Wakulintschuk natürlich, wie konnten wir Wakulintschuk vergessen. Matrose Wakulintschuk ist es, der mit seinem märtyrergleichen Tod die Volkssolidarität bewirkt. Bei Filmminute 22 liegt er, das einzige Opfer der Meuterei, noch aufgebahrt an der Hafenmole von Odessa und bietet einen bedauernswerten Anblick. Doch schon haben Arbeiter und Bauern damit begonnen, zur Unterstützung der Aufständischen Lebensmittel an Bord des Panzerkreuzers zu schaffen, schon befinden sich Bourgeoisie und Reaktion auf dem Rückzug. Bei Filmminute 27 flattert bereits munter die rote Fahne am Mast der Potemkin. Jetzt noch ein bisschen Unterstützung aus dem volkseigenen Synthesizer, auf dass auch am Ende der Geschichte die gute Sache siegen möge. Fanfarenstöße, positive Helden, Beats wie Kanonenschläge… Hat da jemand »Ironie« gesagt?

Mit unschuldigen Augen ist er nicht mehr zu betrachten, Sergej Eisensteins Propagandafilm Panzerkreuzer Potemkin aus dem Jahr 1925, und dass die selbst längst klassischen Pet Shop Boys den Stummfilmklassiker in dreimonatiger Studio-Bastelarbeit neu vertont haben, ändert an vorderster Front nichts daran. Zu bekannt, was danach kam, zu expressionistisch fuchtelnd die Gesten der Laiendarsteller, zu viele Zitate auch, die sich über das Original gelagert haben. Die gefeierten dialektischen Montagen wirken heute auf rührende Weise statisch, beim Anblick der erigierten Kanonenrohre denkt man an schwule Camp-Ästhetik und bei der berühmten Treppenszene an Woody Allens Bananas. Freilich ist auch das schon lange her. Je weiter das ursprüngliche Geschehen in der Zeit zurücksinkt, mag man sich im Hause Pet Shop Boys gedacht haben, desto freier darf auch die Tonspur ausfallen. »Rhythmus, Rhythmus und vor allem reiner Rhythmus« lautete Eisensteins Forderung an Neuvertonungen, von denen er sich alle zehn Jahre eine wünschte. Nicht nur in dem Punkt verhalten sich die Pet Shop Boys kongenial.

Es ist selbst eine Art Suggestivmontage, die sie – mit ein wenig Hilfe der Dresdner Sinfoniker – den 73 erhalten gebliebenen Minuten von Potemkin unterlegt haben, eine »Montage der Attraktionen« im Eisensteinschen Sinne. Gleich zu Beginn läuten Glockenschläge das Drama ein. »Da!« und »Njet!« skandiert der Chor der Matrosen, als die Geschehnisse an Bord sich zuzuspitzen beginnen, und als nach dem Massaker auf der Treppe von Odessa die zaristische Schwarzmeerflotte die Potemkin schließlich ziehen lässt, simulieren Techno-Sounds den ehernen Rhythmus des Maschinenzeitalters. »Pop-Aganda« hat die nie um Wortspiele verlegene britische Presse das Ergebnis genannt, was insofern zutrifft, als die beiden Pet Shop Boys Neil Tennant und Chris Lowe das Plakative der Vorlage aufgegriffen und ins Melodramatische gewendet haben: Von Post nach Prä and back again. Wo Eisenstein allerdings die Seele des Zuschauers »umpflügen« wollte wie mit einem Traktor, werden hier nur Assoziationsketten in Gang gesetzt. »How come we went to war?« , singt Tennant zu den Bildern der in die Menge feuernden Kosaken. Es ist der Moment, in dem sich doch eine Tür zur Gegenwart öffnet.

Natürlich war es der Irak-Krieg, der Tennant, dem geschichtlich interessierten Kopf des Duos, bei der Zeile im Kopf herumspukte – ihm als Briten ging der Feldzug besonders nahe, auch weil er anfangs glaubte, der Sturz des Diktators wäre bereits ein Sieg für die Demokratie. Welch ein historischer Irrtum! Und was für ein Debakel für Blair! So hat er es Journalisten in den Block diktiert und hinzugefügt, wie Panzerkreuzer Potemkin heute zu verstehen sei: weniger als bolschewistischer Agitprop-Film denn als allgemein menschliche Parabel auf die Brüderlichkeit. Dennoch und deswegen: Das Gespenst geht noch um. »Heaven is possible after all«, sendet Tennants berüchtigte Chorknabenstimme einmal ein Stoßgebet hinaus. Man kann das transzendental verstehen – der Mann wurde katholisch erzogen–, aber auch als Anspielung auf das Reich der Freiheit, das nach Marx dort beginnt, wo die Notwendigkeit endet. Die Genossen Pet Shop Boys haben sich in der Frage noch nicht festgelegt. In der Postmoderne kann man zu seinen Assoziationen ebenso wenig gezwungen werden wie zu seinem Glück.

Schon wollte man die Musiker für die sozialistische Internationale anwerben

Dass die beiden sich nicht nur wohlzufühlen scheinen in ihrer neuen Rolle als Propagandisten der Solidarität – wen wundert’s. Bislang galten Tennant und Lowe vor allem als Geschmacksmenschen, die sich eloquent über Literatur, Wein und Mode zu verbreiten wissen, und wenn sie die Massen ansprachen, so in Form zuckerwattiger Jahrmarktsmelodien. Nicht dass sie nicht schon immer mit den Insignien des Sozialismus geflirtet hätten, im Gegenteil: Ihr Werk ist voller Anspielungen auf revolutionäre Bewegungen in aller Welt. Bolchevique Chic hieß in den Achtzigern diese rein ästhetische Faszination für Hammer, Sichel und Che-Guevara-Käppi, die die Pet Shop Boys maßgeblich mitgestalteten. Es war die Zeit, als Bands sich Scritti Politti oder ABC nannten und Popintellektuelle davon träumten, der Kulturindustrie den Marsch zu blasen. Schnee von gestern auch das, Tennant und Lowe, mit 25 Millionen verkauften Platten immerhin das erfolgreichste Duo der Popgeschichte, können sich zugute halten, ihr Publikum stets auf höchstem Niveau unterhalten zu haben, doch irgendwann geraten auch Geschmacksmenschen in eine Krise. Vielleicht ist jemand, der die Sonnenfinsternis von 1999 vertont, schon ein wenig verzweifelt, vielleicht ist die Arbeit an Musicals fürs Londoner Premierenpublikum (Closer To Heaven , 2001) Amüsement zum Tode – beide Projekte sind typisch für eine gewisse Ermattung des Pet-Shop-Projekts in den letzten Jahren.

Mit ihrer Eisenstein-Vertonung rütteln Tennant und Lowe nun noch einmal an den Grundfesten ihres Status als Unterhaltungskünstler des siegreichen kapitalistischen Realismus. Es ist der alte Traum vom Engagement für die gerechte Sache, die dem Popspektakel Pathos und Würde verleiht. Postmoderne trifft heroische Moderne, ein bisschen Hoffnung auf die Gestaltbarkeit der Welt durch die arg gebeutelte Intelligenzija schwingt auch mit. Uraufführung war übrigens bereits im September vergangenen Jahres auf dem Londoner Trafalgar Square, und wie man hört, wurde es trotz britischen Nieselregens ein rauschendes Fest mit Lenin-Zitaten (»Revolution is war!«) auf der Großleinwand und stoisch davor agierenden Musikanten, das Ganze in Sichtachse sowohl auf Parlament als auch auf Monarchie. Zu tumultartigen Szenen ist es anschließend zwar nicht gekommen, doch Neil Tennant, der Unermüdliche, hat in Interviews darauf hingewiesen, was der Trafalgar Square als Aufführungsort historisch bedeutet. Bereits im 19. Jahrhundert fanden hier Versammlungen zur Verbesserung der Lage der arbeitenden Klasse statt, nicht weit davon hat Friedrich Engels den entfesselten Kapitalismus seziert. Für Labour und Frauenemanzipation wurde am Fuß der Nelson-Säule gesprochen, und schließlich erlebte auch Margaret Thatcher hier mit den »Poll-Tax-Riots« ihr Waterloo.