gesellschaftWeißer Mann – was nun?

Wer die Wahl am 18. September gewinnt, ist völlig irrelevant. Denn im globalen Wettstreit droht der westlichen Kultur sowieso der Untergang. Ein Nachruf zu Lebzeiten von Matthias Politycki

Nun ist es plötzlich vorbei mit Abwarten-und-Jammern, die allgemeine Verzagtheit in Deutschland weicht zusehends einer unerwartet betriebsamen Aufbruchstimmung. Eifrig werden Leitartikel geschrieben und Manifeste verfasst, ja vor allem auch ersehnt, verlangt, mitunter gewaltsam herbeigezwungen, als ob man auf diese Weise wenigstens anderen schon mal die Entschlossenheit unterschieben könnte, die man selber noch nicht hat: Der schleichende Niedergang der Parteiendemokratie, wie wir ihn als Telekratie seit Jahren miterleben müssen – als Simulationsterror der Meinungsbarometer und Talkshows, die mit ihren Standardmoralkeulen fast jedes authentische Sprechen unmöglich machen –, hat ein gefährliches Machtvakuum bewirkt, das nicht etwa nur von "Frustrierten", sondern vor allem von der intellektuellen Mitte unsrer Gesellschaft wieder neu gefüllt werden will.

Doch selbst wenn das gelänge (und nebenbei das Kunststück, aus einem hoch verschuldeten Sanierungsfall ein florierendes Restart-up-Unternehmen BRD II herauszulösen), stünde dahinter nach wie vor als weit größeres, zentraleuropäisches Problem: der drohende Abstieg des ehemaligen "Westens", als "Altes Europa" bereits explizit dem Untergang geweiht, als eines seit Generationen gepflegten Lebens- und Kulturprinzips. Mit der Postmoderne und ihrem zersetzenden "anything goes" haben wir das Ende der Aufklärung erreicht, ist die Skepsis der Freigeisterei so weit fortgeschritten, dass sie anstelle ernsthafter Visionen nurmehr eine müde Generalironie entwickelt, ein achselzuckendes Laisser-faire, Tarnvokabel "Toleranz", gegenüber allem und jedem: Das entsprechende Erstarken inter- wie intranationaler "Ränder" wird uns eine Unzahl an Sub- und Parallelwelten bescheren, wird am Ende auf eine radikale Parzellierung der Gesellschaft hinauslaufen – nicht zuletzt aufgrund passiver Eliten, die dem Zerfall des Ganzen zur bloßen Summe seiner Teile nichts entgegenzusetzen haben und dies auch längst nicht mehr wollen.

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Jenem uneuphorischen Auftakt zum Trotz: Hier schreibt kein resignierter Ex-Rot-Grüner, am allerwenigsten ein verkappter Rechter, der mit seiner These vom "Untergang des weißen Mannes" erst sämtliche Frauen- und Multikultibeauftragten hinwegbeleidigen und anschließend eine krawattengeschnürt neokonservative Revolution ausrufen möchte. Im Gegenteil, das ist ja bereits Teil des Problems, die meisten, mit denen ich in letzter Zeit gesprochen habe, gehören – obwohl allesamt überzeugte Demokraten – einer viel zu lang schon schweigenden Mehrheit an, die unter ihren politischen Repräsentanten kaum noch einen ausmacht, von dem sie sich angemessen repräsentiert fühlt: Deshalb kommt ja nun endlich, wo diese parteipolitisch entwurzelte, gefährlich hin und her schwankende Mitte zu einer neuen Sprache finden muss, eine Diskussion in Schwung, die ein verschärftes Aufmucken frei schwebender Intellektueller und in summa wieder so etwas wie eine außerparlamentarische Opposition erkennen lässt. Nur ebenjener gerade entstehenden Bewegung, die aus dem überkommenen Links-rechts-Denkschema auszubrechen und ihren traditionellen sozialliberalen Impetus mit wertkonservativen Positionen zu versöhnen sucht, würde auch ich mich zurechnen lassen.

Wer sich nur ein wenig außerhalb Europas herumgetrieben hat, weniger als Tourist denn als Reisender, und dabei manchmal, wie ich, gerade noch mit dem Schrecken davongekommen ist, wird vielleicht schon ahnen, was ich im Folgenden schlaglichtartig zu beleuchten suche, wenn ich vom "Untergang des weißen Mannes" spreche. Ich gebrauche den Begriff ausdrücklich nur in polemischer Absicht – als ein Kürzel für das, was ich unter der kerneuropäischen, nach wie vor der Aufklärung verpflichteten Spielart westlicher Kultur verstehe; mit der Hautfarbe im engeren Wortsinn hat er lediglich metaphorisch zu tun. Dass die gewählte Metapher zu einigen Karl-May-haften Assoziationen reizt, darf nicht davon abhalten, sie für komplexere Gedankengänge zu funktionalisieren; die Wirklichkeit lässt sich nun mal am besten demaskieren, wenn man sie erst einmal auf ihr Klischee reduziert.

Für die Recherchen zu meinem neuen Roman lebte ich einige Monate auf Kuba, im schwarzen Süden der Insel, und zwar nach Möglichkeit nicht wie ein Dollartourist, sondern auf Peso-Basis: eine unvergessliche Zeit, in deren Verlauf ich sämtliche Positionen, für die ich früher fraglos einstand, zu überdenken hatte. Eine Zeit auch, in der ich mitunter den Tränen nahe war, so hart empfand ich sie, körperlich wie seelisch. Die Brutalität des vitalen Lebens, keinerlei Rücksicht auf die moralischen oder gar ästhetischen Standards eines Alten Europäers nehmend, diese ungebremste Wildheit des Willens, die sich nicht selten in schierer Gewaltanwendung Bahn brach – durfte ich sie als Mangel an Kultur verachten? Oder hatte ich sie als Überschuss an Vitalität zu bewundern, angesichts dessen ich von vornherein den Kürzeren zog? Dass man sich nach ein, zwei Stunden Schlangestehen um ein Brot schließlich um den Einlass in die Bäckerei prügelte, konnte ich noch verstehen; dass man das auch um einen Sitzplatz im Bus tat, schien auf mehr zu deuten als den puren Kampf ums Überleben, auf einen Kraftüberschuss zumindest, von dem man sich im saturierten Europa keine Vorstellung macht.

Mitunter war ich so restlos beschämt von diesen Eruptionen physischer Macht, dass ich mir einzureden suchte, in meiner weißen Haut die epochale Erschöpfung der gesamten Alten Welt zu spüren; es half mir gar nichts, die schiere Schwäche angesichts des Faktischen als Überlegenheit einer verfeinerten Vernunft zu camouflieren. Im Gegenteil, bald spürte ich die Kraft dieser Menschen auch dann, wenn sie mich vom Straßenrand beobachteten, da lag mitunter ein Lauern in der Luft, dass man sich als Europäer arg zusammenreißen musste, um erhobnen Hauptes seiner Wege zu gehen.

Die größte Massenschlägerei habe ich freilich im schwarzen Südzipfel von Indien erlebt, auch hier in der Rolle des (einzigen) Weißen, der seine körperliche Unterlegenheit mit der Überlegenheit dezenter Zurückhaltung zu kaschieren suchte: in Trivandrum, einem tristen Millionendorf, dessen Sehenswürdigkeiten selbst von Gutwilligen innerhalb eines halben Tages abgehakt sind. Bleibt ein Besuch im Zoo, und erstaunlicherweise wartet man vor dem Eingang nicht allein, und als das Kassenhäuschen dann endlich öffnet, herrscht im Handumdrehen eine ernsthafte Schlägerei, nicht um Brot, sondern bloß um die Plätze. Die Polizei muss anrücken, um mit wahllos ausgeteilten Schlagstockhieben wenigstens vorübergehend eine Ordnung wiederherzustellen: Klaglos nehmen die potenziellen Zoobesucher die Prügel hin, ducken sich in Richtung Kassenhäuschen, denn von ihrem Ziel lassen sie nicht ab, um wenig später den müßigen Flaneur zu geben.

Leserkommentare
  1. Ich bin weder schwarz, noch bin ich ein Mann, aber eine derartige Weinerlichkeit ist mir schon lange nicht mehr untergekommen. 'Schlappschwanz!', genau das habe ich gedacht, als ich das Gejammer des Herrn Politycki gelesen habe.

    Leergewischter Wertehorizont? So ein Schmarren! Der Weltenbummler Politycki steckt offenbar in einer ganz persönlichen Sinnkrise. Jemand, der nicht permanent flieht, sondern sich stellt, hier und jetzt, hat ganz andere Sorgen. Ich zumindest kann seine Sehnsucht nach buschtrommelnder Mystik und ellenbogenwetzender Brachialerotik nicht nachvollziehen. Für mich ist die europäische Aufklärung kein Hohelied auf faule Trägheit, schlappe Toleranz oder sinnbetäubenden Konsum. Für mich gilt noch immer: "Habe den Mut, dich deines Verstandes zu bedienen!" Und ich füge hinzu: "Nicht Deiner Fäuste."

    Was ist diese Auffassung wert, wenn man sie nicht zu verteidigen wünscht, meinetwegen auch gegen "aufstrebende Drittweltler", vor allem aber gegen Weltuntergangsphantasten aus den eigene Reihen? Nichts ist sie wert, da gebe ich Herrn Politycki ausnahmsweise Recht. Deswegen hier meine Gegendarstellung:

    Herr Politycki, sage ich, macht nur den gleichen alten Fehler, den bisher noch jeder Übersatte eines Tages gemacht hat: Er wirft, was ihm (unverdient) vererbt wurde, über Bord. Er trennt sich gedankenlos von dem, worum ihn die Konkurrenz ganz offensichtlich brennend beneidet - sonst wäre sie schließlich nicht die Konkurrenz, nicht wahr? Er verkennt, um es einmal modern zu formulieren, sein "Alleinstellungsmerkmal" und versucht es durch etwas zu ersetzen, was er noch nie oder zumindest lange nicht mehr hatte. Etwas, worin er fälschlicherweise die Triebkraft der Konkurrenz vermutet: den Neid und die Brutalität. Er verhält sich wie der Hans im Glück des Märchens. Am Ende besitzen solche Menschen in den meisten Fällen tatsächlich nicht mehr, als einen Mühlstein. Den können sie sich dann um den Hals binden, bevor sie in den Fluss springen.

    Mir scheint, das wäre der selbe neoliberale Schwachsinn, der bereits unsere Wirtschaft befallen hat: sich mit denen messen, die ganz unten stehen, weil man alle anderen schon mindestens einmal im bilateralen Duell überholt hat. Nun will man gegen die antreten, die es nicht anders geschafft haben und deswegen mit nackter Gewalt und Hokuspokus nach oben wollen. Es lebe der Nervenkitzel! Daran sind bisher noch alle alten Kulturen gestorben: Sie waren ihrer selbst überdrüssig.

    Wahrscheinlich hat der Verfasser des Artikels Recht: Er ist tatsächlich feige. Feige und gelangweilt. Ein Dandy. Ich bin kein Dandy. Ich stamme aus einer anderen Welt. Und aus einer anderen Zeit stamme ich auch. Ich bin noch nicht zum Brechen satt. Ich bin nicht einmal bereit, Dinge, die ich mir gerade erst erobert habe, so einfach wieder fallen zu lassen. Ich sollte schon von Russland und von den USA das Siegen lernen, von rücksichtslosen indischen Slumbewohnern allerdings hat mir noch niemand gesprochen. Nein, ich persönlich werde mich an keinem der Genannten orientieren. Ich nämlich bin noch nicht fertig mir der Aufklärung. Für mich hat sie gerade erst begonnen.

    Ich pfeife auf das „karthatische Erschauern vor dem Jenseits“. Genau so sehr, wie ich auf meine angebliche Mission pfeife. Wenn ich trinke, trinke ich Wein. Von Blut wird mir übel. Ich kann nicht einsehen, warum mein Verstand eine schlechtere Waffe sein soll, als die Fäuste und die Bomben irgendwelcher Hinterwäldler. Das wiederspricht nämlich schlicht meiner Erfahrung. Von wegen: "...ein Schuss Intoleranz..."! Den Gefallen kann ich dem Herren gerne tun - auf antifundamentalistische Weise fundamental werden: Weichei!

  2. Ich habe den Artikel nur einmal gelesen....vielleicht ein Fehler. Ich vergesse so schnell und zurück bleibt meistens doch nur ein Gefühl.
    Zunächst ist da der Eindruck über die barbarische, mystische Gegenwart anderer Kulturen. Die bedeutet für mich jedoch nicht, das unsere eigene Kultur keine Zukunft hat. Unsere Kultur scheint dagegen manchmal kraftlos, vielleicht liegt das daran, dass wir die Jugend zelebrieren, oberflächlich, und doch von den Jugendlichen schon Weisheit einfordern.

    Ich wünsche, dass all die Lebendigkeit der Völker, die ich wenig kenne, der wirtschaftliche Aktionismus und das Aufstreben anderer Kulturen zu einem „Wettbewerb“, oder eine Ausstellung wird, auch einer Herausforderung für uns, uns zu stellen. Herausforderung heißt für mich, nicht nur sich seiner eigenen Kultur und Geschichte bewusst zu werden, sondern auch sich ganz persönlich mit dem eigenen „Glauben“ -und sei es der vom Autor beschriebenen eklektischen Auswahl aus Glaubensinhalten, die man selber wählt - und der Aufklärung als „destruktive“ oder „zersetzende“ Wahrheit auseinandergesetzt zu haben und beide zu verbinden. Natürlich sind Geisterbeschwörungen, Vodookult oder welche anderen Riten Matthias Politycki anspricht, „lebendig“, sie sind faszinierend animalisch- und doch zugleich fast lächerlich. So komisch das klingt, ich glaube Wasser ist stärker als Stein, und alle diese „fundamentalistischen“ Überzeugungen sind für mich Steine, sie waren nie dem Verstand ausgesetzt und wenn sie es wären, wären sie wahrscheinlich zerbröckelt.

    Trotzdem glaube ich ist es für die Kultur des „weißen Mannes“ und ich möchte diesen Begriff genauso verstanden wissen wie Matthias Politycki, wichtig, Lebenswelten zu schaffen, in denen Eingrenzung und Blühen lassen, was sich entwickelt, als oberste Maxime gilt. Was ich meine ist, Glück als Glück der „Unvernunft“ genauso zuzulassen und nicht belehrend im Weg zu stehen wie dem Willen, alles durchschauen zu wollen. Für mich wäre eine Flora von unterschiedlichen Kulturen die Schönste, auch unterschiedlichen Staatswesen. Für unsere demokratische Kultur habe ich nur die Forderung, Auffanglager zu werden für die, die anders denken....auch wenn ich hoffe, egal in welchem Staat, jeder entwickele so eine humanitäre Haltung.

    Ein bisschen erinnert der Aufsatz des Autors natürlich an Spengler, „Der Untergang des Abendlandes“. Es schwingt außerdem Wehmut mit, nach der verlorenen Kraft, Selbstironie über die eigene Zivilisation. Ich denke, wir brauchen uns vor niemanden zu verstecken, bestaunen wir die blühenden Zivilisationen, und schneiden wir zurück, so überheblich das in manchen Augen klingen mag, wo es barbarisch wird, sofern wir die Kraft dazu haben.

    • NiHeb
    • 02. September 2005 23:54 Uhr

    Offenbar beschreibt der Autor eher seine blutleeres Selbstbildniss als Randfigur eines Nietzsche-Textes.
    Besonders traurig der eitle Versuch sich als "Reisender" von den "Touristen" zu distanzieren, um dann im naechsten Satz die verzweifelte Armut der Dritten Welt fuer ihre Vitalitaet zu loben.
    Vielleicht ist der vermisste Gestaltungswille in Europa ja doch bei den "Neoliberalen Krawattentraegern" zu suchen?

    • tralla
    • 03. September 2005 3:32 Uhr

    aus dem Projekt unter www.hallo-leute.de bzw. Erläuterungen dazu unter http://www.hallo-leute.de...

    Der sinnvolle nächste Entwicklungsschritt der demokratischen Zivilgesellschaft ist die Integration von Freiheitlichkeit und Gemeinschaftlichkeit. Dies erhält uns die Werte der Aufklärung, gewinnt uns aber wieder Zusammenhalt, Identität, Lebenssinn.

    Politycki: "Noch nie war unser Wertehorizont so leergewischt wie heute [...] noch nie waren wir so hilflos angesichts außereuropäischer Herausforderungen wie heute."

    ".. hin zu einer neuen Unfreiheit des Einzelnen zugunsten des florierenden Gesamtsystems."

    www.hallo-leute.de/implik..., II.5.:
    "Bedeutung von Hallo-Leute-Netzwerken im globalen Rahmen

    Das Spannungsverhältnis zwischen Individualismus und Gemeinschaftlichkeit ist ein allgemeines Phänomen. Beim Übergang von traditionellen zu modernen Lebens- und Wirtschaftsformen werden i.A. die gemeinschaftlichen Aspekte beeinträchtigt: traditionelle Lebensformen sind durch gemeinschaftliches Leben und Handeln gekennzeichnet, moderne durch starke Arbeitsteilung, komplexe, schwer durchschaubare Organisation, berufliche Mobilität, mit der Folge von Vereinzelung, Zerfall der Familie, Werteverlust, Gefühl von Entwurzelung und Orientierungslosigkeit.
    Hallo-Leute beantwortet die Frage nach der Gestaltung des Sozialen in einer technisch geprägten Welt mit Strukturen, die in neuer Weise, durch flexible Organisation, Gemeinschaftlichkeit in Verbindung mit Individualismus ermöglichen.

    Eine gelungene Gestaltung dieses Bereiches ist für alle Kulturen wertvoll, nicht nur für die westlichen, die als erste die Industrialisierung absolvierten. Ein solcher tiefgreifender Problemlösungs- und Zukunftsbeitrag gewinnt der westlichen Kultur Ansehen zurück und sichert so westlichen Werten von Freiheit und Menschenrechten einen Platz in einer entstehenden globalen Kultur."

  3. Vor der offenbar in die Belanglosigkeit abgesunkenen eigenen Existenz flüchtet sich der Autor in Virilitäts- und Gewaltphantasien. Schön wenn das eigene Scheitern nicht selbst verantwortet werden muss, sondern bishin zur Aufklärung von sich gewiesen werden kann. Wahrscheinlich hat der Autor in glücklicheren Lebenstagen gerne (und einmal zu viel) von der strukturellen Gewalt geredet, die er jetzt im strukturellen Weicheiertum ausmacht. Doch sie ist nicht neu, und auch nicht besonders originell, die Suche des gelangweilten Feuilletonisten nach dem bewunderten und gefürchteten Wilden, und auch die darwinisierende Faszinazion für Macht- und Gewaltspielchen. Die ganze Welt muss dem auch noch als Projektionsfläche herhalten. Ich kenne ihre Bücher nicht, sind es alles Abenteurromane? Was für eine Verschwendung von Papier (oder Serverplatz). Nein Herr Politycki, nicht alle Leben in Europa in der blutleeren Enttäuschung ihrer Lebenstrümmer. Glaube, Liebe, Hoffnung, gibt es durchaus, im alten Europa, jenseits des Feuilletons, jenseits so vieler Abziehbilder, wie sie zusammengeschrieben oder verfilmt werden können und ebenso weit entfernt vom Muff der obsoleten Rituale vergangener Zeiten. Nutzen sie doch einmal das Wochenendticket der deutschen Bahn, oder auch eins der Ländertickets, oder auch nur ihr Fahrrad, um tatsächlich einmal nicht als Dollartourist unterwegs zu sein. Halten sie dort, wo sie zwischen Weltreisen, ihrem Stammlokal und verpatzten Rendezvous sonst nie die Zeit zu einem Zwischenstopp finden. Gewaltorgien werden sie natürlich kaum finden (die gibt es aber genügend im Kino) - vielleicht ein Kindergartenfest?. Und bitte, bitte, bitte lassen sie in Zukunft die Menschen in Ruhe, die von Asien bis zum Maghreb jedenfalls nicht auf die vollzuschreibenden Reisetagebücher sinnsuchender Stadtneurotiker warten.

    • fehre
    • 04. September 2005 13:26 Uhr

    Tourist oder Reisender. Wie dem auch sei. Über Begrifflichkeiten kann man streiten.

    Zum Wesentlichen:
    Auch wenns unangenehm ist, die eigene gefilterte Weltsichtbrille einmal abzusetzen (wie es in diesem Artikel geschieht), so bleibt: Reisen bildet, und schenkt einem nicht zuletzt einen besseren Blick auf sich selbst.

    Zum Wesentlichsten:
    Was ist denn die Alternative zu Glaube-Liebe-Hoffnung?

    • Lorn
    • 04. September 2005 21:08 Uhr

    Hallo,
    der Kommentar geht von falschen Grundvorraussetzungen bezüglich der Grundlagen der Aufklärung aus.
    Hingewiesen sei noch auf folgende Bücher bezüglich Immanuel Kants, des grossen Philosophen der Aufklärung:

    Carl du Prel »Ein verschollenes Buch von Kant.« München, 1888. »Kant als Mystiker.« Gera, 1888. »Immanuel Kants Vorlesungen über Psychologie.« Leipzig, 1889.

    Tatsache ist: Er ging bereits von einem transzendentalen, sich stetig wieder inkarnierenden Subjekt aus.
    Er war also sehr viel weniger säkular und anti-metaphysisch gesonnen als viele meinen würden.
    Die vermeintliche "metaphysische Leere", die im Kommentar durchschimmert, ist nichts als ein Irrtum der Geschichte bezüglich der europäischen Aufklärung.
    Diese Erkenntnisse Immanuel Kants und seines Neu-Herausgebers Carl Du Prel wurden systematisch unterdrückt.

    Grüsse

    Lorn

  4. 8. Alaska

    Gottfried Benn

    ALASKA

    Europa, dieser Nasenpopel
    aus einer Konfirmandennase.
    wir wollen nach Alaska gehen.

    Der Meermensch, der Urwaldmensch,
    der alles aus seinem Bauch gebiert,
    der Robben frisst, der Bären totschlägt,
    der den Weibern manchmal was reinstößt:
    der Mann.

    Aus: Gedichte, 1912 - 1920

    wenige Jahre nach Benns Diagnose hat Deutschland als Teil von Europa bewiesen, dass die Kraft noch ausreichte um 20 Millionen Menschen zu vernichten....

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