Eigentlich sollte es eine große Show werden. In einer Woche, wenn sich in New York die Regierungschefs der Welt zum so genannten Millenniumsgipfel treffen, sollte im Kampf gegen Hunger und Armut ein Riesenschritt nach vorn gemacht werden. Getragen vom Enthusiasmus der Live-8-Konzerte im Juli und der weltweiten Rockgemeinde um Bob Geldof, wollten die Regierungen der reichen Länder ihre aufgestockten Hilfszusagen für die Armen noch einmal bekräftigen und vor den Vereinten Nationen (UN) einen Schuldenerlass, mehr Entwicklungshilfe und fairen Handel festschreiben. Doch nun scheint dies fraglich.

Seit einigen Tagen blockieren die USA die Verhandlungen über das Abschlussdokument. Ihnen gehen die Verpflichtungen der Reichen für die Armen zu weit; sie wollen die so genannten Millenniumsziele, mit denen die Regierungen etwa versprechen, die Armut bis 2015 um die Hälfte zu reduzieren, aus dem Gipfeldokument streichen. Bis auf ein paar Dritte-Welt-Gruppen regt sich kaum jemand darüber auf. Im Gegenteil. Das breite Publikum hat das Interesse am Weltgipfel längst verloren.

Nicht nur zynische Beobachter fragen, ob man der US-Regierung nicht eher dankbar sein müsse. Sie fragen zu Recht. Schließlich sorgen die Amerikaner nun wenigstens für ein bisschen Aufregung. Und könnten sie nicht ganz nebenbei die anderen Regierungen davon abhalten, wieder mal ein (wahrscheinlich) falsches Versprechen abzugeben?

Große öffentliche Zusagen und ihr klammheimliches Vergessen haben Tradition. Seit 1970 verkünden die reichen Länder immer mal wieder, bald 0,7 Prozent ihres Sozialproduktes an die Dritte Welt weiterzugeben. In Deutschland liegt diese Quote heute gerade mal bei 0,28 Prozent. Warum also sollte man nun glauben, dass die Bundesregierung ihre erneute 0,7-Prozent-Zusage künftig halten wird? Kein Wunder, dass die Glaubwürdigkeit von UN-Dokumenten, in denen so etwas steht, ziemlich lädiert ist.

Bitte nicht so viel Defätismus, halten die Entwicklungspolitiker solchen Argumenten entgegen. Nötig seien die Ziele – auch wenn sie nicht erreicht würden. Schließlich lasse sich nur so internationale Hilfe immer wieder neu mobilisieren. Zudem brauche die Dritte Welt das Material, um einen Schwarzen Peter zu haben. In ihrer Ohnmacht könnten die Entwicklungsländer die Regierungen der Industrienationen zumindest öffentlich abmahnen und so einen kleinen Schritt weitertreiben.

Gute Argumente. Leider passen sie jedoch genau in das Schema, das die Entwicklungspolitik für die Öffentlichkeit mitunter so unglaubwürdig macht. Was wurde nicht schon alles versprochen: Da verkündeten die Entwicklungsexperten alle paar Jahre wieder, die Staaten müssten nur ein paar hundert Milliarden Euro mehr auftreiben, und schon könne der Hunger beseitigt werden. Die Ökonomen von Weltbank und Internationalem Währungsfonds beschworen die Heilkräfte von Markt und Handel, die Antiglobalisierer den Segen des Lokalen und die Graswurzelgutmenschen den Nutzen der ländlichen Entwicklung. Nur mehr davon, und es wird schon, lautete das Credo.

Die nackten Zahlen sehen anders aus. Im jüngsten Bericht des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen heißt es, dass sich beispielsweise in Afrika trotz aller Millenniumsziele wenig zum Guten entwickelt habe.

Rund um das Thema Entwicklungspolitik ist eine regelrechte Industrie entstanden. Unfähige Regierungen, Seuchen, Klima und die Abschottung der Märkte in den reichen Ländern tun ein Übriges. Es gibt eben nicht den einen Grund für Unterentwicklung, sondern viele. Doch in ihrem Machbarkeitswahn produzieren die vermeintlichen Experten mit ihren einfachen Rezepten immer wieder Erwartungen, die fast zwangsläufig enttäuscht werden müssen. Auch der amerikanische Ökonom Jeffrey Sachs, der mit seiner bewundernswerten PR-Kampagne für die Millenniumsziele unglaublich viel Aufsehen und damit wichtige Debatten über die Ursachen der Armut erzeugt hat, geht in diese Falle. Er plädiert für einen massiven Kapitalzufluss nach Afrika, so als ob viel staatliches Geld auch automatisch viel Entwicklung bedeute. Seit der Wiedervereinigung wissen wir das besser. Und wir kennen den Frust, wenn nach 15 Jahren die Landschaften eben nicht blühen.