Vor 25 Jahren, im August 1980, veränderte Polen das Gesicht der Welt. Ich schließe die Augen und sehe: Die Zeit war schön, und schön waren in Polen die Menschen. Ich war damals 34 und überzeugt, dass meine Generation ein wichtiges Kapitel Geschichte schreibt. Um mich an jene wunderbaren Tage zu erinnern, greife ich nach meinen damaligen Notizen –dem eigenen Gedächtnis vertraue ich heute nicht mehr. Zuviel Bitterkeit und Wehmut hat sich in den letzten Jahren darin angesammelt. Daher weiß ich nicht, ob ich gut daran tue, diese bitteren Bemerkungen niederzuschreiben, die zu einem feierlichen Jubiläum nicht recht passen. Mein Freund Władysław Frasyniuk, im August 1980 der Kopf des Arbeiterprotests in Breslau, später ein legendärer Untergrundführer der "Solidarność" und Häftling während des Kriegszustands, appellierte kürzlich für einen harmonischen Verlauf der Jubiläumsfeiern, man möge "den Groll beiseite schieben" und "nicht von Verrätern sprechen" . So würde ich gerne schreiben, bringe es aber nicht fertig. Ich glaube nicht an jene Eintracht, ich will und kann nicht gemeinsam mit denjenigen feiern, die heute ihr Wissen über die demokratische Opposition und die "Solidarność" aus den Archiven des Sicherheitsdienstes (SB) schöpfen und dabei polizeiliche Denunziationen wie eine Bibel behandeln. Ich fühle mich von ihnen besudelt.

Die damalige Erfahrung, die historische wie die persönliche, lässt sich nicht in der Sprache polizeilicher Denunziationen erzählen. Deshalb müssen wir selbst versuchen zu begreifen, was wir zu tun wagten. Wir müssen den Sinn unserer Lebensläufe wiederfinden.

I.

Im vergangenen Jahr erhielt Wojciech Kuczok für den Roman "Jauche" den Nike-Preis, den wichtigsten polnischen Literaturpreis. Der junge, etwas über dreißig Jahre alte Schriftsteller schilderte in seinem Buch die "Geschichte einer familiären Hölle", also die Geschichte einer polnischen Durchschnittsfamilie aus der Provinz. In diesem – scheinbaren Erziehungs- und Sittenroman kann man jedoch, wie bei Balzac oder Flaubert, ein Bild Polens erkennen, über das die Polen ungern sprechen oder nachdenken, sondern gewöhnlich schweigen. In diesem Polen gibt es keine großen Ideen, keine Klassenkämpfe und keine lichte Zukunft, noch gibt es Gott, Ehre und Vaterland. Dieses Polen ist ein trauriges Land trauriger und uninteressanter, – in den Worten des Schriftstellers - "hohler" Menschen: "Sie haben ihre Wurzeln und Äste, aber im Innern sind sie leer; in dieser Leere schließen sie sich ein" und kapseln sich vor der Welt ab. Die Welt wiederum wird von der Peitsche regiert, mit der der Vater den Sohn zu erzieherischen Zwecken schlägt; der Peitsche, die "schrecklichen Schmerz zufügte", der Peitsche, mit der der Alte den Jungen bearbeitete, der Starke den Schwachen Mores lehrte. Und der Junge, Geprügelte und Schwache konnte nichts tun außer schreien: "Papa, nicht schlagen!"

Anschließend hörte sich der mit der Peitsche verprügelte Junge Vorträge an, dass er der "von der Geschichte verwöhnten Generation" angehöre, da er – anders als der Alte – keinen Krieg erlebt hat. An Stelle der Kriegserlebnisse erhielt der Junge die Lektion des Speichels. Schon in der Schule war Spucken die Norm; "Geifer war der wirkungsvollste Lehrmeister". Bespuckt zu werden, "von allen Seiten direkt ins Gesicht", hatte man zu erwarten, wenn dem Gegner die Worte fehlten. Die Spuckenden waren allgegenwärtig: "ich spürte ihren Atem im Rücken", "sie spuckten mir hinterher, wenn ich über die Straße ging", "sie zeichneten mich".

Zu Hause – die Peitsche; draußen – Geifer. Das ging lange so – so war das polnische Heim.

Und dann alterte dieses Haus. Hässlich, hässlicher als Menschen. "Häuser altern verräterisch, das Alter zieht verstohlen in sie ein und nimmt unmerklich eine Fläche nach der anderen in Beschlag, das Alter von Häusern entzieht sich der Kontrolle, es ist für die Hausinsassen nicht mehr sichtbar, wohingegen empfangene Gäste es schon auf der Schwelle, schon im Flur am Modergeruch spüren."

Im diesem Mief siechte das Haus des kommunistischen Polen, genannt Volkspolen, dahin. Es war ein Land, dessen Außenpolitik, Armee und Polizei den Entscheidungen der Sowjetunion unterlagen; in dem eine kommunistische Nomenklatur, polizeiliche Bespitzelung, eine aufgezwungene Ideologie, Angst und Heuchelei regierten. Das Produkt dieses Systems war der geprügelte und begeiferte Mensch, der erst Mut fasste, wenn er Alkohol getrunken hatte, um dann seinen Hass auf alles und jeden zum Ausdruck zu bringen. Das kommunistische System züchtete diese heimliche Wut; es beutete geschickt aus, was in jedem Menschen schlecht und schwach ist. Ängstlicher Kleinmut, Opportunismus, Apathie und Zynismus waren gang und gäbe. Von Tag zu Tag schwand der Ekelreflex gegen den allgegenwärtigen moralischen Sumpf. Ja, der Modergeruch war spürbar.

II.

Im August 1980 atmete Polen frische, saubere Luft – mit beiden Lungen. Eine mächtige Streikwelle erfasste das ganze Land; der Streik in der Danziger Werft, inspiriert von der demokratischen Opposition und unterstützt von Intellektuellen und der Katholischen Kirche, führte wiederum zu den berühmten Danziger Vereinbarungen und der Gründung von Gewerkschaften, die unabhängig vom kommunistischen Regime waren. Das war kein Gelegenheitskompromiss, wie man ihn aus der Vergangenheit kannte – es war die vollständige Delegalisierung des Systems der kommunistischen Diktatur. Das System, das sich zur Diktatur des Proletariats ausgerufen hatte, wurde durch den Massenprotest der streikenden Arbeiter moralisch disqualifiziert. Wenn man mit dem Begriff "Revolution" einen großen Umschwung bezeichnet, dem ein massenhafter gesellschaftlicher Aufruhr und eine faktische Lähmung des Machtapparats vorausgeht, dann kann man von der "Augustrevolution der Solidarność" sprechen. Der August `80 war jedoch vor allem ein Fest der polnischen Demokratie: Er gab dem menschlichen Gefühl für Freiheit, Würde und Wahrheit seinen Sinn zurück.

Die Zeit des Auguststreiks verbrachte ich im Gefängnis, nachdem der Sicherheitsdienst mich zusammen mit vielen Menschen aus der demokratischen Opposition präventiv verhaftet hatte. Wie in allen Diktaturen glaubte man noch immer, die Polizei könne die Geschichte regieren.

Am 31. August wurden die Vereinbarungen unterzeichnet, die den Streik beendeten. Am 1. September wurden wir freigelassen und fanden uns in einem anderen Land wieder. Anstatt des Modergeruchs spürten wir den wunderbaren Duft der Freiheit. Ich notierte damals ad hoc: "Die ruhige Entschlossenheit der Streikenden, die spontane Disziplin, die Reife der Forderungen der Arbeiter". Ich notierte, dass die Streikenden "eine wesentliche Veränderung im System der Machtausübung" verlangten, "aber vor der Grenze Halt machten, die durch die militärische Präsenz der Sowjets gezogen wurde". Ich vermerkte: "die Arbeiter kämpften für die Rechte und Interessen der gesamten Gesellschaft, für soziale Rechte und die Hebung des Lebensstandards, für Bürgerrechte und Redefreiheit, für das Recht auf Subjekthaftigkeit und für unabhängige Gewerkschaften, für moralische Rechte und die Freilassung der politischen Gefangenen".

Ich konstatierte "mit Anerkennung die Tatsache, dass die Machthaber den Verhandlungsweg gewählt hatten, und keine Demonstration der Stärke". Ich bemerkte, ebenfalls ad hoc, die polnische "Quadratur des Kreises". Die jüngsten Ereignisse, schrieb ich, hätten bewiesen, dass die polnische Gesellschaft nicht weiter unter Bedingungen fortschreitender Verlogenheit, Entmündigung und Pauperisierung leben konnte und wollte. Es sei ein berechtigter Anlass zu nationalem Stolz, dass wir es verstanden hätten, unsere Rechte auf die vernünftigst mögliche Art und Weise zurückzufordern. Doch die Lebensform der Polen hänge nicht nur von ihren Aspirationen ab, sondern auch von der vom Westen akzeptierten sowjetischen Dominanz. Daraus folgere, dass "die unveräußerlichen Aspirationen der Polen nach Freiheit und Subjekthaftigkeit so verwirklicht werden müssen, dass es für die sowjetische Politik schädlicher wäre, in Polen militärisch zu intervenieren, als davon abzusehen."