Der Mann, der den Stau abschaffen muss, hat sich leicht verspätet. Durchs Küchenfenster sieht man ihn Schränke öffnen und schließen, dann stürzt er zum Auto, das vor der Hauseinfahrt wartet, hüpft hinein und fragt seinen Chauffeur:

"Naaa?"

"Sieht noch gut aus."

Der Fahrer tritt aufs Gas und blickt auf den Bildschirm des Navigationssystems – keine gestrichelten Linien, keine Staus.

"Halt", ruft Oliver Wittke, "der Müll!"

Der Fahrer bremst, und Wittke spurtet zurück zu seinem Haus in Gelsenkirchen-Buer, zerrt eine Abfalltonne an die Straße. 6 Uhr und 23 Minuten, nur zähflüssiger Verkehr rund um Düsseldorf, alles in Ordnung. Bald aber wird das Land wieder gelähmt sein, die fließenden Bewegungen auf den Straßen werden stocken, und Oliver Wittke wird sagen:

"Jetzt sind das alles meine Staus."

Seit Ende Juni ist der Christdemokrat Wittke nordrhein-westfälischer Minister für Bauen und Verkehr, die rot-grüne Zeit war abgelaufen, die schwarz-gelbe begann. Ein historischer Wechsel nach fast vier Jahrzehnten SPD-Herrschaft. Eine Lawine wurde damit ausgelöst. Vertrauensfrage des Kanzlers im Bundestag, Neuwahlen am 18. September – in Nordrhein-Westfalen fing das Drama an.

"Herrlich", sagt Oliver Wittke, "Rot-Grün hat sich zu Tode regiert."

38 Jahre alt ist Wittke, der jüngste Minister im Kabinett des Regierungschefs Jürgen Rüttgers. Jüngster deutscher Oberbürgermeister war Wittke auch schon, als er im Herbst 1999 die feindliche Festung Gelsenkirchen einnahm und nach fünf Jahrzehnten die absolute SPD-Mehrheit in der Stadt beendete. Das war ungefähr so, als hätte ein Juso-Chef in Oberammergau gesiegt. Damals war Wittke erst 33. "Ein Macher", sagen sie seither in der CDU über ihn. Einer, der sich keine Verschnaufpause gönne. Ob sich der politische Wechsel ausgezahlt hat, wird man später vielleicht auch daran messen, wie lange die Verkehrsnachrichten dauern. Oliver Wittke ist der Mann, der den Stau abschaffen muss – den auf der Straße und den im Autoradio.

Der Audi des Ministers biegt auf die A2 am Nordrand des Ruhrgebiets, Wittke schaut aus dem Fenster. Windräder drehen sich behäbig auf begrünten Hügeln, auch am Horizont, überall Windräder.

"Das ist das Erste, was wir kaputtmachen werden", sagt Wittke, und für einen Augenblick durchzuckt ein Zornesblitz dieses unverkrampfte, jungenhafte Gesicht, das sonst so chronisch zuversichtlich wirkt, als habe Oliver Wittke sich vorgenommen, alles Düstere auf dieser Welt wegzulächeln. Dieses Gesicht scheint immer wach zu sein, und es verbietet den Gedanken, dass es Dinge gibt, die Oliver Wittke schwer fallen könnten. Er hat ein Gesicht, das perfekt zum Regierungswechsel passt. Undenkbar, dass so einer vom Abschied reden könnte. Dieser Begriff ist von nun an eine rot-grüne Angelegenheit, so vergänglich wie die politisch gewollte Windkraft. "Das war Ideologie", sagt Wittke, "und Ideologie, das war früher."

Der Audi, den er von seinem grünen Amtsvorgänger Michael Vesper übernommen hat, hält vor einem Gebäudeklotz in Düsseldorf. Graubraune Fassade, Flure mit ausgetretenen Bodenfliesen, der Geruch von Bohnerwachs. Huschende Beamte, einander kopfnickend grüßend. Die Uhr hinter der Empfangsdame zeigt sieben Uhr und vier Minuten.

Wittke springt die Treppen bis zur obersten Etage hoch, nimmt immer zwei Stufen zugleich. "Eigenartig" findet das einer der altgedienten Beamten. Wittkes Vorgänger, der grüne Bauminister, kam immer erst um neun, und er trat oben gemütlich aus dem Fahrstuhl. Wollte man etwas mit dem grünen Minister besprechen, musste man erst auf die Klingel "Ministerbüro" drücken, dann summte es, und die Tür ging auf. Seit Wittke da ist, steht die Tür ständig offen, und manche Leute im Haus wissen nicht mehr, wie weit sie sich neuerdings vorwagen dürfen. Ist er das schon, der Wechsel – das, was Regierungschef Rüttgers die "Wende" nennt und sein Vize ein "Referenzmodell für Berlin"?

20. April 2005, noch vier Wochen bis zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, noch regiert in Düsseldorf Rot-Grün. Oliver Wittke hat sehr gute Chancen, Minister in einer Regierung Rüttgers zu werden, das sagt jeder in der CDU, nur Rüttgers schweigt. Der Boss hat drei Schattenminister benannt, keine überraschenden Namen, gesetzte Herrschaften, das steigert Wittkes Aussichten noch einmal. Will man demnächst den Wechsel illustrieren, braucht man gelenkige Typen, die Dynamik versprühen. Oliver Wittke könnte das bestimmt. Aber darüber, hat er am Telefon gesagt, könne er nicht sprechen, nicht jetzt.

Aus einem Büroturm in Essen marschiert er an diesem Apriltag mit schwingenden Armen hinaus auf die Straße und schlägt ein türkisches Restaurant vor. Seit kurzem wisse er, sagt Wittke, wie sich Demut anfühlt, und zählt auf, was alles daneben gegangen sei. Im Herbst fing es damit an, dass er in Gelsenkirchen überraschend nicht wieder zum Oberbürgermeister gewählt wurde. Im Rathaus hängten Sozialdemokraten damals eine rote Fahne auf, Wittke stand tagelang unter Schock. Danach nahm er einen Posten als Vertriebsleiter in einer Firma des Essener Bergbaukonzerns RAG an. Das aber ärgert nun den CDU-Spitzenkandidaten Jürgen Rüttgers. Warum lässt sich Wittke auf diesen Job ein, glaubt er nicht mehr an den Wahlsieg der CDU? Auch Wittke kandidiert ja für den Landtag. Meint er, sich absichern zu müssen?

Das Verhältnis der beiden Politiker ist ohnehin nicht das beste, sie sind sehr verschieden. Rüttgers braucht Jahre, um eine Atmosphäre des Vertrauens zuzulassen, Wittke nur Minuten. Er ist einer von Rüttgers Stellvertretern im Landesvorstand der CDU. Sollte Rüttgers scheitern, wären Leute wie Wittke zur Stelle, um die Macht in der Landespartei zu übernehmen. Aber Rüttgers wird nicht scheitern, das sagen alle Prognosen, und Wittke sagt: "Ich lasse mir in der Firma keine Visitenkarten drucken."

Seinen Arbeitsvertrag habe er bis Juni befristen lassen. Im Juni würden ja wohl die neuen Minister benannt – vielleicht, ja, also, er habe schon mal weitergedacht. Von einem Autohändler in Gelsenkirchen hat Wittke sich zusichern lassen, dass er den 3er BMW, den er gekauft hat, bis Ende Juni zurückbringen dürfe. Vielleicht hat er ja dann einen Dienstwagen. Oliver Wittke wird also Minister – "Nein, nein, darüber spekuliere ich nicht." Sein Blick läuft misstrauisch von Tisch zu Tisch, als müsse er sich sogar im Restaurant vor Spionen hüten. Es gebe von Rüttgers keine Aussage, gar nichts in dieser Frage, "nein". Es ist das zögerliche "Nein" eines Mannes, der am liebsten so laut "Ja!" brüllen würde, dass man den Schrei noch in den Kellertoiletten hörte.

Neulich, während einer Sitzung des Parteivorstandes, hat Wittke sich behutsam vorgetastet, aber eben nicht behutsam genug, im letzten Moment hat er sich doch noch verraten. Als Rüttgers darüber sprach, wer aus der Parteispitze im WDR-Fernsehen die großen Themen vertreten solle, Bildung, Wirtschaft, Arbeit und so weiter, da fiel Wittke die Bemerkung ein: "Da spielt natürlich diese Frage eine Rolle, über die wir noch nicht sprechen wollen." Die Ministerfrage.

"Das mit dem WDR legen wir später fest", antwortete Rüttgers.

Wittkes Handy bimmelt, er tut sehr geheimnisvoll, sagt "aaah" und wippt wie aufgedreht auf seinem Stuhl. "Das sieht jetzt aus wie bestellt", sagt er, als das Telefonat mit einem von Rüttgers Leuten beendet ist, "das war die Sache mit dem WDR. Ich soll in der Sendung den Verkehr übernehmen."