gesellschaft : Weißer Mann – was nun?

Wer die Wahl am 18. September gewinnt, ist völlig irrelevant. Denn im globalen Wettstreit droht der westlichen Kultur sowieso der Untergang. Ein Nachruf zu Lebzeiten

Doch selbst wenn das gelänge (und nebenbei das Kunststück, aus einem hoch verschuldeten Sanierungsfall ein florierendes Restart-up-Unternehmen BRD II herauszulösen), stünde dahinter nach wie vor als weit größeres, zentraleuropäisches Problem: der drohende Abstieg des ehemaligen "Westens", als "Altes Europa" bereits explizit dem Untergang geweiht, als eines seit Generationen gepflegten Lebens- und Kulturprinzips. Mit der Postmoderne und ihrem zersetzenden "anything goes" haben wir das Ende der Aufklärung erreicht, ist die Skepsis der Freigeisterei so weit fortgeschritten, dass sie anstelle ernsthafter Visionen nurmehr eine müde Generalironie entwickelt, ein achselzuckendes Laisser-faire, Tarnvokabel "Toleranz", gegenüber allem und jedem: Das entsprechende Erstarken inter- wie intranationaler "Ränder" wird uns eine Unzahl an Sub- und Parallelwelten bescheren, wird am Ende auf eine radikale Parzellierung der Gesellschaft hinauslaufen – nicht zuletzt aufgrund passiver Eliten, die dem Zerfall des Ganzen zur bloßen Summe seiner Teile nichts entgegenzusetzen haben und dies auch längst nicht mehr wollen.

Jenem uneuphorischen Auftakt zum Trotz: Hier schreibt kein resignierter Ex-Rot-Grüner, am allerwenigsten ein verkappter Rechter, der mit seiner These vom "Untergang des weißen Mannes" erst sämtliche Frauen- und Multikultibeauftragten hinwegbeleidigen und anschließend eine krawattengeschnürt neokonservative Revolution ausrufen möchte. Im Gegenteil, das ist ja bereits Teil des Problems, die meisten, mit denen ich in letzter Zeit gesprochen habe, gehören – obwohl allesamt überzeugte Demokraten – einer viel zu lang schon schweigenden Mehrheit an, die unter ihren politischen Repräsentanten kaum noch einen ausmacht, von dem sie sich angemessen repräsentiert fühlt: Deshalb kommt ja nun endlich, wo diese parteipolitisch entwurzelte, gefährlich hin und her schwankende Mitte zu einer neuen Sprache finden muss, eine Diskussion in Schwung, die ein verschärftes Aufmucken frei schwebender Intellektueller und in summa wieder so etwas wie eine außerparlamentarische Opposition erkennen lässt. Nur ebenjener gerade entstehenden Bewegung, die aus dem überkommenen Links-rechts-Denkschema auszubrechen und ihren traditionellen sozialliberalen Impetus mit wertkonservativen Positionen zu versöhnen sucht, würde auch ich mich zurechnen lassen.

Wer sich nur ein wenig außerhalb Europas herumgetrieben hat, weniger als Tourist denn als Reisender, und dabei manchmal, wie ich, gerade noch mit dem Schrecken davongekommen ist, wird vielleicht schon ahnen, was ich im Folgenden schlaglichtartig zu beleuchten suche, wenn ich vom "Untergang des weißen Mannes" spreche. Ich gebrauche den Begriff ausdrücklich nur in polemischer Absicht – als ein Kürzel für das, was ich unter der kerneuropäischen, nach wie vor der Aufklärung verpflichteten Spielart westlicher Kultur verstehe; mit der Hautfarbe im engeren Wortsinn hat er lediglich metaphorisch zu tun. Dass die gewählte Metapher zu einigen Karl-May-haften Assoziationen reizt, darf nicht davon abhalten, sie für komplexere Gedankengänge zu funktionalisieren; die Wirklichkeit lässt sich nun mal am besten demaskieren, wenn man sie erst einmal auf ihr Klischee reduziert.

Für die Recherchen zu meinem neuen Roman lebte ich einige Monate auf Kuba, im schwarzen Süden der Insel, und zwar nach Möglichkeit nicht wie ein Dollartourist, sondern auf Peso-Basis: eine unvergessliche Zeit, in deren Verlauf ich sämtliche Positionen, für die ich früher fraglos einstand, zu überdenken hatte. Eine Zeit auch, in der ich mitunter den Tränen nahe war, so hart empfand ich sie, körperlich wie seelisch. Die Brutalität des vitalen Lebens, keinerlei Rücksicht auf die moralischen oder gar ästhetischen Standards eines Alten Europäers nehmend, diese ungebremste Wildheit des Willens, die sich nicht selten in schierer Gewaltanwendung Bahn brach – durfte ich sie als Mangel an Kultur verachten? Oder hatte ich sie als Überschuss an Vitalität zu bewundern, angesichts dessen ich von vornherein den Kürzeren zog? Dass man sich nach ein, zwei Stunden Schlangestehen um ein Brot schließlich um den Einlass in die Bäckerei prügelte, konnte ich noch verstehen; dass man das auch um einen Sitzplatz im Bus tat, schien auf mehr zu deuten als den puren Kampf ums Überleben, auf einen Kraftüberschuss zumindest, von dem man sich im saturierten Europa keine Vorstellung macht.

Mitunter war ich so restlos beschämt von diesen Eruptionen physischer Macht, dass ich mir einzureden suchte, in meiner weißen Haut die epochale Erschöpfung der gesamten Alten Welt zu spüren; es half mir gar nichts, die schiere Schwäche angesichts des Faktischen als Überlegenheit einer verfeinerten Vernunft zu camouflieren. Im Gegenteil, bald spürte ich die Kraft dieser Menschen auch dann, wenn sie mich vom Straßenrand beobachteten, da lag mitunter ein Lauern in der Luft, dass man sich als Europäer arg zusammenreißen musste, um erhobnen Hauptes seiner Wege zu gehen.

Die größte Massenschlägerei habe ich freilich im schwarzen Südzipfel von Indien erlebt, auch hier in der Rolle des (einzigen) Weißen, der seine körperliche Unterlegenheit mit der Überlegenheit dezenter Zurückhaltung zu kaschieren suchte: in Trivandrum, einem tristen Millionendorf, dessen Sehenswürdigkeiten selbst von Gutwilligen innerhalb eines halben Tages abgehakt sind. Bleibt ein Besuch im Zoo, und erstaunlicherweise wartet man vor dem Eingang nicht allein, und als das Kassenhäuschen dann endlich öffnet, herrscht im Handumdrehen eine ernsthafte Schlägerei, nicht um Brot, sondern bloß um die Plätze. Die Polizei muss anrücken, um mit wahllos ausgeteilten Schlagstockhieben wenigstens vorübergehend eine Ordnung wiederherzustellen: Klaglos nehmen die potenziellen Zoobesucher die Prügel hin, ducken sich in Richtung Kassenhäuschen, denn von ihrem Ziel lassen sie nicht ab, um wenig später den müßigen Flaneur zu geben.