der Sendung, sondern um einen Sturm. Schon vor ein paar Monaten hatte sie die Liste der Hurrikan-Namen des Jahres 2005 angeschaut und ihren eigenen darauf entdeckt. »Katrina kommt bestimmt an meinem Hochzeitstag«, ahnte sie damals – und verdrängte den Gedanken gleich wieder. Am Wochenende wurde sie nervös, als die Eheschließung nahte und der Bürgermeister zugleich die Evakuierung der Stadt anordnete. Der Bräutigam schickte sie zur Beruhigung noch schnell zur Massage. Mehrmals hatte der Mann vergeblich um ihre Hand angehalten. Nun mochte er die Hochzeit mit Katrina keinesfalls verschieben, nicht mal wegen einer Katrina. Dass die Blumen nicht mehr eintrafen und auch nur wenige der 350 geladenen Gäste, konnte das Paar nicht mehr vom Kurs abbringen. Am Abend, als Hunderttausende die Stadt verließen, stieg die Trauung in der Franklin Avenue Baptist Church. Noch gab es Strom.

Manchmal war es nur Lust am Risiko, die die Menschen in der Stadt hielt. Sie blieben, um mit Katrina zu tanzen. Ein Männlichkeitstest, der in New Orleans Tradition hat. Wer sich beweisen wollte, ging zu Molly’s at the Market. Die Kneipe steht im Ruf, nie zu schließen, nicht einmal, wenn die Behörden eine Ausgangssperre verhängen. So sammelte sich bei Molly’s am Sonntag ein Haufen Gestrandeter und Möchtegern-Helden. Es gab Pizza und Bier und Macho-Sprüche. Als am Abend klar wurde, dass nicht nur die Angstlust des US-Fernsehens den Grund für die Warnungen lieferte, geschah das Unerhörte: Erstmals schloss Jim Monaghan seine Gaststätte. »Ich habe mich mit dieser Entscheidung gequält«, sagt er. »Aber ich konnte nicht 100 Leute hier drin haben, wenn etwas passiert.«

Molly’s liegt im französischen Viertel. Es ist berühmt für Jazzkneipen und Fresstempel, liegt aber auch unterhalb des Meeresspiegels und ist auf drei Seiten von Wasser umschlossen: vom Meer, vom Delta des Mississippi und vom Pontchartrain-See. Am Montagabend, Stunden nach dem Durchzug des Wirbelsturms, flanierten die Bewohner bereits wieder unter den Arkaden des französischen Viertels. Die Straßen waren trocken, aber voller Schutt, Metall und Glas. Besucher wurden auf einen Platz geführt, auf dem der Wind riesige Eichen gefällt hatte. In ihrer Mitte, unbeschädigt, eine Jesus-Figur aus Marmor. Als die Dunkelheit sich über die Stadt legte, ging es in den Kneipen weiter. Ohne Strom, aber mit Bier. Die Ausgangssperre beachtete kaum jemand. Am Dienstag um fünf Uhr früh stand Wasser in den Straßen. Gegen Mittag näherte es sich den Fensterrahmen. Aus höher gelegenen Teilen der Altstadt wurde von Plünderungen berichtet.

Der Superdome gilt als sicherer Ort. Dann bricht das Dach des Stadions

Das Chaos begann bereits am Samstag, als klar wurde: Katrina nimmt Kurs auf New Orleans. Erstmals in der Geschichte der Stadt ordnet ein Bürgermeister die komplette Evakuierung an. Zwei Tage lang sind alle Ausfallstraßen verstopft. Der Flughafen ist geschlossen. Mietwagen gibt es nicht mehr. Mancher Tourist zückt die Kreditkarte. Taxi nach Atlanta: 1000 Dollar. Taxi nach Chicago: 3700 Dollar. Eine besonders luxuriöse Evakuierung erleben die Delfine des Aquariums im Örtchen Gulfport nordöstlich von New Orleans. Sie werden ins Landesinnere gefahren, in das Schwimmbecken eines Best-Western-Hotels. Frage eines Reporters: »Wird das Chlorwasser den Tieren schaden?« Antwort: »Wir haben natürlich Meerwasser eingefüllt.« Am Dienstagmorgen wird klar werden: Die Delfine haben überlebt. Eine der wenigen guten Nachrichten.

Wer weder Auto noch Vermögen hat, ist auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen. Busse bringen ihn an jenen Ort, den der Bürgermeister »das Hotel der letzten Hoffnung« nennt. In New Orleans steht die größte Sporthalle der Welt. Der Superdome wird nun, wie einer seiner neuen Bewohner sagt, zum super home. Doch so unzerstörbar wie gedacht erweist sich die riesige Betonschüssel nicht. Als der Wind Orkanstärke erreicht, brechen die stählernen Ventilatoren ab und reißen riesige Löcher in die Decke, die etwa 19 Stockwerke über dem Rasen schwebt. 9000 Menschen harren hier aus. Plötzlich können sie den Himmel sehen. Überall leckt es. »Eine ganze Menge Natur kommt hier herein«, berichtet NBC-Reporter Brian Williams. Die Arena wurde Ende der sechziger Jahre geplant, kurz nachdem Hurrikan Betsy die Stadt verwüstete. Von Anfang an sollte sie auch Schutzraum sein. Ein Modell wurde im Windkanal getestet. 36 Jahre später deckt Katrina das Dach ganz einfach ab und legt die Schaumstoffisolierung frei. Verletzt wird offenbar niemand. Aber weil die Krankenhäuser der Stadt überflutet sind, werden in der Nacht zum Dienstag zusätzlich Patienten aus evakuierten Spitälern ins Stadion gebracht – in ein Gebäude, in dem es kaum Licht und keine Toiletten und keine Klimaanlage gibt. Es wird stündlich heißer. Es stinkt nach Exkrementen. »Chaotisch« nennt Koordinator Ray Bias die Lage. Lange werde es nicht mehr dauern, bis die Menge durchdrehe.

Sieben bis zehn Orkane stehen in diesem Jahr noch aus

In drei Jahrzehnten ist die Bevölkerung der Gegend erheblich angewachsen, wie überall entlang der Golfküste bis nach Florida. Millionen leben in der Sturmregion. Warum ziehen Menschen massenhaft gerade in eine Risikozone? Die Antwort gibt Bob Riley, Alabamas Gouverneur: »Es ist eine der schönsten Landschaften, die der liebe Herrgott geschaffen hat.« Die früher kaum besiedelte Küste ziert inzwischen eine Kette aus Einfamilienhäusern. So bleiben die Hurrikane gleich, die Folgen nicht.

Besonders prekär ist die Lage in New Orleans. Schon vor knapp 300 Jahren begannen die französischen Stadtgründer, Deiche zu ziehen, um sich vor dem Hochwasser des Mississippi zu schützen. Aber ohne Überschwemmungen bleibt der Schlamm im Flussdelta, statt sich in der Marsch abzulagern. Seither sinkt das Gelände ab. Von der Seeseite her beißen die Stürme immer neue Stücke von den vorgelagerten Inseln und von den Marschen ab. Alle zehn Monate verliert die Region New Orleans Gelände von der Größe Manhattans. Zur Zeit des Hurrikans Betsy schützte New Orleans ein Streifen Land, der 35 Meilen breiter war als heute. Zur Kompensation panzert sich die Stadt mit Beton und immer mehr Technik. Alles, was gebaut wird, soll Hurrikanen widerstehen können, besonders öffentliche Gebäude. Außerhalb der Dämme stehen inzwischen viele Häuser auf Erdhügeln – ähnlich den Gebäuden auf den Halligen der deutschen Nordsee. Alle wichtigen Straßen sind erhöht worden. Dächer werden überwiegend sturmsicher gebaut. Doch was heißt schon sturmsicher angesichts der Gewalt von Katrina? Schon Stunden nach dem Höhepunkt des Sturms wird der Ruf laut: höhere Dämme, mehr Landgewinnung, mehr Sicherheit für die Ölanlagen.

Der Ölpreis zählt zu den offenkundigen Opfern Katrinas. Er dürfte steigen, sogar wenn die Ölquellen im Golf von Mexiko bald wieder produzieren. 27 Prozent des amerikanischen Öls werden hier gefördert und ein Fünftel des Gases. 33000 Meilen Unterwasser-Pipelines verbinden die 4000 Plattformen. Die meisten sind seit Samstag geschlossen. Die Ölproduktion ist schlagartig um 93 Prozent zurückgegangen. Vergangenes Jahr zerstörte der (schwächere) Hurrikan Ivan sieben Bohrinseln und viele Pipelines. Die Reparatur dauerte ein halbes Jahr. Die Ölproduktion ging um sieben Prozent zurück. Katrina scheint es Ivan gleichzutun. Kurz vor Redaktionsschluss vermeldet die Ölindustrie den ersten großen Verlust. Eine Plattform wird an Land gespült.

Derartige Ausfälle kann der Weltmarkt ausgleichen. Schlimmer wäre es, sollten Raffinerien beschädigt sein. Sie verarbeiten nicht nur das Öl aus dem heimischen Golf. New Orleans ist der Hafen, in dem die meisten Supertanker festmachen. Neun Raffinerien sind am Wochenende geschlossen worden. Einige liegen dort, wo die höchsten Windgeschwindigkeiten gemessen wurden.

Das größte Hindernis der Rettungsarbeiten ist auch am Dienstag die Dämmerung, die sich über die Küste senkt. Die Helfer vermuten Hunderte Eingeschlossene in den frisch überfluteten Gebieten. Ohne Tageslicht können die Boote nicht durch die Straßen fahren, überall hängen gefährliche Hochspannungskabel ins Wasser. Aus der Tiefe steigen aus beschädigten Leitungen Gasblasen empor.

Nun hat die Diskussion darüber begonnen, wie das Wasser aus der großen Wanne zu lassen sei. Einen natürlichen Abfluss gibt es nicht. Selbst wenn der Damm repariert wird, reicht die Kapazität der Pumpen nicht aus, um die Stadt schnell trocken zu legen. Ratten, Mäuse, Schlangen, Alligatoren konkurrieren mit den Menschen um trockene Plätze. Trinkwasser könnte knapp werden.

Es wird dauern, bis die Normalität zurückkehrt. Die Sturmsaison ist längst nicht vorüber. Allein bis Mitte Oktober dürften weitere sieben bis zehn Hurrikane Amerikas Südküste heimsuchen. Mindestens zwei davon könnten so mächtig sein wie Katrina.