Nordstrand

Der König von Nordstrand empfängt die Prinzessin von Thailand.

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen hat kaum noch Zeit zum Regieren, ein prominenter Termin jagt den anderen: erst ein Auftritt beim Heavy-Metal-Festival im Sumpf von Wacken, dann zu Rötger Brösel Feldmann, dem Erfinder des Comic-Helden Werner, weiter zu Schwedens Königin Silvia ins Segelboot - und nun kommt Maha Chakri Sirindhorn zu Besuch, Tochter des thailändischen Königspaars. Die 50-jährige Junggesellin ist der erste und zugleich prominenteste Gast auf der Feier zm zwanzigsten Gründungstag des Nationalparks Wattenmeer.

Now I show you a little bit of my island, sagt der Inselkönig, und los geht es. Natürlich zuerst zum Geburtshaus des Herrschers, erkennbar an der aus Strohballen erbauten, aber dennoch dem Original nicht ähnlich gewordenen Puppe mit dem Hinweisschild, dass hier Peter Harry Carstensen wohnt. Leider fehlt die Zeit für eine Besichtigung der bei eBay teilweise zu zweistelligen Euro-Beträgen ersteigerte Bauernmalerei.

Dafür erfährt die Königliche Hoheit, dass ihr Gastgeber in frühen Jahren noch Socken aus Schafwolle trug, eine Mitteilung, die möglicherweise in eine Chronik des thailändischen Königshauses eingeht, denn die Hofdame Khunying Araya Pibulnakarintr erkundigt sich sogleich bei ihrem deutschen Busnachbarn, wie man ein so schwieriges Wort wie Wolle wohl schreibe. Überhaupt notiert sie möglichst alles, was der Gastgeber erzählt, während der Bus durch das verregnete Königreich Nordstrand holpert: Koog und Polder, Reet und Lahnung.

Ob es hier auch eine Hauptstadt gebe? Nein, nur ein paar Häuser tauchen aus dem Regen auf. Die Protokollanten buchstabieren noch Hallig und Watt, geraten aber zusehends in Rückstand, denn Peter Harry Carstensen berichtet schon von der großen Mandränke des Jahres 1634, als sein heutiges Reich vom Festland abgerissen und später mühsam mit einem Damm wieder angebunden werden musste. 150 Meter sei ein guter Damm breit, 8,50 Meter liege er über dem Meeresspiegel - der Hofstaat schreibt so eifrig, als wolle man den Deich daheim nachbauen.

Als der Tross Nordstrand verlassen hat und die Hamburger Hallig ansteuert, gibt der hier nur noch als schnöder Ministerpräsident, aber nicht mehr als König zuständige Gastgeber Befehl zum Rechtsbruch: Ein Untergebener soll einen Strauß Strandwermut pflücken, woraufhin von der Prinzessin bis zur Hofdame alle eifrig das merkwürdige Kraut beschnüffeln.