Da können die Experten noch so drängeln: Im deutschen Traum vom Steuerparadies kommt die radikale Reform der Unternehmensteuern kaum vor. Ein verhängnisvoller Fehler. Denn für Wirtschaftswachstum und neue Arbeitsplätze sind die Steuern, die die Betriebe zu zahlen haben, weitaus wichtiger als die Lohn- und Einkommensteuer der Arbeitnehmer. Sie entscheiden darüber, wie viel investiert wird und wie sich das Land im internationalen Wettbewerb behaupten kann.

Wie groß die Schieflage bei der Unternehmensbesteuerung heute ist, verdeutlicht ihr paradoxes Resultat: Einerseits sind die Steuersätze für Kapitalgesellschaften in der Bundesrepublik mit etwa 39 Prozent so hoch wie in keinem anderen Land der EU. Andererseits aber fließen wegen der zahllosen legalen Umgehungsmöglichkeiten nur spärliche Beträge in die Staatskasse. Überdies verteilt das Steuerrecht nicht nur die Lasten ungleichmäßig. Es treibt auch Betriebe ins Ausland und schreckt ausländische Investoren ab.

Seltsam also, dass Union und SPD sogar von der Vereinbarung des Job-Gipfels im Mai abgerückt sind, die vorsah, den Satz der Körperschaftsteuer von 25 auf 19 Prozent zu senken. Im SPD-Konzept ist nur noch von einer "rechtsform- und finanzierungsneutralen Unternehmensteuer" die Rede; die Union strebt jetzt erst einmal einen Körperschaftsteuersatz von 22 Prozent "als weiteren Schritt zu einer umfassenden Unternehmensteuerreform" an. An der Gewerbesteuer von rund 14 Prozent, die den Kommunen zufließt, will die SPD grundsätzlich und die Union so lange festhalten, bis sie "eine sinnvolle Alternative entwickelt" hat. Nur die FDP hat ein Konzept mit einem Höchststeuersatz für alle Unternehmen von 28 Prozent (inklusive eines Kommunalzuschlags an Stelle der Gewerbesteuer) vorgelegt.

Die Unlust der Politiker ist leicht zu erklären: Das komplizierte Thema Unternehmensteuer taugt wenig, um auf Marktplätzen oder im Fernsehen um Stimmen zu werben. "Fragen wie Gesellschafter-Fremdfinanzierung, steuerliche Behandlung von stillen Reserven, Teilwertabschreibungen, Gewinnverlagerungen durch Verrechnungspreise eignen sich nicht für Talkshows", sagt der Wirtschaftsweise Wolfgang Wiegard, "da kommt die Steuerklärung auf Bierdeckeln oder Postkarten natürlich ungleich besser an." Beflügelt von der Resonanz auf seine radikale Einkommensteuerreform, hat Paul Kirchhof nun einen "großen Wurf"für die Unternehmensteuer angekündigt. Auch andere Experten arbeiten an Konzepten.

Der Sachverständigenrat will seine Vorschläge bis Jahresende vorlegen. Die Fünf Weisen setzen sich für eine duale Einkommensteuer nach skandinavischen Vorbildern ein, die nur zwischen Kapital- und anderen Einkommen unterscheidet. Für Kapitaleinkommen soll eine Steuer von 25 Prozent eingeführt werden.