gesellschaft Weißer Mann – was nun?
Wer die Wahl am 18. September gewinnt, ist völlig irrelevant. Denn im globalen Wettstreit droht der westlichen Kultur sowieso der Untergang. Ein Nachruf zu Lebzeiten
Nun ist es plötzlich vorbei mit Abwarten-und-Jammern, die allgemeine Verzagtheit in Deutschland weicht zusehends einer unerwartet betriebsamen Aufbruchstimmung. Eifrig werden Leitartikel geschrieben und Manifeste verfasst, ja vor allem auch ersehnt, verlangt, mitunter gewaltsam herbeigezwungen, als ob man auf diese Weise wenigstens anderen schon mal die Entschlossenheit unterschieben könnte, die man selber noch nicht hat: Der schleichende Niedergang der Parteiendemokratie, wie wir ihn als Telekratie seit Jahren miterleben müssen – als Simulationsterror der Meinungsbarometer und Talkshows, die mit ihren Standardmoralkeulen fast jedes authentische Sprechen unmöglich machen –, hat ein gefährliches Machtvakuum bewirkt, das nicht etwa nur von »Frustrierten«, sondern vor allem von der intellektuellen Mitte unsrer Gesellschaft wieder neu gefüllt werden will.
Doch selbst wenn das gelänge (und nebenbei das Kunststück, aus einem hoch verschuldeten Sanierungsfall ein florierendes Restart-up-Unternehmen BRD II herauszulösen), stünde dahinter nach wie vor als weit größeres, zentraleuropäisches Problem: der drohende Abstieg des ehemaligen »Westens«, als »Altes Europa« bereits explizit dem Untergang geweiht, als eines seit Generationen gepflegten Lebens- und Kulturprinzips. Mit der Postmoderne und ihrem zersetzenden »anything goes« haben wir das Ende der Aufklärung erreicht, ist die Skepsis der Freigeisterei so weit fortgeschritten, dass sie anstelle ernsthafter Visionen nurmehr eine müde Generalironie entwickelt, ein achselzuckendes Laisser-faire, Tarnvokabel »Toleranz«, gegenüber allem und jedem: Das entsprechende Erstarken inter- wie intranationaler »Ränder« wird uns eine Unzahl an Sub- und Parallelwelten bescheren, wird am Ende auf eine radikale Parzellierung der Gesellschaft hinauslaufen – nicht zuletzt aufgrund passiver Eliten, die dem Zerfall des Ganzen zur bloßen Summe seiner Teile nichts entgegenzusetzen haben und dies auch längst nicht mehr wollen.
Jenem uneuphorischen Auftakt zum Trotz: Hier schreibt kein resignierter Ex-Rot-Grüner, am allerwenigsten ein verkappter Rechter, der mit seiner These vom »Untergang des weißen Mannes« erst sämtliche Frauen- und Multikultibeauftragten hinwegbeleidigen und anschließend eine krawattengeschnürt neokonservative Revolution ausrufen möchte. Im Gegenteil, das ist ja bereits Teil des Problems, die meisten, mit denen ich in letzter Zeit gesprochen habe, gehören – obwohl allesamt überzeugte Demokraten – einer viel zu lang schon schweigenden Mehrheit an, die unter ihren politischen Repräsentanten kaum noch einen ausmacht, von dem sie sich angemessen repräsentiert fühlt: Deshalb kommt ja nun endlich, wo diese parteipolitisch entwurzelte, gefährlich hin und her schwankende Mitte zu einer neuen Sprache finden muss, eine Diskussion in Schwung, die ein verschärftes Aufmucken frei schwebender Intellektueller und in summa wieder so etwas wie eine außerparlamentarische Opposition erkennen lässt. Nur ebenjener gerade entstehenden Bewegung, die aus dem überkommenen Links-rechts-Denkschema auszubrechen und ihren traditionellen sozialliberalen Impetus mit wertkonservativen Positionen zu versöhnen sucht, würde auch ich mich zurechnen lassen.
Wer sich nur ein wenig außerhalb Europas herumgetrieben hat, weniger als Tourist denn als Reisender, und dabei manchmal, wie ich, gerade noch mit dem Schrecken davongekommen ist, wird vielleicht schon ahnen, was ich im Folgenden schlaglichtartig zu beleuchten suche, wenn ich vom »Untergang des weißen Mannes« spreche. Ich gebrauche den Begriff ausdrücklich nur in polemischer Absicht – als ein Kürzel für das, was ich unter der kerneuropäischen, nach wie vor der Aufklärung verpflichteten Spielart westlicher Kultur verstehe; mit der Hautfarbe im engeren Wortsinn hat er lediglich metaphorisch zu tun. Dass die gewählte Metapher zu einigen Karl-May-haften Assoziationen reizt, darf nicht davon abhalten, sie für komplexere Gedankengänge zu funktionalisieren; die Wirklichkeit lässt sich nun mal am besten demaskieren, wenn man sie erst einmal auf ihr Klischee reduziert.
Für die Recherchen zu meinem neuen Roman lebte ich einige Monate auf Kuba, im schwarzen Süden der Insel, und zwar nach Möglichkeit nicht wie ein Dollartourist, sondern auf Peso-Basis: eine unvergessliche Zeit, in deren Verlauf ich sämtliche Positionen, für die ich früher fraglos einstand, zu überdenken hatte. Eine Zeit auch, in der ich mitunter den Tränen nahe war, so hart empfand ich sie, körperlich wie seelisch. Die Brutalität des vitalen Lebens, keinerlei Rücksicht auf die moralischen oder gar ästhetischen Standards eines Alten Europäers nehmend, diese ungebremste Wildheit des Willens, die sich nicht selten in schierer Gewaltanwendung Bahn brach – durfte ich sie als Mangel an Kultur verachten? Oder hatte ich sie als Überschuss an Vitalität zu bewundern, angesichts dessen ich von vornherein den Kürzeren zog? Dass man sich nach ein, zwei Stunden Schlangestehen um ein Brot schließlich um den Einlass in die Bäckerei prügelte, konnte ich noch verstehen; dass man das auch um einen Sitzplatz im Bus tat, schien auf mehr zu deuten als den puren Kampf ums Überleben, auf einen Kraftüberschuss zumindest, von dem man sich im saturierten Europa keine Vorstellung macht.
Mitunter war ich so restlos beschämt von diesen Eruptionen physischer Macht, dass ich mir einzureden suchte, in meiner weißen Haut die epochale Erschöpfung der gesamten Alten Welt zu spüren; es half mir gar nichts, die schiere Schwäche angesichts des Faktischen als Überlegenheit einer verfeinerten Vernunft zu camouflieren. Im Gegenteil, bald spürte ich die Kraft dieser Menschen auch dann, wenn sie mich vom Straßenrand beobachteten, da lag mitunter ein Lauern in der Luft, dass man sich als Europäer arg zusammenreißen musste, um erhobnen Hauptes seiner Wege zu gehen.
Die größte Massenschlägerei habe ich freilich im schwarzen Südzipfel von Indien erlebt, auch hier in der Rolle des (einzigen) Weißen, der seine körperliche Unterlegenheit mit der Überlegenheit dezenter Zurückhaltung zu kaschieren suchte: in Trivandrum, einem tristen Millionendorf, dessen Sehenswürdigkeiten selbst von Gutwilligen innerhalb eines halben Tages abgehakt sind. Bleibt ein Besuch im Zoo, und erstaunlicherweise wartet man vor dem Eingang nicht allein, und als das Kassenhäuschen dann endlich öffnet, herrscht im Handumdrehen eine ernsthafte Schlägerei, nicht um Brot, sondern bloß um die Plätze. Die Polizei muss anrücken, um mit wahllos ausgeteilten Schlagstockhieben wenigstens vorübergehend eine Ordnung wiederherzustellen: Klaglos nehmen die potenziellen Zoobesucher die Prügel hin, ducken sich in Richtung Kassenhäuschen, denn von ihrem Ziel lassen sie nicht ab, um wenig später den müßigen Flaneur zu geben.
Was ist da eigentlich eben passiert?, fragt man sich, während man das vereiterte Knie eines Lamas betrachtet: Was für ein gewaltiger Wille steckt in jedem einzelnen dieser ausgemergelten Kerle, dass sie allesamt vor dem bräsig abwartenden Europäer Einlass fanden? Und wieso ist man in derartigen Szenarien stets der Einzige, der sich in die Pauschalironie dessen flüchtet, der’s angeblich besser weiß?
Noch nie waren wir überzeugten Humanisten so hilflos wie heute
Und die bedrohlichste Erfahrung des Belauertwerdens? Nach wie vor wird mir unwohl, wenn ich an eine Situation in Burundi denke, die sich nur auf den ersten Blick als friedliche Straßenszene darstellte: Während einer der Pausen im damaligen Bürgerkrieg zwischen Tutsi und Hutu, der bereits zu nächtlichen Abschlachtereien unvorstellbaren Ausmaßes geführt hatte, fuhren wir auf einem umgerüsteten Lkw in die Hauptstadt des Landes ein, Bujumbura, und ich spüre noch heute dies intensive Lauern, das uns vom Straßenrand entgegenkam, aus jedem Hauseingang. Geradezu körperlich zu registrieren, selbst von instinktgeschwächten Weißen, dass es hier jeden Moment vorbei sein konnte mit der trügerischen Ruhe, dass sich etwas Bahn brechen konnte, bei dem höchstwahrscheinlich auch wir und unser Lkw auf der Strecke bleiben würden.
Wünschten wir uns in dieser Situation wenigstens Waffen? Nicht mal das wagten wir, anerkannte Kriegsdienstverweigerer oder jedenfalls überzeugte Humanisten, die wir waren, im Übrigen hatten wir ausreichend zu tun, unsre schlimmsten Befürchtungen voreinander zu verbergen: Um Gottes willen, die würden doch nicht? Die sind doch wohl denselben ethischen Werten verpflichtet wie wir, die können doch nicht einfach, aus heiterem Himmel? Oh, die würden sehr wohl, die waren überhaupt nicht, die konnten.
An dieser Stelle fällt mir der Satz eines Farmers aus Simbabwe ein, der durch die Presse ging: Zu Zeiten grassierender Zusammenrottungen schwarzer Landarbeiter, bei denen es, von Staats wegen stillschweigend gebilligt, zunehmend zu Exekutionen weißer Großgrundbesitzer kam, fragte der besorgte Farmer seine eignen Arbeiter, ob sie ihm etwa Ähnliches anzutun gedächten, schließlich sei er ihnen doch jahrzehntelang ein guter Dienstherr gewesen. Bewahre!, dementierte man: Jeder der ihren gehe ausschließlich zu benachbarten Farmen, sei der Weg auch noch so lang.
Wie beruhigend! Und daher skizziere ich jene Erlebnisse ja: Nicht einer heimlichen Sehnsucht nach Gewalt zollen sie Tribut, sondern der schieren Angst, wie man sie in dieser Form in Mitteleuropa gar nicht mehr kennt – am deutlichsten in Schwarzafrika, heftig noch in den karibischen Slumgegenden, in homöopathischer Dosis selbst in einem Land wie Indien zu spüren, sofern man die touristischen Hochburgen verlässt und sich einem Leben konfrontiert sieht, dem man in seiner archaischen Härte erst einmal nichts entgegenzusetzen weiß, nichts.
Denn selbstredend kann es nicht angehen, unsre kulturelle Entwicklung hin zu einer relativ friedliebenden und gesittet miteinander kommunizierenden Spezies rückgängig zu machen, das wäre die reinste Bankrotterklärung. Überdies ist das Problem kein rein physisches; im Fernen Osten erfahren wir unsre Kraftlosigkeit eher auf intellektueller Ebene, als Versagensangst angesichts eines wirtschaftlichen Expansionsstrebens, dessen ungebremste Energie uns weniger mit spezifischen ethischen Bedenken als mit einem grundsätzlichen Gefühl der Ohnmacht erfüllt, gerade auch in Alltagssituationen. Wer sich je in solch kapitalen Monstermetropolen wie Seoul, Tokyo oder neuerdings Shanghai seinen Weg bahnen musste, der kennt den kleinen Schrecken, wenn die Fußgängerampel auf Grün springt und sich Hunderte phalanxartig aufeinander zubewegen, in offensichtlicher Weise zielstrebiger und entschlossener als man selber; kennt den großen Schrecken, wenn der Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen mit 300 Stundenkilometern am Bahnsteig vorbeischießt wie eine Langstreckenrakete. Sekunden später wird alles wieder von einer trügerischen Höflichkeit unkenntlich gemacht, bald weiß man nicht mehr, in welchem Film man gerade ist.
Die Aggressivität, die den Turbokapitalismus in Fernost so erfolgreich und für uns so bedrohlich macht, lässt nur unter Alkoholeinfluss kurz die Maske sinken: »Natürlich wollen wir die Welt beherrschen!«, hört man dann von betrunknen japanischen Managern, ihr ökonomischer Größenwahn sattelt auf einem bestürzend ungebrochnen nationalen Sendungsbewusstsein, einem ungeschmälerten Stolz auf die eigne »überlegene« Kultur. Die europäischen Märkte seien im Grunde sogar leichter zu erobern als das neuerdings erwachte China, erfährt man an solch denkwürdigen Abenden; und in der Tat, auch von Maos Erben wird mit beängstigender Energie an der Zukunft gebaut. Dass dabei ohne Skrupel abgerissen, umgesiedelt, Vergangenheit geflutet wird, dass dabei komplette Großstädte auf dem Reißbrett entstehen, sind nur die überdeutlich sichtbaren Indikatoren einer weit tiefergreifenden Entwicklung, hin zu einer neuen Unfreiheit des Einzelnen zugunsten des florierenden Gesamtsystems – war Kapitalismus zu Zeiten des Kalten Krieges nicht mal so was wie der kleine Bruder der Freiheit gewesen?
Schön ist das alles nicht. Aber in einer verwirrend faszinierenden Weise massiv da. Und effizient. Mit dem langen Atem eines unbeirrbar starken Willens – Kraft äußert sich in dieser Weltregion weniger als eruptiver Impuls denn als ausdauernde Beharrlichkeit – ist man drauf und dran, die Schlüsselindustrien des Westens zu erobern. Angeblich können die USA ihre wirtschaftliche Führungsrolle derzeit nur deshalb noch halten, weil 40 Prozent ihres High-Tech-Sektors von asiatischen Einwanderern betrieben werden; die PC-Produktion von IBM ist de facto bereits von der chinesischen Lenovo übernommen, die Fernsehsparte der Firmen Schneider und Thomson von TCL: Vor wenigen Jahren hätte man derartige Meldungen als Aprilscherz abgetan.
Die Weltwirtschaftsordnung ist aus den Fugen geraten, die kulturelle wird es als Nächstes tun. Denn die fernöstliche Innovationsbegeisterung ist niemals abgekoppelt von einem kulturellen Sendungsbewusstsein zu denken: Im weltweiten Globalisierungswettlauf ist man nur deshalb so rasant erfolgreich, weil man die Riesenschritte in die Zukunft aus einem intakten historischen Selbstverständnis heraus tut. Ein lebendiges Erbe ist ja nicht zuletzt auch ein Fundus an gespeicherten Denk-, Struktur- und Verhaltensmöglichkeiten, ein Inspirationsquell für alle Art aktueller Aufgabenstellung. Wohingegen wir in Mitteleuropa drauf und dran sind, die letzten Reste unsres eignen Jahrtausenderbes – die Vielfalt der Sprachen und damit verknüpfter Identitäten – zugunsten einer grassierenden Pseudoamerikanisierung willig preiszugeben. Und damit das, was sich in der Vernetzung kulturell höchst eigenständiger Einzelleistungen als unser Standort begreifen ließe, als unsre Spielart einer alteuropäischen Position, gegen ein haltloses Mitschwimmen im Strom der globalistischen Kulturindustrie einzutauschen: Zum schreckhaften Begreifen der eignen physischen beziehungsweise ökonomischen Schwäche bahnt sich als letzte Demütigung für Europa die kulturelle Ausrichtung auf eine neue Weltmacht an, die sich schon heute als Global Player in den allgemeinen Weltkulturstrom aktiv einbringt.
Bezeichnenderweise sieht man unser Defizit jedoch nicht von China aus am deutlichsten, sondern vom arabischen Raum – einer Weltgegend also, die de facto zwar vornehmlich Überbleibsel einstiger Hochkulturen vorzuweisen hat, dies freilich mit der Überzeugungskraft dessen, der sich seiner Superiorität trotz alledem sicher ist. Die zweifelsohne vorhandnen Kulturleistungen des Islams will ich nicht in Abrede stellen; aber mit der aktuellen Alltagswirklichkeit beispielsweise im Maghreb hat das Bild vom aufgeklärten Muslim herzlich wenig zu tun. Wo sonst in der Welt wird man so voller Verachtung gemustert, als Vertreter einer gottlosen Gesellschaft von Schlappschwänzen und Huren (wie man sie aus »schamlosen« Filmen und Videoclips zu kennen glaubt), wie in Marokko?
Kaum eine Kultur der Welt gibt sich dermaßen phallisch, und natürlich will man als Europäer nicht mithalten, wenn enthemmt balzende Jungmänner ihren Testosteronhaushalt auszugleichen versuchen. Natürlich? Natürlich! Wer sich angesichts des maghrebinischen Machismo zu nichts anderem als zur Würde eines altersgerechten Auftretens bekennt, wer sich in die Überlegenheit dessen flüchtet, der »das alles ja schließlich gar nicht nötig hat«, ist im Spiel der Evolution jedenfalls verloren.
Das Bestürzende an solchen Reiseerlebnissen ist jedoch weniger die Scham angesichts einer ungebremst sich inszenierenden Virilität, sondern die kulturelle, besser: weltanschauliche Schwäche, die wir nebenbei bitter zu fühlen bekommen. Denn selbst der aufgeklärte Muslim handelt ja aus einer kohärenten Weltanschauung heraus, hat die Wahrheit schon immer, die wir als Individualisten von Fall zu Fall erst suchen müssen: eine Hase-und-Igel-Konstellation, bei der wir von vornherein als tendenziell Irrende dastehen; und erfuhr man in derlei Gesprächen früher mitleidige Belehrung, so ist der Ton seit bin Ladens hoch emotionalisierter Kampfansage deutlich rauer, ja unversöhnlich geworden. Toleranz? Aber man ist doch im Besitz der allein selig machenden Wahrheit! Aufklärerische Skepsis? Ist die Weltsicht von Weicheiern; man selber hat dagegen das ungebrochne Pathos eines Glaubens, der 600 Jahre jünger ist als der christliche und daher, was seine Entfaltung im Lauf der Zeit betrifft, noch auf dem Entwicklungsstand der Inquisition steht. Insofern wär’s sogar als Zeichen eines islamischen Humanismus zu deuten, wenn man als touristischer Freigeist nicht mit Stockhieben, sondern nur mit Verachtung gestraft wird.
Der Untergang des weißen Mannes, wie er sich auch im »Kampf der Kulturen« deutlich abzeichnet, hängt auf kategorielle Weise mit dem religiösen Vakuum zusammen, das wir zwar seit Feuerbach und Heine mit wechselnden Ersatzreligionen anzufüllen verstanden, zum Beispiel mit »Kultur«, »Nation«, »Wiederaufbau«, deren letzte jedoch, die »Freiheit des Westens«, nach dem Zusammenbruch des Ostblocks eine Leerstelle zurückgelassen hat, die mit Spaßkultur nur vorübergehend zu besetzen war. Noch nie war unser Wertehorizont so leergewischt wie heute, noch nie waren wir als Vertreter einer spätdekadenten Zivilisationsstufe, von der man bereits in den USA kaum eine Ahnung, erst recht keinen Begriff hat – noch nie waren wir so hilflos angesichts außereuropäischer Herausforderungen wie heute. Brauchte der islamische Raum vielleicht dringend eine kräftige Injektion kritischer Vernunft (wie man als Utopist grüner Provenienz sympathischerweise glaubt), oder brauchen, im Gegenteil, wir selber eine Reduktion derselben, um durch Vereinfachung einer allzu komplexen Weltsicht wieder an ihre vitalen Wurzeln zurückzukommen?
Ein Schuss Intoleranz für die sieche Grundtoleranz des Westens
Vielleicht kann man aus den Demütigungen, die man als Alter Europäer derzeit auf den verschiedensten Ebenen erlebt, vielleicht kann man von all jenen, die uns physisch, wirtschaftlich, kulturell und vor allem religiös herausfordern, eines lernen: die Herausforderung anzunehmen und ein gesamtgesellschaftlich getragenes Selbstverständnis zu entwickeln, das aus Verbrauchern wieder Menschen macht, Menschen, die ihr Glück jenseits von Renditeerwartung und Steuervorteil suchen. Und dies notfalls in einer Sprache zum Ausdruck zu bringen, die auch von Fundamentalisten verstanden wird; möglicherweise müssen wir sogar auf eine – ich kann’s nicht anders als im Paradoxon ausdrücken – antifundamentalistische Weise fundamentalistisch, nein: fundamental werden. Worauf aber könnte ein mitteleuropäischer Fundamentalismus hinauslaufen, wenn nicht auf ein robusteres Mandat für Freiheit, Toleranz und Höflichkeit im Umgang mit all den Unhöflichen dieser Welt? Es klingt absurd, nachgerade pervers, dieser altersschwach gewordnen Grundtoleranz des Westens jetzt einen Schuss Intoleranz beizugeben, auf dass sie überleben möge im weltweiten Wettstreit juveniler Weltbilder, und man sollte es auf keinen Fall nach Art amerikanischer Imperatoren tun. Doch es gibt ja nicht nur eine Toleranz der Schwäche, die rückgratlos alles abnickt, was der Fall ist, sondern auch die der Stärke, die aus einer bewusst eingenommenen Position heraus erwächst und dem Fremden gegenüber so lange couragiert Distanz hält, bis es zur wechselweisen Anerkennung kommt.
Welchen Wert eine restlos aufgeklärte, sprich: gottlose Gesellschaft der (partiell) unaufgeklärten entgegenzusetzen hat – das ist das Grundproblem, an dem viele Hochkulturen zugrunde gegangen sind. Nun geht als Nächstes also auch die Mission des weißen Mannes zu Ende, wie sie seit der beginnenden Neuzeit betrieben wurde, nicht zuletzt aufgrund ihrer zunehmenden Konzentration aufs Diesseitige: Nahezu niemand außerhalb der westlichen Welt will aufs Dach einer schützenden, sinnstiftenden Transzendenz verzichten, wenn er dafür nur die fragwürdigen Früchte des Nihilismus erhält; die jahrhundertelang betriebne Aufklärung der Unaufgeklärten erfährt nun selber, da sie zur reinen Lehre vom Konsum zu verkommen scheint, so etwas wie eine Gegenmissionierung.
Selbst am Ursprungsort dieser Aufklärung müssen wir, die wir unser Leben so behaglich in allumfassend kritischer Distanz zu jedweder Position eingerichtet haben, müssen allenthalben Zeichen einer Sehnsucht nach festen Standorten wahrnehmen, die auf eine sanfte Gegenaufklärung hinauslaufen: auf eine neue, zunächst eklektische Religiosität aus esoterischen Versatzstücken, die sich jeder nach Gusto zusammensetzt, als behelfsweisen Reflex auf eine Glaubensintensität, mit der wir seit ein paar Jahren so massiv von außen konfrontiert werden. Ja mehr noch, sind wir letzten Aufklärer mittlerweile nicht vielleicht selber unsre frei schwebende Ungebundenheit satt, sehnen uns nach einer neuen Verwurzelung und sind bereit, den Hiatus zwischen alles zersetzender Vernunft und irrationaler Vision zu wagen?
Die Aufklärung raubt die Gewissheit jenseits des Wissens
Oft habe ich mich während meiner karibischen Monate gefragt, warum ich, erschöpft von der Vitalität der anderen, ausgerechnet in afrokubanischen Kulten wieder zu Kräften kam, ausgerechnet eine Geborgenheit während der Ausübung geheimbündlerisch anmutender Rituale der Santería und des Palo Monte verspüren konnte, die sogar noch im Alltag eine Weile nachwirkte: Gerade deshalb, so musste ich mir gegen meinen Willen immer wieder antworten, weil die Aufklärung nicht nur jede Menge gibt, sondern letztlich das Allerwichtigste nimmt, was uns das Leben leichter und das Glück erfahrbarer macht: Gewissheit jenseits des Wissens, Unerschütterlichkeit trotz aller Erschütterungen – und weil eben das von jedem praktizierenden Santero oder Palero glaubhaft vermittelt wurde. Erst während ihrer stundenlangen Rituale habe ich wieder das kathartische Erschauern vor dem Jenseitigen verspürt, das sich in den christlichen Kirchen zum Programm der Nächstenliebe verflüchtigt hat: Wer will schon Brot und Wein, wenn er Blut und (Opfer-)Fleisch bekommen kann? Wer will schon einen gütigen Gott irgendwo im Abstrakten, der sich seiner eignen Schöpfung entzogen hat, dazu einen Oberhirten, der trotz Papst-Hype immer unsicher wirkt, wenn er Priester haben kann, von denen er klare Anweisungen und Lebensgewissheit erhält, wenn er Tote haben kann, die mit ihm reden, wenn er Götter haben kann, die mit Wucht in ihre Jünger fahren, um mit ihnen zu tanzen, zu rauchen und zu trinken? Wer einmal miterlebt hat, mit welcher Ungebrochenheit in der Karibik noch geglaubt wird, mit welch afrikanischer Intensität, die immer auch Angst und Schrecken einschließt, Grauen und Entsetzen, bis hin zur Barbarei, der weiß, dass sich unsre gottlose Gesellschaft nicht auf Dauer mit individualistischer Privatesoterik dagegen rüsten kann.
Denn was nützt uns all die »Freiheit wovon«, wenn wir sie nicht mehr als »Freiheit wozu« nutzen können? Selbst das Projekt der Aufklärung, wie’s als philosophische Spitzenleistung des Alten Europa einen Siegeszug um die Welt gemacht hat, markiert ganz offensichtlich noch längst nicht das Ende der weltanschaulichen Evolution, außer für die »happy few« einer freidenkerischen Elite, die jede Gesellschaft braucht. Aufklärung oder Gegenaufklärung, das ist die anstehende »Schicksalswahl«, die am 18. September ganz gewiss nicht entschieden wird; wer auch immer auf parteipolitischer Ebene über das Los des »mündigen Bürgers« bestimmen wird, ist angesichts der fundamentalen Problemstellung vollkommen irrelevant: Wirtschaftswachstum – Innere Sicherheit – Vollbeschäftigung? Nein, Glaube – Liebe – Hoffnung, darunter scheint’s auf Dauer auch bei uns nicht zu gehen; und eben das gilt es jetzt ohne Häme zu begreifen, selbst von überzeugten Atheisten, die das Zerschreddern unsrer vertrauten Welt im Mahlwerk des Globalismus unverdrossen mit rein politischen Mitteln verhindern oder gar betreiben wollen. Andernfalls sind wir schon morgen nichts als Nachwelt.
Der Schriftsteller Matthias Politycki, geboren 1955, lebt in Hamburg und München. Bekannt wurde er mit seinen Büchern »Weiberroman« und »Ein Mann von vierzig Jahren«. Sein neuer Roman »Herr der Hörner« erscheint in den nächsten Tagen im Verlag Hoffmann und Campe
- Datum 01.09.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 01.09.2005 Nr.36
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Vor der offenbar in die Belanglosigkeit abgesunkenen eigenen Existenz flüchtet sich der Autor in Virilitäts- und Gewaltphantasien. Schön wenn das eigene Scheitern nicht selbst verantwortet werden muss, sondern bishin zur Aufklärung von sich gewiesen werden kann. Wahrscheinlich hat der Autor in glücklicheren Lebenstagen gerne (und einmal zu viel) von der strukturellen Gewalt geredet, die er jetzt im strukturellen Weicheiertum ausmacht. Doch sie ist nicht neu, und auch nicht besonders originell, die Suche des gelangweilten Feuilletonisten nach dem bewunderten und gefürchteten Wilden, und auch die darwinisierende Faszinazion für Macht- und Gewaltspielchen. Die ganze Welt muss dem auch noch als Projektionsfläche herhalten. Ich kenne ihre Bücher nicht, sind es alles Abenteurromane? Was für eine Verschwendung von Papier (oder Serverplatz). Nein Herr Politycki, nicht alle Leben in Europa in der blutleeren Enttäuschung ihrer Lebenstrümmer. Glaube, Liebe, Hoffnung, gibt es durchaus, im alten Europa, jenseits des Feuilletons, jenseits so vieler Abziehbilder, wie sie zusammengeschrieben oder verfilmt werden können und ebenso weit entfernt vom Muff der obsoleten Rituale vergangener Zeiten. Nutzen sie doch einmal das Wochenendticket der deutschen Bahn, oder auch eins der Ländertickets, oder auch nur ihr Fahrrad, um tatsächlich einmal nicht als Dollartourist unterwegs zu sein. Halten sie dort, wo sie zwischen Weltreisen, ihrem Stammlokal und verpatzten Rendezvous sonst nie die Zeit zu einem Zwischenstopp finden. Gewaltorgien werden sie natürlich kaum finden (die gibt es aber genügend im Kino) - vielleicht ein Kindergartenfest?. Und bitte, bitte, bitte lassen sie in Zukunft die Menschen in Ruhe, die von Asien bis zum Maghreb jedenfalls nicht auf die vollzuschreibenden Reisetagebücher sinnsuchender Stadtneurotiker warten.
Tourist oder Reisender. Wie dem auch sei. Über Begrifflichkeiten kann man streiten.
Zum Wesentlichen:
Auch wenns unangenehm ist, die eigene gefilterte Weltsichtbrille einmal abzusetzen (wie es in diesem Artikel geschieht), so bleibt: Reisen bildet, und schenkt einem nicht zuletzt einen besseren Blick auf sich selbst.
Zum Wesentlichsten:
Was ist denn die Alternative zu Glaube-Liebe-Hoffnung?
Gottfried Benn
ALASKA
Europa, dieser Nasenpopel
aus einer Konfirmandennase.
wir wollen nach Alaska gehen.
Der Meermensch, der Urwaldmensch,
der alles aus seinem Bauch gebiert,
der Robben frisst, der Bären totschlägt,
der den Weibern manchmal was reinstößt:
der Mann.
Aus: Gedichte, 1912 - 1920
wenige Jahre nach Benns Diagnose hat Deutschland als Teil von Europa bewiesen, dass die Kraft noch ausreichte um 20 Millionen Menschen zu vernichten....
Ich bin weder schwarz, noch bin ich ein Mann, aber eine derartige Weinerlichkeit ist mir schon lange nicht mehr untergekommen. 'Schlappschwanz!', genau das habe ich gedacht, als ich das Gejammer des Herrn Politycki gelesen habe.
Leergewischter Wertehorizont? So ein Schmarren! Der Weltenbummler Politycki steckt offenbar in einer ganz persönlichen Sinnkrise. Jemand, der nicht permanent flieht, sondern sich stellt, hier und jetzt, hat ganz andere Sorgen. Ich zumindest kann seine Sehnsucht nach buschtrommelnder Mystik und ellenbogenwetzender Brachialerotik nicht nachvollziehen. Für mich ist die europäische Aufklärung kein Hohelied auf faule Trägheit, schlappe Toleranz oder sinnbetäubenden Konsum. Für mich gilt noch immer: "Habe den Mut, dich deines Verstandes zu bedienen!" Und ich füge hinzu: "Nicht Deiner Fäuste."
Was ist diese Auffassung wert, wenn man sie nicht zu verteidigen wünscht, meinetwegen auch gegen "aufstrebende Drittweltler", vor allem aber gegen Weltuntergangsphantasten aus den eigene Reihen? Nichts ist sie wert, da gebe ich Herrn Politycki ausnahmsweise Recht. Deswegen hier meine Gegendarstellung:
Herr Politycki, sage ich, macht nur den gleichen alten Fehler, den bisher noch jeder Übersatte eines Tages gemacht hat: Er wirft, was ihm (unverdient) vererbt wurde, über Bord. Er trennt sich gedankenlos von dem, worum ihn die Konkurrenz ganz offensichtlich brennend beneidet - sonst wäre sie schließlich nicht die Konkurrenz, nicht wahr? Er verkennt, um es einmal modern zu formulieren, sein "Alleinstellungsmerkmal" und versucht es durch etwas zu ersetzen, was er noch nie oder zumindest lange nicht mehr hatte. Etwas, worin er fälschlicherweise die Triebkraft der Konkurrenz vermutet: den Neid und die Brutalität. Er verhält sich wie der Hans im Glück des Märchens. Am Ende besitzen solche Menschen in den meisten Fällen tatsächlich nicht mehr, als einen Mühlstein. Den können sie sich dann um den Hals binden, bevor sie in den Fluss springen.
Mir scheint, das wäre der selbe neoliberale Schwachsinn, der bereits unsere Wirtschaft befallen hat: sich mit denen messen, die ganz unten stehen, weil man alle anderen schon mindestens einmal im bilateralen Duell überholt hat. Nun will man gegen die antreten, die es nicht anders geschafft haben und deswegen mit nackter Gewalt und Hokuspokus nach oben wollen. Es lebe der Nervenkitzel! Daran sind bisher noch alle alten Kulturen gestorben: Sie waren ihrer selbst überdrüssig.
Wahrscheinlich hat der Verfasser des Artikels Recht: Er ist tatsächlich feige. Feige und gelangweilt. Ein Dandy. Ich bin kein Dandy. Ich stamme aus einer anderen Welt. Und aus einer anderen Zeit stamme ich auch. Ich bin noch nicht zum Brechen satt. Ich bin nicht einmal bereit, Dinge, die ich mir gerade erst erobert habe, so einfach wieder fallen zu lassen. Ich sollte schon von Russland und von den USA das Siegen lernen, von rücksichtslosen indischen Slumbewohnern allerdings hat mir noch niemand gesprochen. Nein, ich persönlich werde mich an keinem der Genannten orientieren. Ich nämlich bin noch nicht fertig mir der Aufklärung. Für mich hat sie gerade erst begonnen.
Ich pfeife auf das karthatische Erschauern vor dem Jenseits. Genau so sehr, wie ich auf meine angebliche Mission pfeife. Wenn ich trinke, trinke ich Wein. Von Blut wird mir übel. Ich kann nicht einsehen, warum mein Verstand eine schlechtere Waffe sein soll, als die Fäuste und die Bomben irgendwelcher Hinterwäldler. Das wiederspricht nämlich schlicht meiner Erfahrung. Von wegen: "...ein Schuss Intoleranz..."! Den Gefallen kann ich dem Herren gerne tun - auf antifundamentalistische Weise fundamental werden: Weichei!
Ich habe den Artikel nur einmal gelesen....vielleicht ein Fehler. Ich vergesse so schnell und zurück bleibt meistens doch nur ein Gefühl.
Zunächst ist da der Eindruck über die barbarische, mystische Gegenwart anderer Kulturen. Die bedeutet für mich jedoch nicht, das unsere eigene Kultur keine Zukunft hat. Unsere Kultur scheint dagegen manchmal kraftlos, vielleicht liegt das daran, dass wir die Jugend zelebrieren, oberflächlich, und doch von den Jugendlichen schon Weisheit einfordern.
Ich wünsche, dass all die Lebendigkeit der Völker, die ich wenig kenne, der wirtschaftliche Aktionismus und das Aufstreben anderer Kulturen zu einem Wettbewerb, oder eine Ausstellung wird, auch einer Herausforderung für uns, uns zu stellen. Herausforderung heißt für mich, nicht nur sich seiner eigenen Kultur und Geschichte bewusst zu werden, sondern auch sich ganz persönlich mit dem eigenen Glauben -und sei es der vom Autor beschriebenen eklektischen Auswahl aus Glaubensinhalten, die man selber wählt - und der Aufklärung als destruktive oder zersetzende Wahrheit auseinandergesetzt zu haben und beide zu verbinden. Natürlich sind Geisterbeschwörungen, Vodookult oder welche anderen Riten Matthias Politycki anspricht, lebendig, sie sind faszinierend animalisch- und doch zugleich fast lächerlich. So komisch das klingt, ich glaube Wasser ist stärker als Stein, und alle diese fundamentalistischen Überzeugungen sind für mich Steine, sie waren nie dem Verstand ausgesetzt und wenn sie es wären, wären sie wahrscheinlich zerbröckelt.
Trotzdem glaube ich ist es für die Kultur des weißen Mannes und ich möchte diesen Begriff genauso verstanden wissen wie Matthias Politycki, wichtig, Lebenswelten zu schaffen, in denen Eingrenzung und Blühen lassen, was sich entwickelt, als oberste Maxime gilt. Was ich meine ist, Glück als Glück der Unvernunft genauso zuzulassen und nicht belehrend im Weg zu stehen wie dem Willen, alles durchschauen zu wollen. Für mich wäre eine Flora von unterschiedlichen Kulturen die Schönste, auch unterschiedlichen Staatswesen. Für unsere demokratische Kultur habe ich nur die Forderung, Auffanglager zu werden für die, die anders denken....auch wenn ich hoffe, egal in welchem Staat, jeder entwickele so eine humanitäre Haltung.
Ein bisschen erinnert der Aufsatz des Autors natürlich an Spengler, Der Untergang des Abendlandes. Es schwingt außerdem Wehmut mit, nach der verlorenen Kraft, Selbstironie über die eigene Zivilisation. Ich denke, wir brauchen uns vor niemanden zu verstecken, bestaunen wir die blühenden Zivilisationen, und schneiden wir zurück, so überheblich das in manchen Augen klingen mag, wo es barbarisch wird, sofern wir die Kraft dazu haben.
Ein sensibler Autor setzt sich bewusst der Erfahrung des Fremden aus, indem er sich allein in außereuropäische Länder begibt. Mit dem "Kampf der Kulturen" im Kopf betreibt er Weltwahrnehmung, und so wird ihm jede Gewalttätigkeit, der er dort er dort begegnet, zum lebenden Beweis für einen Überschuss von Vitalität in der außereuropäischen Welt und für die Altersschwäche der abendländischen Kultur. Dabei überfällt ihn Angst (das ist verständlich) und Scham (das ist weniger verständlich), wenn er Prügeleien in Warteschlangen, Nationalstolz oder Machismo beobachtet. Er möchte authentisch die Welt wahrnehmen, aber sein naiver Blick reproduziert nur die eigenen fixen Ideen. Der Wirtschaftsboom in China scheint ihm hormongesteuert und schon der herausfordernde Blick marokkanischer Jungmänner reicht aus um sich als degenerierter Europäer auf der Verliererseite im Kampf ums Dasein zu sehen. In seiner Panik wirft er alle Errungenschaften der Aufklärung über Bord und sieht in der Toleranz die Wurzel allen Übels. Fast möchte man ihm wünschen, dass er mal in eine Horde von Hooligans in einem abendländischen Fußballstadion gerät oder an schlägernde Neonazis, dass er zur Raison kommt. Einfacher wäre ein Blick ins Geschichtsbuch. Dann würde er erkennen, dass er nur Kamellen des Fin de siècle wiederkäut: Im Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg grassierte in Deutschland die Angst vor dekadenter Neurasthenie ebenso wie das Gefühl gesteigerter Vitalität. Das verbreitete Hirngespinst, aus einem jugendfrischen Volk könne ein verwelkendes und alterndes werden, wurde mühelos für die Kriegspropaganda instrumentalisiert; der Krieg wurde als verjüngendes Stahlbad gepriesen. Auch die Herrenmenschenideologie der Nazis wurzelte in Ängsten von innerer Fäulnis. Der Denkfehler liegt in der einfachen Übertragung von biologischen Entwicklungsgesetzen auf gesellschaftliche Prozesse. Der Schlaf der Vernunft gebiert Gespenster: Ungewollt trägt der so gar nicht militante Autor sein Scherflein zur Erzeugung von Ausländerfeindlichkeit bei.
Offenbar beschreibt der Autor eher seine blutleeres Selbstbildniss als Randfigur eines Nietzsche-Textes.
Besonders traurig der eitle Versuch sich als "Reisender" von den "Touristen" zu distanzieren, um dann im naechsten Satz die verzweifelte Armut der Dritten Welt fuer ihre Vitalitaet zu loben.
Vielleicht ist der vermisste Gestaltungswille in Europa ja doch bei den "Neoliberalen Krawattentraegern" zu suchen?
aus dem Projekt unter www.hallo-leute.de bzw. Erläuterungen dazu unter http://www.hallo-leute.de...
Der sinnvolle nächste Entwicklungsschritt der demokratischen Zivilgesellschaft ist die Integration von Freiheitlichkeit und Gemeinschaftlichkeit. Dies erhält uns die Werte der Aufklärung, gewinnt uns aber wieder Zusammenhalt, Identität, Lebenssinn.
Politycki: "Noch nie war unser Wertehorizont so leergewischt wie heute [...] noch nie waren wir so hilflos angesichts außereuropäischer Herausforderungen wie heute."
".. hin zu einer neuen Unfreiheit des Einzelnen zugunsten des florierenden Gesamtsystems."
www.hallo-leute.de/implikationen.htm, II.5.:
"Bedeutung von Hallo-Leute-Netzwerken im globalen Rahmen
Das Spannungsverhältnis zwischen Individualismus und Gemeinschaftlichkeit ist ein allgemeines Phänomen. Beim Übergang von traditionellen zu modernen Lebens- und Wirtschaftsformen werden i.A. die gemeinschaftlichen Aspekte beeinträchtigt: traditionelle Lebensformen sind durch gemeinschaftliches Leben und Handeln gekennzeichnet, moderne durch starke Arbeitsteilung, komplexe, schwer durchschaubare Organisation, berufliche Mobilität, mit der Folge von Vereinzelung, Zerfall der Familie, Werteverlust, Gefühl von Entwurzelung und Orientierungslosigkeit.
Hallo-Leute beantwortet die Frage nach der Gestaltung des Sozialen in einer technisch geprägten Welt mit Strukturen, die in neuer Weise, durch flexible Organisation, Gemeinschaftlichkeit in Verbindung mit Individualismus ermöglichen.
Eine gelungene Gestaltung dieses Bereiches ist für alle Kulturen wertvoll, nicht nur für die westlichen, die als erste die Industrialisierung absolvierten. Ein solcher tiefgreifender Problemlösungs- und Zukunftsbeitrag gewinnt der westlichen Kultur Ansehen zurück und sichert so westlichen Werten von Freiheit und Menschenrechten einen Platz in einer entstehenden globalen Kultur."
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