Es sind harte Zeiten für umweltbewusste Menschen: Da möchte man weit weg fahren, in unberührte Weltgegenden, in denen man seine kulturelle Kompetenz in Zeiten der Globalisierung schulen kann. Wäre da nicht das schlechte Gewissen: Fliegen ist ökologisch unkorrekt. Die Abgase belasten die Atmosphäre, allen voran das Treibhausgas Kohlendioxid. Also besser zu Hause bleiben? Oder nach Mecklenburg-Vorpommern fahren?

Wir können auch anders, denkt der Reisende und setzt sich in Hamburg in den Zug. Ziel: Afrika. Nach zwei Wochen und einigen Zwischenstopps in osteuropäischen Metropolen kommt er in Istanbul übernächtigt an. Zwanzig Stunden im freudlosen Bosporus-Express aus Bukarest ohne Bordbistro, dafür mit zwei Grenzübertritten mitten in der Nacht, fordern sogar erklärte Fans des Bahnfahrens. Die erste Öko-Enttäuschung wartet: Nach gut 3000 Bahnkilometern hat er 170 Kilo auf dem Kohlendioxidzähler, gemäß Berechnungen der Deutschen Bahn. Wäre er nach Frankfurt geflogen und dort in einen Urlaubsflieger gestiegen, hätte er nur 163 Kilo des Treibhausgases erzeugt.

Es kommt noch schlimmer. Mangels Bahnverbindung setzt sich der Reisende nach vier schönen Tagen am Goldenen Horn in einen Nachtbus in Richtung Kappadokien und Syrien. In Damaskus schließlich ist sein Goodwill aufgebraucht: Statt sich für den Bus nach Jordanien im Morgengrauen hochzuquälen, besteigt er mittags gut gelaunt ein so genanntes Service-Taxi: einen ältlichen Mercedes mit drei weiteren Reisenden. Doch der Benz stößt pro Insasse dreimal so viel CO2 aus wie ein voll besetzter Überlandbus. Dabei setzt ein Liter verbrannten Diesels laut Öko-Institut etwa 2,7 Kilo Kohlendioxid frei.

Die Fähre vom jordanischen Akaba auf die Sinai-Halbinsel macht die Sache nicht besser. Zwar befördert sie rund zweitausend Reisende. Doch das Schiff, vor über zwanzig Jahren in Japan gebaut, frisst für achtzig Kilometer übers Rote Meer fünfeinhalb Tonnen Schweröl, schätzt man bei JAFO Technologie, einem Ingenieurdienstleistungsunternehmen der ThyssenKrupp-Werften. Tage später, beim Entreffen in Kairo, kann der Charterflieger erneut frohlocken: Mit 220 Kilo Kohlendioxid-Ausstoß hätte er nach gut 3300 Flugkilometern die Pyramiden erreicht, während der Überlandfahrer 235,6 Kilo auf seinem CO2-Konto zählt.

Wäre Afrika nach der Unabhängigkeit nicht im politischen und ökonomischen Chaos versunken, der Rest bliebe ein Kinderspiel. Vor siebzig Jahren hätte man sich in den Zug nach Kapstadt gesetzt. Doch von der einstigen Kap–Kairo-Linie der Briten sind nur noch Bruchstücke erhalten. Am Assuan-Staudamm wartet die nächste Fähre, diesmal in den Sudan: Ein lächerlich kleines Boot für 600 Passagiere und ungezählte Kühlschränke, Zwiebelsäcke und Nudelpaletten. Es stößt pro Kopf genauso viel Kohlendioxid aus wie ein Auto auf der 350 Kilometer langen Strecke mit einem Insassen.

Sieben Wochen sind inzwischen vergangen und die Serengeti und Sansibar immer noch weit, weit weg. Während sich der durchschnittliche Flugtourist wegen Thromboserisiken in der Holzklasse moderner Fluglinien Sorgen macht, lernt der Überlandfahrer in den Weiten des Nordsudans, was buddhistisches Busfahren ist. 28 Stunden im umgebauten Lkw durch die Wüste, deren Bodenwellen einen alle zwei Minuten aus dem Sitz werfen: Alle Existenz ist Leiden, da hatte Buddha Recht.

Es folgen 3700 Kilometer von Khartum nach Nairobi in Bussen, die für kleinwüchsige Asiaten ersonnen sein müssen, auf Lkw, die Berge von Menschen, Mangos und Maissäcken chauffieren, oder auf den Schleudersitzen von Toyota-Jeeps. Doch das Leiden hat sich gelohnt: Als der Reisende verschwitzt in Downtown-Nairobi aussteigt – knapp drei Monate liegt Hamburg zurück –, hat er den Flugtouristen zum ersten Mal unterboten: um sage und schreibe 20 Kilo CO2. Nur noch einmal ist ihm ein ökologisches Erfolgserlebnis gegönnt, als er sich morgens um drei in der tansanischen Hafenstadt Pangani auf einer Dhau, einem traditionellen arabischen Segelboot, nach Sansibar einschifft. Stunde um Stunde treibt er mit fünf Seeleuten, Bananen und Matratzen einem Strand aus der Bacardi-Werbung entgegen, beflügelt einzig vom lauen Lüftchen über dem Indischen Ozean. CO2-Emission: null. Dabei verbrennt er sich unter der Äquatorsonne seine nackten Füße.