Ich glaube, sagt eine Stimme aus dem Off, Erziehung hat mit allem etwas zu tun: mit Erpressung, mit Schreien und mit Freundlichsein. Das Letztere ist notwendig, damit die Kinder die Lehrer nicht hassen. Es ist die Stimme eines elfjährigen Jungen. Er hat sich morgens aus dem Bett gequält, hat das Erdkundebuch eingepackt und das Matheheft. Er ist auf dem Weg zur Schule, einem funktionalen Betonbau, vielleicht aus den siebziger Jahren, der Himmel: diesig blau. Dann geht das Licht an, gelb, im zweiten Stock, und alles ist da, in wenigen Filmsekunden: die bleierne Müdigkeit, die Angst vor dem Diktat, der Putzmittelgeruch der Flure. Schulalltag.

Hubertus Siegert hat diesen Alltag für seine Dokumentation Klassenleben sechs Monate lang begleitet - in einer fünften Klasse der Berliner Fläming-Schule.

Er hat zugeschaut, zugehört, beobachtet und dabei Bilder produziert, die vergessen machen, dass eine Kamera anwesend war. Die Leinwand wird durchsichtig wie das Fenster im zweiten Stock, in dem frühmorgens das Licht angeht. Sie gibt den Blick frei auf eine vertraute und doch fremd gewordene Welt - auf das, worüber in der Aufregung um Pisa-Studien und in Standortdebatten kaum und in jedem Fall zu wenig gesprochen wird: die Kinder mit ihren Schulranzen, breiter als die schmalen Schultern. Die Kinder, die lernen, wo Ägypten liegt, was orthogonal heißt und wohin das Komma muss.

Dass die fünfte Klasse, die der Film porträtiert, keine gewöhnliche ist, erweist sich dabei erst allmählich. Hier lernen Nichtbehinderte zusammen mit Behinderten, und der Film erzählt davon mit einer Selbstverständlichkeit, als sei dies das Normalste der Welt. Hubertus Siegert zeigt eine Welt, wie sie sein sollte, ohne darum groß Aufhebens zu machen - nicht als Utopie, sondern als Möglichkeit. Er zeigt die Kinder beim Streiten und beim Freundesein, beim Lernen und Begreifen, zeigt sie in ihrer Grobheit und Zärtlichkeit. Er zeigt die Tränen nach der Klassenarbeit und das Glück, auf dem Pausenhof über eine halsbrecherisch lange Kolonne von Schulranzen zu springen. Dass die einen behindert sind und die anderen nicht, spielt keine Rolle - weil es für die Kinder selbst keine Rolle spielt. So wird der Blick auf das Alltägliche zum Besonderen, während das Besondere als etwas Alltägliches erscheint.

Mitunter sind es dabei die Aussagen der Kinder selbst, die den Film über die reine Beobachtung hinaus zu einer beinahe poetischen Betrachtung werden lassen. Ich weiß gar nicht, wann ich sehen gelernt habe, sagt die elfjährige Johanna, die blind zur Welt kam und nun versucht, sich zu erinnern, wie das war damals, bei der Therapeutin, die sie regelmäßig besucht hat. Die hatte so ein gold-silbernes Raschelpapier, so ein glitzerndes, da kann man durchsehen ... Das schimmert ja. In jedem Fall glaube ich, dass ich darauf reagiert habe. Ich frage mich natürlich manchmal, wie andere sehen.

Hubertus Siegert wagt mit seinem Dokumentarfilm eine vorsichtige Antwort. Er geht dazu auf Augenhöhe mit seinen Protagonisten, ohne sich zu bücken und ohne sie auf einen Sockel zu heben. Und vielleicht gelingt ihm das ja gerade deshalb so mühelos, weil er sie in seiner Zurückhaltung zu den eigentlichen Autoren des Films macht. Vom Ton über den Schnitt bis zur Kameraführung ist seine Dokumentation dabei von solch bescheidener Gekonntheit, dass man vergisst, vor welcher Herausforderung das Filmteam stand: 90 Minuten Klassenzimmer, Pausenhof, Turnhalle - Orte, die wenig visuelle Reize bieten, und der Film versucht auch erst gar nicht, bildästhetisch über sein Sujet hinauszuwachsen. Er entscheidet sich gegen jede Virtuosität, bedarf keiner außergewöhnlichen Perspektive, keiner spektakulären Fahrten, um unspektakuläre Räume aufzuwerten. Er beschränkt sich auf die exakte Wahl des Ausschnitts und auf das richtige Licht, in das er das Gezeigte rückt. So wird das Zelluloid des Films für den Zuschauer, was für Johanna das Silberpapier war: zu einer Schule des Sehens - unsentimental und ohne jede Verherrlichung oder Verniedlichung des kindlichen Blicks auf die Welt.