Diskurs, mit stark rollendem r, gehörte zu seinen Lieblingsvokabeln. Vom ersten Tag an hat man Peter Glotz als einen erlebt, der der Politik das Sprechen beibringen und sie damit intellektuell auf Trab bringen wollte. Seit wir Journalisten-Lehrlinge ihn kennen lernten - Willy Brandt war Kanzler, er war ein Brandt-Mann, und das ist er nach eigenem Bekenntnis immer geblieben -, war er schneller als andere, in jeder Hinsicht. Er kam aus der Mitte der pragmatischen Waldemar-von-Knoeringen-SPD, die selbstkorrekturfähig war, und aus der Mitte heraus wollte er der SPD ihr Typisches austreiben.

Nein, für diesen voranstürmenden Peter Glotz habe ich keinen raschen Begriff.

Ihm wäre das gewiss nicht passiert. Vordenken, querdenken, alles Wortschrott.

Elias Canetti, den er verehrte, hätte einen wie ihn vielleicht einen Benenner genannt. Glotz liebte die Arbeit der Zuspitzung, so sein Wort, und Songs von Jimmy Hendrix und Johnny Cash beschwingten ihn dabei. An der Unbeweglichkeit des Tankers SPD wollte er nicht still verzweifeln, also versuchte er lieber eigenhändig, das Schul- und Hochschulsystem den Verhältnissen anzupassen - als Staatssekretär in Bonn (1974), als Wissenschaftssenator in Berlin (1977), als Gründer des Wissenschaftskollegs, das ungeniert auf Eliten setzte, oder als Gründungsrektor der Universität Erfurt. Kaum hatte er sich in Thüringen eingerichtet, zog es ihn an die Universität von St. Gallen - fast konnte man meinen, auch diesem anderen Tanker namens Hochschule wolle er durch die Blume beibringen, er sei nicht beweglich genug - mobil wie er beispielsweise.

Kein Wunder, dass Glotz bald als prominenter Jobhopper galt. In verblüffend eigensinnigen Tagebüchern beobachtete er seinen krummen Weg durch die Politik, bis zuletzt sah er sich schreibend über die Schulter. Die Lektüre erweist: Es kam gar nicht so genau darauf an, wo der Ort lag, von dem aus er etwas in Gang setzen wollte - eigentlich waren sein bleibender Wohnsitz - Worte. Kontinuität entdeckt man daher bei Glotz eher im Denken. Dort, scheint mir, laborierte er insgeheim an einem Gesamtprojekt, nur gab es dafür keinen glatten Begriff - auch nicht von ihm. Es hing, grob gesagt, mit seiner Idee von Moderne zusammen. Nein, das war nicht SPD-typisch. Aber so hätte er seine Partei gern gehabt. Er wollte anderen den Stempel seiner Autonomie aufdrücken.

Als Politiker jedoch, als Sozialdemokrat, wollte Glotz gleichzeitig versuchen, Meinungsherrschaft, also Herrschaft über die Köpfe zu gewinnen, was allein Macht auf demokratische Weise sichert. Darin war er ganz Jünger des italienischen Philosophen Antonio Gramsci. Aber genau damit verwickelte er sich auch in seinen produktivsten Widerspruch: Seine Partei wollte er im Sinne Gramscis kampagnefähig machen, aber Reiz hatte sie für ihn wiederum nur so lange, wie sie offen blieb, fern von Linien und Traditionsballast.

Auch das wollte er vorexerzieren. In seinem Haus in Godesberg, später am Waldrand in Rhöndorf, versammelten die Glotzens gern Gäste aller Couleur zum Gespräch, Gäste aus allen politischen, beruflichen, intellektuellen Disziplinen und Lagern - was für Bonn, die Hauptstadt ohne Hauptstadtgesellschaft, vollkommen untypisch war. Dass einer wie er gegen die Vermachtung der Medienmärkte ankämpfte, lag auf der Hand, aber das hinderte nicht, dass er die Medienmacher gleich mit einlud zum Small Talk. Sein technokratisch-wissenschaftliches Faible - da bewegte er sich im Mainstream seiner Partei - stimmte ihn skeptisch gegenüber den Grünen - aber noch skeptischer stimmte ihn wohl, dass er in ihnen die Bürgerskinder erkannte, von denen er auch eines war - geboren 1939 im böhmischen Eger. Offen wiederum war er für alles, wovon er sich Bewegung versprach, daher nicht weit entfernt von denen, die dem Land einen Ruck predigten. Offen, verknüpft sogar mit einem Anflug von Romantizismus, wenn es um Mitteleuropa ging, seine Heimat, jeder Anflug nationaler Ressentiments peinigte ihn. Solche Grundhaltung führte dazu, dass er sich frei fühlte von jedem Verdacht auf nationalen Revanchismus oder historischen Revisionismus - so frei, dass er sich sogar Erika Steinbachs Projekt Zentrum gegen Vertreibungen zur Verfügung stellte. Der Kampagnemacher Glotz konnte sich nicht vorstellen, dass andere mit seinem Namen Kampagnen machen würden.