wahlkampfJe heißer, desto schlauer

Schwitzend, ächzend, krächzend: Schröder, Merkel & Co. geben alles. Aber die Wähler nehmen ihnen nicht alles ab von 

Was für ein seltsamer Wahlkampf dies ist, zeigt sich daran, dass selbst die einfachsten Dinge schief laufen. Die Linkspartei zum Beispiel, geplagt von der hässlichen Privatjet-Debatte um Oskar Lafontaine, wollte endlich einmal eine nette Botschaft voller Zuversicht und Harmonie über ihre beiden Spitzenkandidaten ans Volk bringen. Doch das Großplakat von Lafontaine und Gysi, das jetzt überall hängt, zeigt stattdessen zwei feixende, sonnengebräunte Genießer, die sich köstlich über irgend einen Streich zu amüsieren scheinen. Die gute Laune der beiden Selbstzufriedenen konterkariert die Verelendungsrhetorik der Linkspartei und demonstriert durch Gysis devote Haltung gegenüber dem Großen Vorsitzenden Lafo in erstaunlicher Offenheit, welchen Preis man für die Westausdehnung zahlt. Dies ist der Wahlkampf der sich selbst entlarvenden Inszenierungen.

Trotzdem hat er einen schlechten Ruf. "Die Ankündigung der heißen Phase des Wahlkampfes", schrieb kürzlich die Schriftstellerin Monika Maron in der FAZ, "ist das Signal zur endgültigen freiwilligen Verblödung." Wer sich dieser Tage zwischen Chemnitz und Wilhelmshaven, Augsburg und Hildesheim umtut, hört andere Signale. Dieser Wahlkampf, wegen seiner Kürze ohnehin eine einzige heiße Phase, gehorcht nicht den Anweisungen der Strategen. Auf den Plätzen kann, wer will, etwas lernen über die Grenzen politischer Steuerung und über den Eigensinn der Öffentlichkeit.

Anzeige

Politiker in Gummistiefeln sind nicht erwünscht. Schröder weiß das

Die Massen, die in überraschend hoher Zahl zu den Veranstaltungen strömen, suchen natürlich auch das Spektakel. Wann hat es auch schon solch ein Drama gegeben: Der amtierende Kanzler führt einen Herausforderer-Wahlkampf gegen eine Oppositionsführerin, die sprechen muss, als regiere sie schon. Man kommt zu Schröder nicht zuletzt, um zu sehen, ob er es schafft, sich selbst und dem Publikum zu suggerieren, er könne es noch reißen, obwohl die Umfragen wie verhext stagnieren – trotz Stoiber, trotz Iran, trotz Flut. Man fragt sich auch, ob seine Kraft aus der Selbsthypnose kommt oder ob sie schon dem Vorgefühl der Befreiung aus den Amtspflichten entspringt. Zu Merkel hingegen geht man, um zu sehen, ob sie ihrem sicher scheinenden Sieg überhaupt gewachsen ist. Wird sie das "Wir sind schon dran"-Gefühl überreißen, dass die Partei jetzt hinter sie zwingt, und damit ihre Widersacher in den eigenen Reihen noch einmal aufstacheln, sich auf ihre Kosten zu profilieren? Der Noch-Kanzler, der verbissen Siegesgewissheit mimen muss, die Noch-nicht-Kanzlerin, gefangen im Gehäuse gouvernementaler Erwartungen: Das Publikum liest jede Aussage der Kandidaten im vollen Bewusstsein dieses Skripts.

Gerhard Schröder und Angela Merkel werden bis zur Wahl noch an die 20 Großauftritte absolvieren. Tag für Tag geht das jetzt so zwischen Regensburg und Stralsund: Hubschrauber, Limousine, Goldenes Buch der Stadt X, Betriebsbesichtigung, Rednerpult, Limousine, Restaurant, Hubschrauber. Zwischendrin noch, damit keine Langeweile aufkommt: Talkshows, Parteitage, Interviews. Die Spitzenkandidaten zusammengenommen, erreichen auf diese Weise unmittelbar etwa zwei Millionen Wähler. Das ist gerade mal ein Drittel des Publikums einer erfolgreichen Christiansen- Sendung. Es ist also eigentlich ziemlich irrational, sich dafür kaputtzumachen, wortwörtlich bis zum Umfallen – wie Franz Müntefering, der auf offener Bühne zusammenbrach.

Warum wird überhaupt noch die große Maschine angeworfen? Es geht offensichtlich nicht darum, auf die effektivste Weise die meisten Menschen zu erreichen. Der Wahlkampf ist eher eine Feier der Volkssouveränität. Weniger pompös gesagt: eine symbolische Verneigung der politischen Klasse vor einem Volk, dem sie sich zunehmend entfremdet hat. Je mehr die Entfremdung wächst, umso schlimmer müssen natürlich die Strapazen sein, mit denen man – schwitzend, ächzend, krächzend – Abbitte leistet. Die Rekorde dieses Wahlkampfes, die 14000 Kilometer von Joschka Fischers Bustour, Merkels und Schröders je 40 Großveranstaltungen in nur fünf Wochen, sie senden eine ambivalente Botschaft, ein bisschen wie ein viel zu teures Geschenk am Hochzeitstag, das die Entzweiung durch Überkompensation erst deutlich macht.

Dieser Wahlkampf ist Ritual und Realitätstest zu gleichen Teilen. Gerhard Schröders Auftritt vergangene Woche im flutgeschädigten Augsburg war ein Lehrstück über diese Dialektik. Man begrüßt ihn im Festzelt mit den Worten: "Wir brauchen hier keine Politiker in Gummistiefeln." Die Ermahnung ist freilich unnötig. Schröder weiß natürlich, dass man nicht zweimal in die gleiche Flut steigt. Er vermeidet jeden falschen Ton. Er spendet den Rettungskräften Lob, bekundet Mitleid mit den Opfern – alles dezent genug, um nur ja nicht den Eindruck zu erwecken, er wolle aus der Katastrophe Profit schlagen. Der Kanzler ist an diesem Abend in Bestform. Er schimpft, fleht und spottet wie für zwei. Wenn Schröder zu beiden Seiten austeilt – gegen den Luxuslinken Lafontaine, der "im rechten Sumpf" watet, und gegen Paul Kirchhof, "den Professor da aus Heidelberg" mit seinem "schlimmen Frauenbild" – prasseln die Bierseidel im Schaller Festzelt begeistert auf die Tische. Ein wenig verdutzt nimmt der Saal zur Kenntnis, wie Schröder jetzt endlich für Rot-Grün kämpft. Hat man ihn je so leidenschaftlich über Frauenrechte und erneuerbare Energien reden hören? Die Flutkatastrophe zeige doch wohl – er kann es doch nicht ganz lassen, das Hochwasser auf die Windräder zu lenken – wie nötig dieses Land die "ökologische Sensibilität" seiner Regierung brauche. Es geht sehr ums Erreichte, um den historischen Schattenriss des Agenda- und Friedenskanzlers Schröder. Er verbringt ein bisschen zu viel Zeit mit Warnungen vor der dräuenden Zukunft, wie "die anderen" sie gestalten wollen – voller strahlender Atomkraftwerke und Frauen am Herd. Dennoch: So kraftvoll haben die über 3000 Augsburger ihn offenbar nicht erwartet.

Leserkommentare
    • yksi
    • 01. September 2005 19:00 Uhr

    In dem lesenswerten Artikel vermisse ich eine Analyse der Plakat- und Broschürenwerbung der Parteien und einen Hinweis auf die - offenbar bewusste - Verblödung oder Verdummung des "Sourveräns", des Wahl-Volkes, durch die sog. Volksparteien oder durch solche Parteien, die das auch werden möchten
    Die CDU/CSU tut so, als habe allein die bisherige rot-grüne Regierung die Staatsverschuldung und die hohe Arbeitslosikgkeit verursacht; von eigenen Beiträgen oder offensichtlichen Lügen (z. B. Wiedervereinigung ohne Steuererhöhung, Tauschverhältnis DDR-Währung zur BRD-Währung 1:1, trotz massiver Warnungen durch Wirtschaftsfachleute); die SPD behauptet, die schwarz-gelbe Regierung unter Kohl habe nichts gegen diese Staatsverschuldung eingeleitet. Dass Schröder seinerzeit gegen Kohl gewonnen hat mit dem Versprechen, dessen Ansätze zur Reform zurückzunehmen, wird ebenso verschwiegen, wie die Tatsache, dass er - nach dem so errungenen Sieg - bald diese anfängliche Rücknahme der Reformansätze zurücknhemen musste.
    Wie wäre es, wenn DIE ZEIT einige Wahlkampf-Kernaussagen zumindest der beiden Hauptparteien mit der historischen Realität konfrontieren würde?
    Im übrigen wächst auch in mir der Überdruss an einer so praktizierten (Parteien-)Demokratie. Gab es das nicht schon in der 1. Berliner Republik, auch "Weimarer" genannt?

Service