Ich habe einen Traum

Nina Hoss, 30, in Stuttgart geboren, stand schon mit 14 auf der Bühne. Ihre Eltern, die Intendantin Heidemarie Rohweder und der Grünen-Politiker Willi Hoss, unterstützten sie in ihrem Wunsch, Schauspielerin zu werden. Sie studierte an der Berliner Ernst-Busch-Schule und wechselt seither zwischen Film- und Theaterrollen. Sie spielte in »Emilia Galotti« am Deutschen Theater, für ihre Rolle im Film »Wolfsburg« bekam sie den Grimme Preis in Gold. Ihr neuer Kinofilm »Die weiße Massai« hat am 15. September Premiere. Fotografiert wurde sie im Berliner Ritz-Carlton. Nina Hoss träumt davon, dass die Beschneidung von Mädchen abgeschafft wird

Mein Traum hätte noch vor einem Jahr anders ausgesehen. Das Unverständnis, aus dem er erwächst, hätte sich mit massiver Wut entladen. Doch meine Sichtweisen haben sich verändert, seit ich von den Dreharbeiten für aus Afrika zurückgekommen bin.

Ich spiele in diesem Film eine Frau aus Europa, die sich auf einer Touristenreise in einen Samburu-Krieger verliebt und ihm ins kenianische Hochland folgt. Durch diese Rolle bekam ich die Chance, vergleichsweise tief in die Gesellschaft der Samburu hineinzusehen. Es ist eine Gemeinschaft, die völlig auf der festen Einhaltung von Traditionen beruht.

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Bei den Samburu-Mädchen gilt die Beschneidung als wichtige Mutprobe, durch die schon alle ihre älteren Schwestern und weiblichen Vorfahren gegangen sind. Es hat mich erschüttert zu sehen, wie sich die jungen Mädchen auf ihre Beschneidung freuen. Während der unfassbaren Prozedur dringt kein einziger Laut aus dem Zelt, in dem das Blut in Strömen fließt. Alles andere als tapferes Schweigen gilt als unehrenhaft. Durch den Eingriff fühlen sich die Mädchen mit ihren zehn, elf Jahren endlich anerkannt, endlich erwachsen. Seit Generationen leben sie in der tiefen Überzeugung, dadurch die Reinheit zu erlangen, die sie auf die Ehe vorbereitet. Wir haben für den Film eine Beschneidungsszene nachgespielt. Seitdem ist für mich noch unbegreiflicher: Wie kann eine Frau, die diese Schmerzen am eigenen Leib erlitten hat und unter den Folgen leidet, das ihrer Tochter antun?

Für mich ist die Beschneidung Folter, eines der schlimmsten Verbrechen, die im Namen der so genannten Ehre auf dieser Erde geschehen.

Ich träume davon, dass es möglich sein wird, diese Form der Herrschaft über das Wesen der Frau aufzugeben. Ich träume von einer Veränderung von innen heraus. Davon, dass die Menschen in diesen Gesellschaften sich selbst entdecken, jenseits der Grenzen, die die Tradition zieht.

Das kann aber nur geschehen, wenn man ihnen Zeit lässt und nicht von außen mit dem erhobenen Zeigefinger kommt. Das habe ich von meinem Vater gelernt: dass man die Energien, die da sind, nutzen und mobilisieren muss. Jede Form von Missionieren kann nur scheitern.

Zeit ist ein unendlich wichtiger Faktor in diesem Traum. Sosehr ich davon träume, dass sich die Praxis ändert, wird doch nur vorsichtige, langfristige Überzeugungsarbeit etwas bewirken können. Man kann nicht überall hingehen und sagen, oh, hier passiert Unrecht, hier müssen wir sofort durchgreifen und unsere Moralvorstellungen installieren.

Leser-Kommentare
  1. 2. Schuld

    "Es hat mich erschüttert zu sehen, wie sich die jungen Mädchen auf ihre Beschneidung freuen. Wie kann eine Frau, die diese Schmerzen am eigenen Leib erlitten hat und unter den Folgen leidet, das ihrer Tochter antun?"

    Wie kann eine Frau angesichts dieser Tatsachen, und der, dass es primär Fraune sind, die solche Beschneidungen wollen und die Tradition fortsetzen, noch Männern dafür Schuldvorwürfe machen?

    Die "Wüstenblume" wollte Männern sogar "die Eier abschneiden".

  2. "diese Form der Herrschaft über das Wesen der Frau aufzugeben."

    Herrschaft über das Wesen der Frau? Ist also auch die Beschneidung von Männern in Judentum und Islam eine Herrschaft über das wesen des Mannes, ja?

    Unterdrücken die Männer sich selbst?

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