Nördlich von Flensburg beginnt der Schrecken aller Besserverdienenden. In Schweden, Dänemark oder Finnland zahlen Spitzenmanager, Investmentbanker und andere Hochbezahlte mehr als 50 Prozent Einkommensteuer. Trotzdem wächst die Wirtschaft. Die Arbeitslosigkeit ist niedrig. Die Unternehmen schreiben gute Gewinne. Und nirgendwo sonst in der westlichen Welt ist der Abstand zwischen oben und unten so gering. BILD

Funktioniert der Sozialismus also doch? Sind die skandinavischen Länder der Wirklichkeit gewordene Traum aller jener, die den Staat lieben und die Reichen hassen?

Nicht ganz. Zwar zieht der Staat in Dänemark, Schweden oder Finnland tatsächlich jeweils mehr als die Hälfte der gesamten Wirtschaftsleistung ein, mehr als in allen anderen Industrieländern. Damit finanzieren die dortigen Regierungen zum Beispiel Ganztagsschulen und -kindergärten und ein Elterngeld für junge Frauen (und Männer), die sich um ihre neugeborenen Kinder kümmern.

Aber besonders sozialistisch ist das alles nicht.

Denn das Steuersystem, das die skandinavischen Länder vor rund 20 Jahren schrittweise einführten, hat vor allem eine Besonderheit: Es schont die Einkünfte aus Kapital, also etwa Firmengewinne, Zinsen und Dividenden. Einst mussten manche Unternehmen in Nordeuropa auf ihre Gewinne bis zu 72 Prozent Steuern zahlen, heute sind es nicht einmal mehr 30 Prozent. In Westeuropa erheben nur Irland, Portugal und die Schweiz noch niedrigere Sätze. Und während in Skandinavien früher auch Vermögenseinkommen progressiv, also abhängig von ihrer Höhe, besteuert wurden, gilt jetzt eine Einheitssteuer. "Das ist quasi Kirchhof fürs Kapital", sagt Steffen Ganghof, Wissenschaftler am Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung und Autor mehrerer Studien zum Thema. Das Kalkül dahinter: die Unternehmen entlasten – damit sie Arbeitsplätze schaffen.

Weil die Skandinavier aber trotzdem Wert auf einen starken Staat legen, holen sich die dortigen Regierungen das Geld anderswo: erstens von den Verbrauchern; während Bundesdeutsche nur 16 Prozent Mehrwertsteuer bezahlen, verlangen Schweden und Dänen 25 Prozent. Und zweitens von den Arbeitern und Angestellten, insbesondere bei den obersten Gehaltsgruppen. Sie müssen teils 55 Prozent ihres Gehalts an das Finanzamt abführen.

Fachleute nennen das skandinavische Modell deshalb auch "Sozialismus innerhalb einer Klasse". Soll heißen: Die Umverteilung findet nicht mehr zwischen Kapital und Arbeit statt, sondern nur noch zwischen gut und schlecht verdienenden Arbeitnehmern. Dort allerdings ist sie umso ausgeprägter.