Embryonenforschung Lizenz zum Klonen

Er ist deutscher Staatsbürger, aber er arbeitet im englischen Exil. Denn seine Forschung ist hier verboten. Miodrag Stojkovic klont menschliche Embryonen

Wochenende. Alle Hotels in Newcastle sind ausgebucht. In den Straßen zwischen dem Monument zu Ehren Earl Greys und dem Ufer des Tyne wird gefeiert. Das heißt in Nordengland: trinken, viel trinken. Newcastle upon Tyne ist seit Jahren die

Er feiert nicht mit. Denn erstens ist da die Sache mit den britischen Getränken. Er trinke zwar nicht viel, sagt er, und zuweilen auch das, »was man hier Bier nennt. Aber ich vermisse das Münchner Weizenbier.« Und zweitens arbeitet er sieben Tage in der Woche. Da bleibt für die Pubs wenig Zeit. Im Moment hat er besonders viel zu tun, denn seine Labors müssen umziehen, vom dritten in den ersten Stock des Institute for Human Genetics.

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An diesem Freitag war er immerhin mit seinen Mitarbeitern zum Essen. »Beim Spanier«, sagt er. Es gab einiges zu feiern, eine Promotion, Veröffentlichungen und bewilligte Forschungsgelder. Stojkovic, ein sanfter Hüne von 1,92 Meter, mit kurz geschorenem spärlichem Kopfhaar und Brille, ist ein wirklich einnehmender Zeitgenosse. Zuvorkommend, herzlich und ein offensichtlich liebevoller Ehemann, der fast nur für seine Forschung lebt. Diese ist geradezu Teil der Ehe. Seine deutsche Frau Petra arbeitet in derselben Abteilung als Labortechnikerin. »Forschung ist mein einziges Hobby«, sagt er, »na ja, wir haben einen Boxer; sie heißt Frieda.«

»In Deutschland herrscht eine historische Hysterie«

Doch bei aller Konzilianz ist Stojkovic kompromisslos, wenn es um seine Forschungsprojekte geht. Deshalb ist der Mann vielen ein Dorn im Auge – vor allem in seiner früheren Wahlheimat Deutschland. Denn Stojkovic ist deutscher Staatsbürger – und der erste Forscher in Europa mit der Lizenz zum Klonen.

Arbeiten kann er nur, weil der 41-jährige gebürtige Serbe nun in Großbritannien lebt. Dort ist das Klonen von Menschenembryonen für die Forschung erlaubt, sofern man eine Genehmigung von der Aufsichtsbehörde, der »Human Fertilisation and Embryology Authority« erhält. Obwohl es auch im Vereinigten Königreich harsche Kritik an der verbrauchenden Embryonenforschung gibt, unterstützt die breite Mehrheit der Bevölkerung solche Projekte.

Das könne man auch in der benachbarten Fertilitätsklinik beobachten, sagt er. Wie seine Abteilung gehört sie zum International Centre for Life. »Über 80 Prozent der Patientinnen spenden überschüssige Eizellen und Embryonen für die Forschung. Sie hoffen und glauben, dass sie damit irgendwann anderen helfen können.«

In seiner zweiten Heimat Deutschland würde er für Projekte wie die Gewinnung von Stammzellen aus menschlichen Embryonen und das Klonen mit Gefängnis bedroht. Das lässt ihn unbeeindruckt. »Ich war mehrere Male in den letzten Jahren in Deutschland und bin nicht verhaftet worden.« Kann er auch nicht, denn die einschlägigen deutschen Gesetze gelten nur auf dem Boden der Bundesrepublik.

Dass er als Deutscher gegen deutsches Recht verstößt, ficht ihn nicht an. »In Deutschland könnte ich meine Forschungen eben nicht machen«, sagt er. »Ich verstehe die deutschen Gesetze zwar nicht, aber ich akzeptiere sie.« Von der Bedeutung der Embryonenforschung für zukünftige Therapien ist er fest überzeugt. Auch den Vorwurf, sein Tun sei aus ethischen Gründen verwerflich, weist er zurück: »Es ist moralisch schlimmer, dass man Embryonen oder Eizellen wegwirft, anstatt sie für vielversprechende Forschung und die moderne Medizin zu benutzen.«

Seine Position hat ihm herbe Vorwürfe eingetragen. Als im Mai der koreanische Klonforscher Hwang Woo Suk die Herstellung patientenspezifischer Stammzellen aus geklonten Embryonen bekannt gab und Stojkovic gleichzeitig verkündete, auch seinem Team sei in England erstmals das Klonen menschlicher Embryonen gelungen, hagelte es in Deutschland Schmähungen. Als medizinischer Kannibalismus seien derlei Experimente zu werten, schallte es ihm aus seinem zweiten Heimatland entgegen.

Aber selbst dafür hat er Verständnis: »Es gibt in Deutschland eine historische Hysterie wegen der schlimmen Ereignisse während der Nazizeit.« Trotzdem habe er manchmal das Gefühl, dass seine Kritiker ihr Wissen über Klonierung »nur aus Hollywood-Filmen« bezögen. »Da wird immer so getan, als erzeugten wir einen Doppelgänger, nur um ihn dann auszuschlachten.« In Deutschland laute bei seinen Forschungsprojekten die Frage: »Warum ist das gefährlich?« Und in England: »Wofür ist das gut?«

Tatsächlich feierte die britische Presse die Nachricht von den ersten Klonen auf der Insel enthusiastisch. Und das, obwohl sein Experiment eigentlich ein halber Fehlschlag war. Denn seine Klone überlebten nur wenige Tage – zu kurz, um Stammzellkulturen aus ihnen zu gewinnen. Schelte bezog Stojkovic nur vom Fachblatt Nature. Unter der Schlagzeile Too much, too soon geißelten die Herausgeber, dass er seine Arbeit vorschnell im Online-Journal Reproductive Biomedicine veröffentlichte.

Seit drei Jahren arbeitet er nun in Newcastle, im Centre for Life, wo er kürzlich zum »Deputy Director« des »Centre for Stem Cell Biology and Developmental Genetics« avancierte. Eine ziemlich steile Karriere, über die sich eigentlich nur er selbst nicht wundert. In seinem Lebenslauf beschreibt er sich als »verheiratet, mobil und bereit, innerhalb von drei Monaten eine neue Aufgabe zu übernehmen«.

Englische Klonlabore stecken voller deutscher Technik

Diese Bereitschaft hat er unter Beweis gestellt. Stojkovic wurde 1964 im serbischen Leskovac geboren, studierte in Belgrad Tiermedizin. Doch 1991, als schon promovierter Tierarzt, wurde es ihm mulmig in seiner Heimat. Der Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien lag in der Luft. Er ließ seinen Job in der Forschung bei einer Pharmafirma sausen. »Ich merkte, dass etwas Schlimmes kommt«, sagt er mit leiser Stimme, »und ich wollte kein Teil davon sein.« Stojkovic ging nach Deutschland, arbeitete zwei Jahre im Hamburger Universitätskrankenhaus als Pfleger und lernte Deutsch. Heute spricht er die Sprache fast akzentfrei.

Die Wende zur Klonforschung kam durch die deutsche Bürokratie. Stojkovic zog nach München, um nochmals vier Semester Tiermedizin zu studieren. Das musste er, weil sein Abschluss in Deutschland nicht anerkannt wurde.

Er promovierte erneut – bei dem Tiermediziner Eckhard Wolf, der als Erster in Deutschland ein Rind klonte, das Kalb Uschi. Wolf, selbst nicht als Freund des therapeutischen Klonens bekannt, ist von dem rasanten Aufstieg seines Schützlings gar nicht überrascht: »Miodrag ist unheimlich zielstrebig.« In Wolfs Labor an der Münchner Uni lernte Stojkovic das Handwerk der Embryologie, der Embryonenzeugung in der Petrischale von der Pike auf.

Es sei eigentlich immer das Gleiche, sagt er, »bei Rind oder Schaf oder Maus oder Mensch – die Eizellen sind rund. Mit einer Ausnahme, die von Menschen sind so schrecklich empfindlich.« Da spielt dann die Menge eine große Rolle. In München hatte er jede Woche Hunderte Rinder-Eizellen zur Verfügung, jetzt bekommt er vier bis acht menschliche Eizellen im Monat gespendet. Da blickt er mit Neid auf seinen koreanischen Kollegen Hwang. Dort gibt es ein Eispende-Programm für die Forschung. Obwohl die Eispende für Frauen mit Risiken verbunden ist, konnte Hwang Woo Suk für sein menschliches Klonprojekt auf 185 gespendete Eizellen zurückgreifen.

Diesen Verbrauch kann man schlimm finden, und auch Stojkovic ist bei solchen Praktiken nicht recht wohl. Doch letztlich sei der Koreaner im Moment die einzige Großmacht in der Klonforschung, sagt Stojkovic. »Die Erste Liga besteht aus Hwang. Alle anderen, auch ich, spielen eine Klasse tiefer.«

Er und seine Ehefrau Petra sind begeistert von England. Inwischen richtet die Universität in seinen ehemaligen Räumen im dritten Stock eine »gmp-facility« ein, eine richtige Fabrik, in der bald Stammzellen und deren Abkömmlinge unter Hochreinbedingungen gezüchtet werden sollen – geeignet für den Einsatz in Patienten. Als er vor drei Jahren im Centre for Life anfing, gab es praktisch nichts an Ausstattung. »Ich hatte ein Mikroskop und einen Brutschrank für Zellen.« Inzwischen kommandiert er eine 20-köpfige Truppe, und seine Labors sehen beeindruckend aus. Sie sind voll gestopft mit Toptechnik – Zeiss, Eppendorf, alles deutsche Produkte. »Die sind einfach die besten.«

Insgeheim zieht es das Ehepaar denn auch nach Deutschland zurück. Ihnen fehlt die deutsche Lebensart. Nur das Schwarzbrot fehlt nicht mehr, seit es Aldi in England gibt. »Aber es tut mir wahnsinnig leid, dass ich alles, was ich in Deutschland gelernt habe, nur hier anwenden kann. Wenn ich meine Arbeit auch in Deutschland machen könnte, würden wir keine Sekunde überlegen. Es ist nun mal die Heimat meiner Frau, meine war es elf Jahre lang auch.«

Noch eine Bedingung hat er. »Ich will nie auf meine Frau als Mitarbeiterin verzichten.« Die beiden arbeiten sieben Tage in der Woche zusammen. »Wunderbar« sei das – »und ich sage das nicht, damit ich heute ein schönes Abendessen bekomme«. Petra Stojkovic teilt die Forschungsbegeisterung ihres Mannes. Es mache ihr Spaß, auch den Samstag und Sonntag im Labor zu verbringen. »Das ist eine Gelegenheit, ihn am Wochenende mal zu sehen.«

Obwohl die letzten drei Jahre für beide sehr aufregend waren, haben sie noch ein neues Projekt – ein Kind. Bislang sei einfach kein Raum dafür gewesen, sagt Stojkovic. Nun muss es sich zeigen: »Bei In-vitro-Zeugung bin ich Spezialist, in vivo muss ich es erst noch beweisen.«

 
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