Vor genau 50 Jahren wurde die documenta in Kassel gegründet. Sie gilt bis heute als die international wichtigste Plattform für den Diskurs mit der aktuellen bildenden Kunst. Und entsprechend wird sie nun im Museum Fridericianum in Kassel mit einer Ausstellung über die Ausstellung gewürdigt.

Unter dem Titel Diskrete Energien holt der in Weimar an der Hochschule für Architektur und Bauwesen lehrende Michael Glasmeier Werke von 90 documenta-Künstlerinnen und -Künstlern nach Kassel zurück. Erstaunlicherweise sind es solche, die laut Ausstellungskonzept gegenläufig zur Kunstgeschichtsschreibung sind, weil sie sich dem Museum entziehen, entweder zu poetisch oder zu anarchisch sind.

Unter den ausgewählten Künstlern sind auch solche, die inzwischen auf dem Markt präsent und teuer sind, etwa Gerhard Richter, Ed Ruscha, Lucio Fontana und Fischli & Weiss. Aber bei dem Namen Seth Siegelaub stutzte selbst die Leiterin des documenta-Archivs, Karin Stengel. Er wurde von Harald Szeemann zur documenta 5 im Jahr 1972 eingeladen und scheint der Archivarin ein typisches Beispiel dafür zu sein, dass die documenta nicht für alle teilnehmenden Künstler eine Garantie für Anerkennung und steigende Preise auf dem Kunstmarkt ist.

Auch Manfred Schneckenburger, Inszenator der documenta 6 und 8 mit rund 1000 Künstlern, ist skeptisch, was die vermeintliche Karriereschmiede documenta angeht. Allerdings: Einen Dani Karavan, der damals kein Unbekannter mehr war, hat die documenta-Teilnahme endgültig durchgesetzt. Und nach der Ausstellung im Jahr 1977 war die Frage, ob Fotografie Kunst ist oder nicht, endgültig vom Tisch. Zudem räumt er ein, dass viele documenta-Ausstellungen einfach zu spät dran waren. Das gelte sowohl für die Pop Art im Jahr 1968 als auch die Jungen Wilden, die Rudi Fuchs 1982 prominent herausstellte, als ihr Ruhm fast schon den Höhepunkt überschritten hatte.

Dass auch die kommende documenta dem Kunstmarkt wenig Neues mitteilen werde, davon ist Jan Hoet, der künstlerische Leiter der documenta IX im Jahr 1992 überzeugt. Die Globalisierung hat die Informationsmöglichkeiten inzwischen so beschleunigt, dass die Insider wahrscheinlich schon alles gesehen haben, bevor es in Kassel landet, meint er. Allerdings will er nicht ausschließen, dass Entdeckungen dort durchaus zu machen sein könnten.

Doch diese Entdecker- und Marktlogik zu unterlaufen scheint das Bestreben des kommenden documenta-Leiters Roger M. Buergel zu sein. Er hat immer wieder betont, sagt der documenta-Geschäftsführer Bernd Leifeld, dass er kein Talentscout ist. Dazu befragt, sagt Buergel: Ich finde es schon interessant, darüber nachzudenken, wie sich die Feinheiten eines ökonomischen Kalküls auf Ausstellungen allgemein auswirken. Da wird eben vieles nicht gemacht, weil es keinen Absatzwert hat. Die documenta 12 sieht er als einen Freiraum, eben das zu realisieren, was sich nicht direkt vermarkten lässt. Zu verhindern ist es dabei wahrscheinlich nicht, dass auch über dieses Konzept wieder Künstlernamen ins Spiel und ins Geschäft kommen. So geschah es auch bei der Documenta 11 im Jahr 2002. Zu sehen war dort zum Beispiel der in London geborene nigerianische Künstler Yinka Shonibare - nur zwei Jahre später wurde er für den Turner Prize nominiert, und bei der diesjährigen Art Basel boten die New Yorker Galerie Cohan und der Londoner Aussteller Friedman seine starkfarbigen Textilskulpturen zu namhaften Preisen an.

Für Aurel Scheibler, Galerist in Köln und auf dem Absprung nach Berlin, hat die documenta bisher immer Entdeckungspotenzial gehabt, vor allem auf dem Sektor Video und Film. Und nicht zuletzt, sagt der Kunsthändler, hat die documenta 10 von Catherine David den immer nur als Geheimtipp gehandelten Öyvind Fahlström wiederentdeckt und seine Bedeutung zurechtgerückt. Das gilt ebenso für den 1980 in Rio de Janeiro verstorbenen Hélio Oiticica, dessen Zeichnungen ebenfalls auf der Art Basel in diesem Jahr bei der Zürcher Galerie Lelong sofort verkauft waren und für mehr als 25 000 Euro gehandelt werden.