polen Begreifen, was wir zu tun wagtenSeite 3/3

Viele verdienstvolle Aktivisten der demokratischen Opposition und der Solidarnosc werden zornig, wenn sie sich die finanziellen Blitzkarrieren von Leuten des alten Regimes anschauen. Sie sehen eine Welle organisierter Kriminalität, um sich greifende Korruption, die Selbstzufriedenheit und den Zynismus von Lakaien des alten Regimes – und sie suchen nach den Schuldigen. Oft sagen gerade sie, die Solidarnosc-Revolution sei verraten worden; ein Rezept sehen sie darin, SB-Agenten in den Polizeiarchiven ausfindig zu machen. Sie wiederholen immer wieder, die Rechnungen für das begangene Unrecht seien nicht beglichen worden.

In vielem haben sie Recht. Schlimmer noch, die grundlegende Idee einer sich selbst verwaltenden Republik wurde ersetzt durch das System einer parlamentarischen Demokratie und einer auf Privateigentum beruhenden Marktwirtschaft. Die Zeit uneigennützigen Heldenmuts ist vorbei – das Ethos der Solidarität wurde von Unternehmer- und Konkurrenzgeist verdrängt. Großherziges soziales Engagement, bravouröser Mut und ritterliches Ehrgefühl wurden zu Waren, die auf dem polnischen Markt nicht nur selten sind, sondern auch wenig geschätzt. Gerissenheit und Brutalität sind in den neuen Zeiten unvergleichlich wirkungsvoller und populärer geworden. Die Intrige tarnt sich mitunter geschickt als Edelmut, und Fanatismus hüllt sich in das Gewand der Verteidigung von Grundsätzen. Kann es dann verwundern, dass Menschen, die dem Kampf für ein freies Polen ihre besten Jahre gaben, frustriert sind?

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Aber jeder revolutionäre Umschwung weckt Hoffnungen, die sich nicht erfüllen lassen. In diesem Sinne bleibt jede Revolution unvollendet oder wird verraten; keine bewirkt, dass die Sünder bestraft und die Gerechten belohnt werden. Mögen uns gute Geister vor Revolutionen beschützen, die die Rechnungen von Tugend und Untugend begleichen! Wer vollendete Gerechtigkeit will, sollte bedenken, dass nur Exekutionen vollendet sind.

Zu Beginn dieses Jahres erregte die polnische Öffentlichkeit die Bekanntgabe einer langen Liste mit den Namen von offiziellen und inoffiziellen Mitarbeitern des SB sowie von Personen, die der SB erfolglos anzuwerben gewünscht oder versucht hatte. Zehntausende Menschen fühlten sich besudelt. Die Entehrung der Solidarnosc-Revolution und ihrer Helden durch die SB-Archive ist für die einen eine Heldentat, für andere dagegen eine in ein Faulbecken geschleuderte Granate: die einen tötet sie, andere verwundet sie, alle übergießt sie mit der stinkenden Brühe. Und genau so verletzt, frustriert und besudelt werden wir den 25. Jahrestag der Augustrevolution feiern.

Bleibt nur zu hoffen, dass der polnische Organismus das Gift der verfälschten Geschichte abwehrt. Und wir nach diesem Dreckschwall lernen, vernünftig über das zu sprechen, was wir zu tun wagten. Polen ist ein Land wunderbarer und überraschender Ereignisse; im polnischen Kessel rühren Teufel und Engel immer abwechselnd.

Aus dem Polnischen von Silke Lent

Der Historiker Adam Michnik, geboren 1946, ist Chefredakteur der größten polnischen Tageszeitung »Gazeta Wyborcza«. 1980 war er Berater der Solidarnosc, später auch Mitarbeiter von Lech Walesa, dem Gewerkschaftsführer und späteren Staatspräsidenten, mit dem er sich 1990 überwarf.

 
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