Das Chaos begann bereits am Samstag, als klar wurde: Katrina nimmt Kurs auf New Orleans. Erstmals in der Geschichte der Stadt ordnet ein Bürgermeister die komplette Evakuierung an. Zwei Tage lang sind alle Ausfallstraßen verstopft. Der Flughafen ist geschlossen. Mietwagen gibt es nicht mehr. Mancher Tourist zückt die Kreditkarte. Taxi nach Atlanta: 1000 Dollar. Taxi nach Chicago: 3700 Dollar. Eine besonders luxuriöse Evakuierung erleben die Delfine des Aquariums im Örtchen Gulfport nordöstlich von New Orleans. Sie werden ins Landesinnere gefahren, in das Schwimmbecken eines Best-Western-Hotels. Frage eines Reporters: »Wird das Chlorwasser den Tieren schaden?« Antwort: »Wir haben natürlich Meerwasser eingefüllt.« Am Dienstagmorgen wird klar werden: Die Delfine haben überlebt. Eine der wenigen guten Nachrichten.

Wer weder Auto noch Vermögen hat, ist auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen. Busse bringen ihn an jenen Ort, den der Bürgermeister »das Hotel der letzten Hoffnung« nennt. In New Orleans steht die größte Sporthalle der Welt. Der Superdome wird nun, wie einer seiner neuen Bewohner sagt, zum super home. Doch so unzerstörbar wie gedacht erweist sich die riesige Betonschüssel nicht. Als der Wind Orkanstärke erreicht, brechen die stählernen Ventilatoren ab und reißen riesige Löcher in die Decke, die etwa 19 Stockwerke über dem Rasen schwebt. 9000 Menschen harren hier aus. Plötzlich können sie den Himmel sehen. Überall leckt es. »Eine ganze Menge Natur kommt hier herein«, berichtet NBC-Reporter Brian Williams. Die Arena wurde Ende der sechziger Jahre geplant, kurz nachdem Hurrikan Betsy die Stadt verwüstete. Von Anfang an sollte sie auch Schutzraum sein. Ein Modell wurde im Windkanal getestet. 36 Jahre später deckt Katrina das Dach ganz einfach ab und legt die Schaumstoffisolierung frei. Verletzt wird offenbar niemand. Aber weil die Krankenhäuser der Stadt überflutet sind, werden in der Nacht zum Dienstag zusätzlich Patienten aus evakuierten Spitälern ins Stadion gebracht – in ein Gebäude, in dem es kaum Licht und keine Toiletten und keine Klimaanlage gibt. Es wird stündlich heißer. Es stinkt nach Exkrementen. »Chaotisch« nennt Koordinator Ray Bias die Lage. Lange werde es nicht mehr dauern, bis die Menge durchdrehe.

Sieben bis zehn Orkane stehen in diesem Jahr noch aus

In drei Jahrzehnten ist die Bevölkerung der Gegend erheblich angewachsen, wie überall entlang der Golfküste bis nach Florida. Millionen leben in der Sturmregion. Warum ziehen Menschen massenhaft gerade in eine Risikozone? Die Antwort gibt Bob Riley, Alabamas Gouverneur: »Es ist eine der schönsten Landschaften, die der liebe Herrgott geschaffen hat.« Die früher kaum besiedelte Küste ziert inzwischen eine Kette aus Einfamilienhäusern. So bleiben die Hurrikane gleich, die Folgen nicht.

Besonders prekär ist die Lage in New Orleans. Schon vor knapp 300 Jahren begannen die französischen Stadtgründer, Deiche zu ziehen, um sich vor dem Hochwasser des Mississippi zu schützen. Aber ohne Überschwemmungen bleibt der Schlamm im Flussdelta, statt sich in der Marsch abzulagern. Seither sinkt das Gelände ab. Von der Seeseite her beißen die Stürme immer neue Stücke von den vorgelagerten Inseln und von den Marschen ab. Alle zehn Monate verliert die Region New Orleans Gelände von der Größe Manhattans. Zur Zeit des Hurrikans Betsy schützte New Orleans ein Streifen Land, der 35 Meilen breiter war als heute. Zur Kompensation panzert sich die Stadt mit Beton und immer mehr Technik. Alles, was gebaut wird, soll Hurrikanen widerstehen können, besonders öffentliche Gebäude. Außerhalb der Dämme stehen inzwischen viele Häuser auf Erdhügeln – ähnlich den Gebäuden auf den Halligen der deutschen Nordsee. Alle wichtigen Straßen sind erhöht worden. Dächer werden überwiegend sturmsicher gebaut. Doch was heißt schon sturmsicher angesichts der Gewalt von Katrina? Schon Stunden nach dem Höhepunkt des Sturms wird der Ruf laut: höhere Dämme, mehr Landgewinnung, mehr Sicherheit für die Ölanlagen.

Der Ölpreis zählt zu den offenkundigen Opfern Katrinas. Er dürfte steigen, sogar wenn die Ölquellen im Golf von Mexiko bald wieder produzieren. 27 Prozent des amerikanischen Öls werden hier gefördert und ein Fünftel des Gases. 33000 Meilen Unterwasser-Pipelines verbinden die 4000 Plattformen. Die meisten sind seit Samstag geschlossen. Die Ölproduktion ist schlagartig um 93 Prozent zurückgegangen. Vergangenes Jahr zerstörte der (schwächere) Hurrikan Ivan sieben Bohrinseln und viele Pipelines. Die Reparatur dauerte ein halbes Jahr. Die Ölproduktion ging um sieben Prozent zurück. Katrina scheint es Ivan gleichzutun. Kurz vor Redaktionsschluss vermeldet die Ölindustrie den ersten großen Verlust. Eine Plattform wird an Land gespült.