Doch dieselbe Reporterin berichtet am Abend weinend aus einem Armenviertel wenige Meilen weiter östlich. Mit einem Rettungsboot ist sie in den Straßen unterwegs. 40000 Menschen wohnen hier. Viele sind den Aufforderungen zur Evakuierung offenkundig nicht gefolgt. Nach dem Dammbruch sind sie von den Fluten eingeschlossen, Gefangene in ihren eigenen Häusern. Von Leichen, die durch die Straßen schwimmen, berichtet die Reporterin. Und von Menschen, die aus den Dachkammern ihrer Häuser heraus um Hilfe rufen, während der Pegel steigt. Dann haben die Behörden keine Alternative mehr: Die Stadt wird komplett geräumt. Alle müssen raus.

Als der Sturm zum Wochenende auf das Mississippi-Delta zudrehte, erwartete mancher zunächst nicht mehr als ein Ärgernis. Ein Naturphänomen, mit dem man in den Tropen eben rechnen muss. Touristen nahmen die Warnungen nicht ernst und blieben in der Stadt. Wer sich monatelang auf eine Traumhochzeit in New Orleans vorbereitet hat, mag die Gäste nicht einfach wieder ausladen.

»Muss wohl ein Witz sein«, sagte Katrina Christoval, als sie ihren Namen am Morgen ihrer Trauung im Fernsehen sah. Doch nicht um ihre Hochzeit ging es in der Sendung, sondern um einen Sturm. Schon vor ein paar Monaten hatte sie die Liste der Hurrikan-Namen des Jahres 2005 angeschaut und ihren eigenen darauf entdeckt. »Katrina kommt bestimmt an meinem Hochzeitstag«, ahnte sie damals – und verdrängte den Gedanken gleich wieder. Am Wochenende wurde sie nervös, als die Eheschließung nahte und der Bürgermeister zugleich die Evakuierung der Stadt anordnete. Der Bräutigam schickte sie zur Beruhigung noch schnell zur Massage. Mehrmals hatte der Mann vergeblich um ihre Hand angehalten. Nun mochte er die Hochzeit mit Katrina keinesfalls verschieben, nicht mal wegen einer Katrina. Dass die Blumen nicht mehr eintrafen und auch nur wenige der 350 geladenen Gäste, konnte das Paar nicht mehr vom Kurs abbringen. Am Abend, als Hunderttausende die Stadt verließen, stieg die Trauung in der Franklin Avenue Baptist Church. Noch gab es Strom.

Manchmal war es nur Lust am Risiko, die die Menschen in der Stadt hielt. Sie blieben, um mit Katrina zu tanzen. Ein Männlichkeitstest, der in New Orleans Tradition hat. Wer sich beweisen wollte, ging zu Molly’s at the Market. Die Kneipe steht im Ruf, nie zu schließen, nicht einmal, wenn die Behörden eine Ausgangssperre verhängen. So sammelte sich bei Molly’s am Sonntag ein Haufen Gestrandeter und Möchtegern-Helden. Es gab Pizza und Bier und Macho-Sprüche. Als am Abend klar wurde, dass nicht nur die Angstlust des US-Fernsehens den Grund für die Warnungen lieferte, geschah das Unerhörte: Erstmals schloss Jim Monaghan seine Gaststätte. »Ich habe mich mit dieser Entscheidung gequält«, sagt er. »Aber ich konnte nicht 100 Leute hier drin haben, wenn etwas passiert.«

Molly’s liegt im französischen Viertel. Es ist berühmt für Jazzkneipen und Fresstempel, liegt aber auch unterhalb des Meeresspiegels und ist auf drei Seiten von Wasser umschlossen: vom Meer, vom Delta des Mississippi und vom Pontchartrain-See. Am Montagabend, Stunden nach dem Durchzug des Wirbelsturms, flanierten die Bewohner bereits wieder unter den Arkaden des französischen Viertels. Die Straßen waren trocken, aber voller Schutt, Metall und Glas. Besucher wurden auf einen Platz geführt, auf dem der Wind riesige Eichen gefällt hatte. In ihrer Mitte, unbeschädigt, eine Jesus-Figur aus Marmor. Als die Dunkelheit sich über die Stadt legte, ging es in den Kneipen weiter. Ohne Strom, aber mit Bier. Die Ausgangssperre beachtete kaum jemand. Am Dienstag um fünf Uhr früh stand Wasser in den Straßen. Gegen Mittag näherte es sich den Fensterrahmen. Aus höher gelegenen Teilen der Altstadt wurde von Plünderungen berichtet.

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