gesellschaft Weißer Mann – was nun?Seite 6/6
- Datum 01.09.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 01.09.2005 Nr.36
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Vor der offenbar in die Belanglosigkeit abgesunkenen eigenen Existenz flüchtet sich der Autor in Virilitäts- und Gewaltphantasien. Schön wenn das eigene Scheitern nicht selbst verantwortet werden muss, sondern bishin zur Aufklärung von sich gewiesen werden kann. Wahrscheinlich hat der Autor in glücklicheren Lebenstagen gerne (und einmal zu viel) von der strukturellen Gewalt geredet, die er jetzt im strukturellen Weicheiertum ausmacht. Doch sie ist nicht neu, und auch nicht besonders originell, die Suche des gelangweilten Feuilletonisten nach dem bewunderten und gefürchteten Wilden, und auch die darwinisierende Faszinazion für Macht- und Gewaltspielchen. Die ganze Welt muss dem auch noch als Projektionsfläche herhalten. Ich kenne ihre Bücher nicht, sind es alles Abenteurromane? Was für eine Verschwendung von Papier (oder Serverplatz). Nein Herr Politycki, nicht alle Leben in Europa in der blutleeren Enttäuschung ihrer Lebenstrümmer. Glaube, Liebe, Hoffnung, gibt es durchaus, im alten Europa, jenseits des Feuilletons, jenseits so vieler Abziehbilder, wie sie zusammengeschrieben oder verfilmt werden können und ebenso weit entfernt vom Muff der obsoleten Rituale vergangener Zeiten. Nutzen sie doch einmal das Wochenendticket der deutschen Bahn, oder auch eins der Ländertickets, oder auch nur ihr Fahrrad, um tatsächlich einmal nicht als Dollartourist unterwegs zu sein. Halten sie dort, wo sie zwischen Weltreisen, ihrem Stammlokal und verpatzten Rendezvous sonst nie die Zeit zu einem Zwischenstopp finden. Gewaltorgien werden sie natürlich kaum finden (die gibt es aber genügend im Kino) - vielleicht ein Kindergartenfest?. Und bitte, bitte, bitte lassen sie in Zukunft die Menschen in Ruhe, die von Asien bis zum Maghreb jedenfalls nicht auf die vollzuschreibenden Reisetagebücher sinnsuchender Stadtneurotiker warten.
Tourist oder Reisender. Wie dem auch sei. Über Begrifflichkeiten kann man streiten.
Zum Wesentlichen:
Auch wenns unangenehm ist, die eigene gefilterte Weltsichtbrille einmal abzusetzen (wie es in diesem Artikel geschieht), so bleibt: Reisen bildet, und schenkt einem nicht zuletzt einen besseren Blick auf sich selbst.
Zum Wesentlichsten:
Was ist denn die Alternative zu Glaube-Liebe-Hoffnung?
Gottfried Benn
ALASKA
Europa, dieser Nasenpopel
aus einer Konfirmandennase.
wir wollen nach Alaska gehen.
Der Meermensch, der Urwaldmensch,
der alles aus seinem Bauch gebiert,
der Robben frisst, der Bären totschlägt,
der den Weibern manchmal was reinstößt:
der Mann.
Aus: Gedichte, 1912 - 1920
wenige Jahre nach Benns Diagnose hat Deutschland als Teil von Europa bewiesen, dass die Kraft noch ausreichte um 20 Millionen Menschen zu vernichten....
Ich bin weder schwarz, noch bin ich ein Mann, aber eine derartige Weinerlichkeit ist mir schon lange nicht mehr untergekommen. 'Schlappschwanz!', genau das habe ich gedacht, als ich das Gejammer des Herrn Politycki gelesen habe.
Leergewischter Wertehorizont? So ein Schmarren! Der Weltenbummler Politycki steckt offenbar in einer ganz persönlichen Sinnkrise. Jemand, der nicht permanent flieht, sondern sich stellt, hier und jetzt, hat ganz andere Sorgen. Ich zumindest kann seine Sehnsucht nach buschtrommelnder Mystik und ellenbogenwetzender Brachialerotik nicht nachvollziehen. Für mich ist die europäische Aufklärung kein Hohelied auf faule Trägheit, schlappe Toleranz oder sinnbetäubenden Konsum. Für mich gilt noch immer: "Habe den Mut, dich deines Verstandes zu bedienen!" Und ich füge hinzu: "Nicht Deiner Fäuste."
Was ist diese Auffassung wert, wenn man sie nicht zu verteidigen wünscht, meinetwegen auch gegen "aufstrebende Drittweltler", vor allem aber gegen Weltuntergangsphantasten aus den eigene Reihen? Nichts ist sie wert, da gebe ich Herrn Politycki ausnahmsweise Recht. Deswegen hier meine Gegendarstellung:
Herr Politycki, sage ich, macht nur den gleichen alten Fehler, den bisher noch jeder Übersatte eines Tages gemacht hat: Er wirft, was ihm (unverdient) vererbt wurde, über Bord. Er trennt sich gedankenlos von dem, worum ihn die Konkurrenz ganz offensichtlich brennend beneidet - sonst wäre sie schließlich nicht die Konkurrenz, nicht wahr? Er verkennt, um es einmal modern zu formulieren, sein "Alleinstellungsmerkmal" und versucht es durch etwas zu ersetzen, was er noch nie oder zumindest lange nicht mehr hatte. Etwas, worin er fälschlicherweise die Triebkraft der Konkurrenz vermutet: den Neid und die Brutalität. Er verhält sich wie der Hans im Glück des Märchens. Am Ende besitzen solche Menschen in den meisten Fällen tatsächlich nicht mehr, als einen Mühlstein. Den können sie sich dann um den Hals binden, bevor sie in den Fluss springen.
Mir scheint, das wäre der selbe neoliberale Schwachsinn, der bereits unsere Wirtschaft befallen hat: sich mit denen messen, die ganz unten stehen, weil man alle anderen schon mindestens einmal im bilateralen Duell überholt hat. Nun will man gegen die antreten, die es nicht anders geschafft haben und deswegen mit nackter Gewalt und Hokuspokus nach oben wollen. Es lebe der Nervenkitzel! Daran sind bisher noch alle alten Kulturen gestorben: Sie waren ihrer selbst überdrüssig.
Wahrscheinlich hat der Verfasser des Artikels Recht: Er ist tatsächlich feige. Feige und gelangweilt. Ein Dandy. Ich bin kein Dandy. Ich stamme aus einer anderen Welt. Und aus einer anderen Zeit stamme ich auch. Ich bin noch nicht zum Brechen satt. Ich bin nicht einmal bereit, Dinge, die ich mir gerade erst erobert habe, so einfach wieder fallen zu lassen. Ich sollte schon von Russland und von den USA das Siegen lernen, von rücksichtslosen indischen Slumbewohnern allerdings hat mir noch niemand gesprochen. Nein, ich persönlich werde mich an keinem der Genannten orientieren. Ich nämlich bin noch nicht fertig mir der Aufklärung. Für mich hat sie gerade erst begonnen.
Ich pfeife auf das karthatische Erschauern vor dem Jenseits. Genau so sehr, wie ich auf meine angebliche Mission pfeife. Wenn ich trinke, trinke ich Wein. Von Blut wird mir übel. Ich kann nicht einsehen, warum mein Verstand eine schlechtere Waffe sein soll, als die Fäuste und die Bomben irgendwelcher Hinterwäldler. Das wiederspricht nämlich schlicht meiner Erfahrung. Von wegen: "...ein Schuss Intoleranz..."! Den Gefallen kann ich dem Herren gerne tun - auf antifundamentalistische Weise fundamental werden: Weichei!
Ich habe den Artikel nur einmal gelesen....vielleicht ein Fehler. Ich vergesse so schnell und zurück bleibt meistens doch nur ein Gefühl.
Zunächst ist da der Eindruck über die barbarische, mystische Gegenwart anderer Kulturen. Die bedeutet für mich jedoch nicht, das unsere eigene Kultur keine Zukunft hat. Unsere Kultur scheint dagegen manchmal kraftlos, vielleicht liegt das daran, dass wir die Jugend zelebrieren, oberflächlich, und doch von den Jugendlichen schon Weisheit einfordern.
Ich wünsche, dass all die Lebendigkeit der Völker, die ich wenig kenne, der wirtschaftliche Aktionismus und das Aufstreben anderer Kulturen zu einem Wettbewerb, oder eine Ausstellung wird, auch einer Herausforderung für uns, uns zu stellen. Herausforderung heißt für mich, nicht nur sich seiner eigenen Kultur und Geschichte bewusst zu werden, sondern auch sich ganz persönlich mit dem eigenen Glauben -und sei es der vom Autor beschriebenen eklektischen Auswahl aus Glaubensinhalten, die man selber wählt - und der Aufklärung als destruktive oder zersetzende Wahrheit auseinandergesetzt zu haben und beide zu verbinden. Natürlich sind Geisterbeschwörungen, Vodookult oder welche anderen Riten Matthias Politycki anspricht, lebendig, sie sind faszinierend animalisch- und doch zugleich fast lächerlich. So komisch das klingt, ich glaube Wasser ist stärker als Stein, und alle diese fundamentalistischen Überzeugungen sind für mich Steine, sie waren nie dem Verstand ausgesetzt und wenn sie es wären, wären sie wahrscheinlich zerbröckelt.
Trotzdem glaube ich ist es für die Kultur des weißen Mannes und ich möchte diesen Begriff genauso verstanden wissen wie Matthias Politycki, wichtig, Lebenswelten zu schaffen, in denen Eingrenzung und Blühen lassen, was sich entwickelt, als oberste Maxime gilt. Was ich meine ist, Glück als Glück der Unvernunft genauso zuzulassen und nicht belehrend im Weg zu stehen wie dem Willen, alles durchschauen zu wollen. Für mich wäre eine Flora von unterschiedlichen Kulturen die Schönste, auch unterschiedlichen Staatswesen. Für unsere demokratische Kultur habe ich nur die Forderung, Auffanglager zu werden für die, die anders denken....auch wenn ich hoffe, egal in welchem Staat, jeder entwickele so eine humanitäre Haltung.
Ein bisschen erinnert der Aufsatz des Autors natürlich an Spengler, Der Untergang des Abendlandes. Es schwingt außerdem Wehmut mit, nach der verlorenen Kraft, Selbstironie über die eigene Zivilisation. Ich denke, wir brauchen uns vor niemanden zu verstecken, bestaunen wir die blühenden Zivilisationen, und schneiden wir zurück, so überheblich das in manchen Augen klingen mag, wo es barbarisch wird, sofern wir die Kraft dazu haben.
Ein sensibler Autor setzt sich bewusst der Erfahrung des Fremden aus, indem er sich allein in außereuropäische Länder begibt. Mit dem "Kampf der Kulturen" im Kopf betreibt er Weltwahrnehmung, und so wird ihm jede Gewalttätigkeit, der er dort er dort begegnet, zum lebenden Beweis für einen Überschuss von Vitalität in der außereuropäischen Welt und für die Altersschwäche der abendländischen Kultur. Dabei überfällt ihn Angst (das ist verständlich) und Scham (das ist weniger verständlich), wenn er Prügeleien in Warteschlangen, Nationalstolz oder Machismo beobachtet. Er möchte authentisch die Welt wahrnehmen, aber sein naiver Blick reproduziert nur die eigenen fixen Ideen. Der Wirtschaftsboom in China scheint ihm hormongesteuert und schon der herausfordernde Blick marokkanischer Jungmänner reicht aus um sich als degenerierter Europäer auf der Verliererseite im Kampf ums Dasein zu sehen. In seiner Panik wirft er alle Errungenschaften der Aufklärung über Bord und sieht in der Toleranz die Wurzel allen Übels. Fast möchte man ihm wünschen, dass er mal in eine Horde von Hooligans in einem abendländischen Fußballstadion gerät oder an schlägernde Neonazis, dass er zur Raison kommt. Einfacher wäre ein Blick ins Geschichtsbuch. Dann würde er erkennen, dass er nur Kamellen des Fin de siècle wiederkäut: Im Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg grassierte in Deutschland die Angst vor dekadenter Neurasthenie ebenso wie das Gefühl gesteigerter Vitalität. Das verbreitete Hirngespinst, aus einem jugendfrischen Volk könne ein verwelkendes und alterndes werden, wurde mühelos für die Kriegspropaganda instrumentalisiert; der Krieg wurde als verjüngendes Stahlbad gepriesen. Auch die Herrenmenschenideologie der Nazis wurzelte in Ängsten von innerer Fäulnis. Der Denkfehler liegt in der einfachen Übertragung von biologischen Entwicklungsgesetzen auf gesellschaftliche Prozesse. Der Schlaf der Vernunft gebiert Gespenster: Ungewollt trägt der so gar nicht militante Autor sein Scherflein zur Erzeugung von Ausländerfeindlichkeit bei.
Offenbar beschreibt der Autor eher seine blutleeres Selbstbildniss als Randfigur eines Nietzsche-Textes.
Besonders traurig der eitle Versuch sich als "Reisender" von den "Touristen" zu distanzieren, um dann im naechsten Satz die verzweifelte Armut der Dritten Welt fuer ihre Vitalitaet zu loben.
Vielleicht ist der vermisste Gestaltungswille in Europa ja doch bei den "Neoliberalen Krawattentraegern" zu suchen?
aus dem Projekt unter www.hallo-leute.de bzw. Erläuterungen dazu unter http://www.hallo-leute.de...
Der sinnvolle nächste Entwicklungsschritt der demokratischen Zivilgesellschaft ist die Integration von Freiheitlichkeit und Gemeinschaftlichkeit. Dies erhält uns die Werte der Aufklärung, gewinnt uns aber wieder Zusammenhalt, Identität, Lebenssinn.
Politycki: "Noch nie war unser Wertehorizont so leergewischt wie heute [...] noch nie waren wir so hilflos angesichts außereuropäischer Herausforderungen wie heute."
".. hin zu einer neuen Unfreiheit des Einzelnen zugunsten des florierenden Gesamtsystems."
www.hallo-leute.de/implikationen.htm, II.5.:
"Bedeutung von Hallo-Leute-Netzwerken im globalen Rahmen
Das Spannungsverhältnis zwischen Individualismus und Gemeinschaftlichkeit ist ein allgemeines Phänomen. Beim Übergang von traditionellen zu modernen Lebens- und Wirtschaftsformen werden i.A. die gemeinschaftlichen Aspekte beeinträchtigt: traditionelle Lebensformen sind durch gemeinschaftliches Leben und Handeln gekennzeichnet, moderne durch starke Arbeitsteilung, komplexe, schwer durchschaubare Organisation, berufliche Mobilität, mit der Folge von Vereinzelung, Zerfall der Familie, Werteverlust, Gefühl von Entwurzelung und Orientierungslosigkeit.
Hallo-Leute beantwortet die Frage nach der Gestaltung des Sozialen in einer technisch geprägten Welt mit Strukturen, die in neuer Weise, durch flexible Organisation, Gemeinschaftlichkeit in Verbindung mit Individualismus ermöglichen.
Eine gelungene Gestaltung dieses Bereiches ist für alle Kulturen wertvoll, nicht nur für die westlichen, die als erste die Industrialisierung absolvierten. Ein solcher tiefgreifender Problemlösungs- und Zukunftsbeitrag gewinnt der westlichen Kultur Ansehen zurück und sichert so westlichen Werten von Freiheit und Menschenrechten einen Platz in einer entstehenden globalen Kultur."
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