Hochschule Im Hörsaal erster Klasse

Was tun die Universitäten für besonders begabte Studenten? Bislang gar nichts. Das wollen einige jetzt ändern

Susanne Baer ist Streit gewohnt. heißt die feministische Rechtszeitschrift, in der sich die Juraprofessorin als Redakteurin für Frauenrechte einsetzt. In ihrer neuen Position als Vizepräsidentin der Berliner Humboldt-Universität will Baer erneut streiten. Doch diesmal nicht für eine Gleichberechtigung, sondern für das Gegenteil: Sie möchte für besonders qualifizierte Studenten Zusatzkurse einrichten, exklusive Veranstaltungen neben dem regulären Lehrbetrieb. Der Plan sieht vor, dass angesehene Wissenschaftler den in Auswahlgesprächen herausgesiebten Studenten in kleinen Gruppen schon vom ersten Semester an die Forschung nahe bringen.

Zwar sollen die so genannten Honors-Kurse keinem »Selektionsmechanismus« folgen, versichert Baer. Doch was ist es anderes als Selektion, wenn einer Auswahl von Studenten mehr geboten wird als dem Rest? Darf eine Universität ein Premium-Programm für wenige bieten, während sich die vielen anderen in Massenvorlesungen von akademischer Schonkost nähren? Ist es gerecht, mehr Geld für einen Studentenadel auszugeben, während das Fußvolk unter dem Spardiktat der Hochschulpolitik leiden muss? Die Kritik wird nicht lange auf sich warten lassen.

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Das deutsche Bildungswesen leidet an einem Paradox: Während hier die Schule stärker nach Leistung gegliedert ist als in jeder anderen Industrienation, behandelt die Hochschule alle Studenten gleich. Solange die Universität wie in den sechziger Jahren nur den fünf besten Prozent eines Jahrgangs offen stand, war dies sinnvoll. 2004 dagegen nahmen 38 Prozent ein Studium auf. Andere Länder wie etwa die USA lösen das Problem, indem sie der unterschiedlichen Studentenklientel ein höchst variantenreiches Hochschulsystem von Eliteeinrichtungen, Massenunis sowie Wald-und-Wiesen-Colleges gegenüberstellen. In Deutschland steht die Ausdifferenzierung der Hochschulen nach Qualität und Profil erst am Anfang. Zwar üben die privaten Einrichtungen auf die besten Schulabgänger schon heute eine große Anziehungskraft aus (siehe Tabelle). Doch ihre Zahl ist winzig, ihr Fächerspektrum schmal.

Der Berliner Vorstoß setzt nun einen grundsätzlich neuen Akzent in der Elitedebatte. Nicht mehr allein durch hervorragende Professoren sollen sich die Universitäten auszeichnen, sondern auch durch ebensolche Studenten. Die Humboldt-Universität ist nicht die einzige, die diesem Trend folgt. Immer mehr Hochschulen nutzen die neue Freiheit bei der Auswahl der Studienanfänger, um die besten Bewerber durch Eignungstests und Interviews herauszufiltern. Neuerdings besteht die Möglichkeit, schon nach dem Bachelor die Promotion zu schreiben – ohne Umweg über Diplom oder Master. Und selbst reine Forschungsorganisationen wie die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) oder die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) sind dabei, qualifizierten Studenten den Zugang zu ihren Programmen zu öffnen.

Die Humboldt-Universität betritt mit ihrem geplanten Zusatzangebot allerdings absolutes Neuland. Veranstaltungen an hiesigen Hochschulen stehen prinzipiell allen eingeschriebenen Studenten offen, unabhängig von deren Leistung. Zwar umgehen manche Professoren diese Regel durch intern aufgestellte Hürden für ihre Veranstaltungen, generell aber gilt: Nur für Examenskandidaten und Doktoranden organisieren Professoren mancherorts Seminare im kleinen Kreis (privatissime).

Das sei ein großer Fehler, meint Herfried Münkler von der Humboldt-Universität. Immer wieder erlebe er, wie sich besonders begabte Studenten im Massenbetrieb unterfordert fühlen. »Mit geringem Aufwand sind die in den Seminaren die Könige. Das prägt ihre Mentalität«, sagt der Politologe. Er selbst könne den Topstudenten bislang wenig zusätzliche Herausforderungen bieten: »Ich muss mich am Mittelmaß orientieren.«

Im Studentenalltag bleibt Humboldts Ideal meist Fiktion

Die Vernachlässigung der studentischen Leistungsträger hat Tradition an deutschen Universitäten, ebenso wie die Missachtung der Lehre insgesamt. Das verrät bereits der Sprachgebrauch: Reine Forschung (Max-Planck-Institute) ist Spitze, reine Lehre allenfalls Breite (Fachhochschulen). »Der Begriff der Spitzenlehre existiert in Deutschland noch nicht einmal als Begriff der Hochschulpolitik«, kritisiert der Generalsekretär des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, Christian Bode. Zwar wird die Einheit von Forschung und Lehre in akademischen Sonntagsgebeten – »Vater Humboldt im Himmel…« – gern beschworen. Im Alltag der meisten Studenten bleibt das Humboldtsche Ideal jedoch Fiktion, schon weil im Durchschnitt 50 Studenten auf einen Professor kommen. Auch die in diesem Sommer gestartete Eliteinitiative von Bund und Ländern wird wieder nur der Forschung zugute kommen. Die Ausweitung des Wettbewerbs auf die Lehre scheiterte am Widerstand der Bundesländer, die eine Einmischung Berlins in ihre Kompetenzen fürchteten. Andererseits haben es die Länder bislang nicht vermocht, ein eigenes Förderprogramm für die Lehre auf den Weg zu bringen. Ein entsprechender Plan liegt im Gremiengehölz der Kultusministerkonferenz begraben.

Doch auch ein Nobelpreisträger beginnt seine wissenschaftliche Karriere einmal mit dem ersten Semester. »Die Ausbildung zur Forschung muss möglichst früh beginnen«, fordert Ernst-Ludwig Winnacker. In Bayern hilft der DFG-Präsident mit, diesen Anspruch in die Praxis umzusetzen. Er ist Vorsitzender einer Expertenkommission, die im Auftrag des bayerischen Wissenschaftsministeriums so genannte Elitestudiengänge kürt. In bislang 16 Sonderstudiengängen kommen handverlesene Studenten in den Genuss von Spezialvorlesungen und Wochenendseminaren, Sommerakademien oder Praktika. Unterrichtssprache ist meist Englisch.

Leser-Kommentare
  1. Da hat Frau Baer sich ja etwas ganz hervorragendes ausgedacht. Wozu auch tiefgreifende Reformen in einem System vornehmen, dessen Orientierung an Wissenschaft UND Lehre vom ersten Tag an nicht vorhanden war.
    Ja, das ist auch auf die verschiedenen möglichen Abschlüsse bezogen. Kein Grund zur Klage mehr, es gibt doch den Bachelor? Richtig! Wo sich vorher der angehende Geisteswissenschaftler in Einführungskursen abgemüht hat, uneinheitliche Systeme des wissenschaftlichen Arbeitens zu erlernen, darf er sich nun in ein "Integratives Einführungsmodul I" begeben - und da kommen wir auch schon zum Knackepunkt: Die Elite-Förderungsmaßnahmen, um die sich jetzt allzuspät nicht nur Herr Stoiber, sondern sogar bereits die altehrwürdige Humboldt-Universität bemühen, beziehen sich in letzer Konsequenz dann doch nur auf die hochgehandelten Fächer wie Medizin, Molekurbiologie und Juristerei. Also auf diejenigen, deren Berufsaussichten in der Freien Wirtschaft wenigstens theoretisch vorhanden sind.
    An denen, die auf eine hervorragende Lehre und eine Förderung von wirklichem wissenschaftlichen Nachwuchs direkt angewiesen sind, den Geisteswissenschaftlern, geht die Förderung gezielt vorbei. Wie sollte sie auch funktionieren? Eine Auslese durch "exzellente Wissenschaftler" soll es da geben- und aus wem setzen sich diese Gremien zusammen? Aus den vier Dozenten, die eine Ägyptologie insgesamt aufbringt? Entscheiden dann die Bildungs-Fossilien, versteinert in all den Jahren im Elfenbeinturm, über ihre wenigen namenslosen Schützlinge und wie immer darüber, ob Sie oder Er eines Tages ein respektabler Literaturforscher wird?

    Also wird es enden wie immer. Perlenketten-Paula und Bonzen-Bernd diskutieren im juristischen Seminar mit internationalen (und viel Geld herbeigelockten) Experten ihres Fach, elitär herausgesiebt aus dem Brei der breiten Masse und der Slavist, ja der, der soll mal weiter seine alten Zeitungen übersetzen, betreibt er doch -ganz offensichtlich- keine Wissenschaft.

  2. Seltsam, dass alles was mit "Elite" verbunden wird, sei es -Ausbildung, -Förderung, -Studium u. dgl. hierzulande automatisch umstritten ist.
    "Gifted" scheint mir jedenfalls bei unseren angelsächsischen Konkurrenten nicht negativ besetzt zu sein. Schon seit 1910 existiert beispielsweise in Kanada die renommierte "University of Toronto Schools" als "School for the Gifted". Aus dieser der Universität Toronto zugeordneten Eliteschule gingen neben einem Nobelpreisträger auch zahlreiche bekannte Wissenschaftler hervor. Sie verknüpft inhaltlich und didaktisch in vorbildlicher Weise den sekundären und den tertiären Bildungsbereich und ist in Kanada bekannt und angesehen. Könnte das nicht ein Vorbild für uns sein?
    Versucht wird es gegenwärtig im von der Ulmer Bundestagsabgeordneten und ehemaligen Kultusministerin Schavan begründeten Landesgymnasium für Hochbegabte in Schwäbisch Gmünd, das sich letzten Monat formell mit der Universität Ulm verbündet hat und seinen Schülern bereits Studentenausweise ausgegeben hat, die sie als Schülerstudenten zur Teilnahme an allen Universitätsveranstaltungen berechtigen.
    Wollen wir hoffen, dass dieser mutigen Initiative Erfolg beschieden sein wird.

  3. Volle Zustimmung. Wenn der von Ihnen erwähnte Slavist Glück hat, darf er sich dank Hiwi-Status die aktuelleren Zeitungen vornehmen, und vielleicht sogar auf Lehrstuhlkosten kopieren. Das wars dann aber auch, mit der Eliteförderung in der Geisteswissenschaft. Und während Perlenketten Paula und ihr Freund abends ein bisschen Kohle in der väterlichen Kanzlei hinzuverdienen (sollte es denn nötig sein), wird der Slavist Hausaufgabenhilfe beim STUDIENKREIS leisten. Bitter, das.

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