Wir hatten noch genügend Holz, um unsere Fenster und Türen im unteren Stock zu vernageln: Es stammte vom vorigen Hurrikan. Ich musste mehrmals vor einem Sturm flüchten, zuletzt 2004 vor Ivan. Doch der drehte im letzten Augenblick ab. Die Unsicherheit schafft für uns hier stets die schwerste Situation: Bleiben wir? Warten wir noch? Gehen wir jetzt? Das ist der Albtraum: Man fürchtet, das Auto könnte im Verkehr stecken bleiben. Und zuerst muss man noch sein Haus zubrettern, wobei man sich bei jedem Hammerschlag fragt: Soll ich wirklich gehen? Bleibe ich doch?

Diesmal war es unausweichlich. Von Freitag an lautete die Prognose: Katrina fällt direkt über New Orleans her. Plötzlich ging uns der Sturm etwas an. Als Erstes riefen die Behörden zum freiwilligen Verlassen des Gebiets auf – dass ein Hurrikan der Kategorie 5 anrollt, war da noch gar nicht absehbar. Im Verlauf des Samstags kam bei mir und meiner Frau der Gedanke auf, dass wir wohl flüchten müssen. Wir räumten die wichtigsten Habseligkeiten in den oberen Stock, nagelten die Fenster zu und beschafften, was man hier hurricane supply nennt: Wasser, Taschenlampen, Batterien. In der Nacht zum Sonntag schaute ich fern. Um drei Uhr musste ich nicht mehr rätseln, nun war klar: Weg hier. Es kommt etwas Gewaltiges auf uns zu.

Der Bürgermeister hatte da noch gar nichts befohlen. Dies gehört zum Plan: Zuerst ruft man die Außenbezirke zur freiwilligen Evakuierung auf, später die Innenstadt – dann erst kommt die Zwangsräumung. Als wir um halb sieben in der Früh losfuhren, gab es bereits auf allen Autobahnen nur noch eine Richtung: stadtauswärts. In Lafayette, 250 Kilometer westlich, kamen wir um 13 Uhr an. Damit hatten wir Glück, wer um neun Uhr losgefahren war, geriet schon in einen riesigen Stau. Freunde von mir standen nach sieben Stunden Fahrt erst zehn Kilometer außerhalb der Stadt.

Ich sitze vor dem Fernseher und weiß nicht, ob unser Haus noch ein Dach hat. Das gehört zu den stärksten Erfahrungen – das tiefe Gefühl, dass man wohl von einem Tag auf den anderen allen Besitz verloren hat. Mitgenommen haben wir nur das Nötigste: Pass, Geburtsurkunde, Gitarre, Akkordeon, einige Kleider. Die Kinder durften ein paar Lieblingsstücke auswählen. Mehr nicht. Selbst wenn man es schon mehrmals mitgemacht hat: Am Punkt, an dem man wirklich gehen muss, ist man zu nervös, um vernünftig zu packen. Man schnappt das Wichtigste, lässt den Rest zurück. Unterwegs fällt einem ein, was man alles vergessen hat. Bei mir waren es die Versicherungspapiere für unser Haus. Und ich ließ die Kinderfotos liegen. Auch das lässt dich spüren, dass du alles, alles verlieren kannst.

Es ist absurd: Wenn man losfährt, lächelt die Sonne. Schönstes Wetter, alles prima! Und plötzlich ist der Teufel los. Unheimlich. Das lässt nur ahnen, wie es früher war, als die Menschen ohne Vorwarnung in solche Katastrophen gerieten. Und doch kenne ich Leute, die auch diesmal geblieben sind. Sie sagten sich: Das muss ich erleben, ich will diese Erfahrung sammeln. Es sind meist Leute ohne Kinder.

Um die Zurückgebliebenen bangt man. Wie viele Tote es gab und wer die Opfer sind, ist noch nicht absehbar. Der Deich ist gebrochen. Das Wasser steigt. Wir bereiten uns darauf vor, dass wir Wochen nicht nach New Orleans zurückkehren.