Patrioten kommen in den Vereinigten Staaten bisweilen eigenartig daher. Zum Beispiel Bob Schulz. Der Geschäftsmann aus Queensbury im Staat New York umgibt sich gern mit wehenden Stars-and-Stripes-Flaggen. Doch noch lieber protestiert er gegen den Fiskus – notfalls auch per Hungerstreik. Schulz hält Einkommensteuern an sich für Betrug und ruft alle aufrechten Amerikaner zur Verweigerung auf. Tausende solcher Steuerboykotteure gibt es inzwischen in den USA. Der Patriot Schulz ist zu ihrer Ikone aufgestiegen.

Skepsis gegenüber dem Steuerstaat hat eine lange Tradition in den Vereinigten Staaten. Die Idee, dass Steuern die Freiheit einschränken und das Wirtschaftswachstum bremsen, findet dort besonders viel Anklang. Der ehemalige Präsident Ronald Reagan erhob diesen Gedanken zur Doktrin; sein damaliger Wirtschaftsberater Arthur Laffer rechnete vor, wie sinkende Steuersätze die Wirtschaft ankurbeln könnten – so kräftig, dass der Staat trotz niedrigerer Steuersätze am Ende mehr Geld einnehme als vorher. Das hat sich nie bestätigt. Doch spätestens seit Reagan sind Wahlkämpfe auf amerikanischem Boden ohne das Versprechen von Steuersenkungen kaum noch zu gewinnen. "Unsere erste Pflicht ist es, die Amerikaner mehr von ihrem Geld behalten zu lassen", meinte US-Präsident George W. Bush. Ihm gehe es wie den Republikanern insgesamt nur darum, den Staat auszuhungern, ihn arm zu machen, halten Bushs Kritiker dagegen.

Tatsache ist: In keinem anderen westlichen Industrieland hält sich der Staat, finanziell gesehen, derart zurück. Einkommensteuer, Unternehmensteuer, Umsatzsteuer, öffentliche Sozialversicherung – die amerikanischen Behörden schöpfen lediglich 30 Prozent der Wirtschaftsleistung ab.

Sind diese niedrigen Abgaben auch für das hohe Wirtschaftswachstum in den USA verantwortlich?

Darüber gehen die Meinungen der Ökonomen auseinander. Für soziale Aufgaben und die Finanzierung des Bildungssektors ist in den USA vielfach der Privatsektor zuständig. Würden die Privaten tatsächlich effizienter arbeiten, würden daraus höhere Wachstumsraten folgen. Doch ob die Altersvorsorge oder die Leitung einer Universität besser in der Hand von Beamten oder von Unternehmen und privaten Mäzenen aufgehoben ist, konnte empirisch nie eindeutig beantwortet werden. Letztlich bleibt dies ein ideologischer Konflikt – ähnlich wie die Frage der sozialen Ungleichheit. Da der Staat in den Vereinigten Staaten viel weniger umverteilt als in anderen Ländern, ist der Abstand zwischen Arm und Reich dort traditionell besonders groß. Die einen halten das für ein gravierendes soziales Problem, die anderen nur für ein gesellschaftliches Merkmal, das Europäer stören mag, die meisten Amerikaner aber akzeptieren.

Inzwischen achten manche Ökonomen und Politikberater gar nicht mehr so sehr auf die absolute Höhe der Steuerlast – sondern halten die Einfachheit und Berechenbarkeit des Steuersystems für den wichtigeren Wachstumsfaktor. Da schneiden die USA allerdings ziemlich schlecht ab. Das Steuersystem ist überaus kompliziert. Die amerikanische Steuerbehörde IRS schätzt, dass ihr für jeden eingenommenen Dollar etwa 19 bis 20 Cent an nicht gezahlten Steuern verloren gehen. Sie verschwinden in den zahlreichen Schlupflöchern.

Vor allem kleine Unternehmen verschweigen Schätzungen zufolge bis zu 30 Prozent ihrer tatsächlichen Einkommen, Freiberufler gar bis zu 80 Prozent. Das Center for American Progress schimpft, dass Hunderttausende Topverdiener mit Jahreseinkommen über 200000 Dollar im Jahr keine oder nur sehr geringe Steuern zahlten – weil sie gekonnt die vielen Ausnahmetatbestände nutzen.