Das aktuelle Theater und das wahre Leben haben in diesen Tagen etwas Entscheidendes gemeinsam: Sie misstrauen den tragenden Rollen. Beide scheuen sich vor Eigensinn und Individualität. Der angesagte Schauspielertypus ist der Mensch im Arbeitsmantel. Man könnte ihn den Lager- oder Kontorschauspieler nennen. Er spricht nicht und stellt nichts dar, er bearbeitet nur Material. Erst kürzlich ist uns dieser Typus in Stuttgart, beim Festival Theater der Welt, begegnet. Da wogen Akteure der Theatergruppe Stan’s Cafe tonnenweise Reis ab und häuften die Körner in einer alten Lagerhalle auf. Die Sache zog sich über Wochen hin, denn der Reis symbolisierte uns alle. Jeder Reishügel stand für eine Nation oder Gemeinschaft dieser Welt und jedes Reiskorn für eine Menschenseele.

Nun, bei der Ruhrtriennale im Westen Deutschlands, begegnet er uns wieder, der Kontorschauspieler. Der wesenlose Aufpasser, der dafür sorgt, dass der Betrieb nicht stillsteht.

Während er in Stuttgart noch der Menschheit in ihrer Masse und Vielfalt huldigte, dient er im Ruhrgebiet der abwesenden Menschheit. Er verwaltet nicht mehr den Kern, sondern die leere Hülle.

Wir sind in der Kokerei der Zeche 12 in Essen-Katernberg, genauer: in der Mischanlage. Hier wurde die Kohle gelagert und zu verschiedenen Sorten vermengt. Die Kokerei schloss 1993, und sie liegt in einer zwei Hektar großen Steppe.

Die Mischanlage ist ein Ensemble riesiger Betontrichter, durch welche die Kohle in die Tiefe rauschte – wo sie zu Koks verarbeitet wurde. Ein leerer Dom, um einen Abgrund herum gebaut, für Stürze gemacht. Heute rauschen durch die Trichter der Kokerei Hemden, Hosen, Menschenkleider.

Es ist eine Installation, sie heißt Nächte unter Tage. Im obersten Stock des Baues stehen sie also, die Kontoristen, Verwalter, Beamten in Arbeitsmänteln, wühlen sich durch Kleiderhaufen, begutachten einzelne Stücke und werfen sie durch eine Luke in den Trichter. Männer an Schreibmaschinen protokollieren den Vorgang.