new orleans Gewalt ohne EndeSeite 4/4

ZEIT: Waren die Menschen etwa menschlicher, als sie noch regelmäßig zur Kirche gingen?

Ballard: Nein. Die Religionen der Vergangenheit versuchten, die menschliche Psyche zu kontrollieren, den Menschen zu domestizieren wie ein Pferd, um es zu reiten. Die Religionen wollten den Menschen ihre Wildheit austreiben. Aber wer tut das heute? Das ist unser Problem.

ZEIT: In High-Rise verfallen gutbürgerliche Mieter grundlos der Barbarei, sie hausen wie Primaten in ihren Luxusapartments. Beim Hurrikan Katrina hatte das Desaster einen konkreten Anlass.

Ballard: Die Katastrophe in New Orleans war eine Heimsuchung. Es scheint heute zwar mehr Naturkatastrophen zu geben als vor 50 Jahren, und wir haben uns angewöhnt, zu denken, das liege an der globalen Erwärmung. Aber vielleicht ist es weniger der Globus, der sich erwärmt hat, sondern es brodelt in unserem Innern. Es ist wie im Zoo mit den Schimpansen. Wenn man ihnen den Tisch deckt, sitzen sie eine Weile still und trinken eine Tasse Tee. Aber urplötzlich fangen sie an, alles zu zertrümmern, weil sie die Langeweile, die Ereignislosigkeit nicht ertragen. Da greifen sie lieber zur Gewalt. Ich fürchte, wir sind noch immer sehr eng mit den Schimpansen verwandt.

ZEIT: Aber wie entgehen wir einerseits der Langeweile, andererseits dem Untergang? Am Ende Ihres Romans Der Sturm aus dem Nichts legt sich der Hurrikan.

Ballard: Ich will nicht pessimistisch klingen. Aber ich glaube, die echten Hurrikane fangen an, stärker zu blasen. Und auch der Wind in unseren Köpfen wird von Tag zu Tag stärker. Ich kann Ihnen nur raten: Passen Sie auf sich auf!

Das Gespräch führte Evelyn Finger

Auf Deutsch sind die Bücher von James Graham Ballard nur noch antiquarisch erhältlich. Auf Englisch erschienen zuletzt »Interviews« (2005) und »Quotes« (2004), beide bei RE/Search Publishers, San Francisco, sowie »Millennium People«(2003), bei Flamingo, London

 
Leser-Kommentare
  1. Ballards Begriff der "Zivilisation" hat etwas Doppeldeutiges.
    Zum einen versteht er darunter die technisierten, westlichen (kapitalistischen) Gesellschaften;
    zum anderen ein friedfertiges, rationales Verhalten der Menschen.
    Da aber die westliche Moderne oder besser der Kapitalismus per se irrational und auf dem Kampf jeder gegen jeden beruht, schließen sich die beiden Vorstellungen aus.

    Daher auch seine richtige Erkenntnis, dass Gesellschaften mit starken religiösen oder sozialen Traditionen besser in der Lage sind, mit solchen Katastrophen wie die in New Orleans fertig zu werden.

    Trotzdem macht er den Fehler, dass er Eigenschaften wie Grausamkeit und Vandalismus der menschlichen Natur unterstellt, die dem Mensch aber durch äußere Strukturen eincodiert worden sind.

  2. Es ist schon bedauerlich, das der Grund für die zunehmende Gewalt in unserer Gesellschaft in der Langenweile zu suchen ist. Das ist wirklich dekadent. Überfluss und Reichtum, gleichzeitig Depression und Langeweile auf der einen Seite und Armut, ebenfalls Depression, vielleicht weniger Langeweile, weil man ständig mit der "Überlebensfrage" beschäftigt ist auf der anderen Seite. Man könnte daher vermuten ein bisschen mehr Armut und die Leute wären friedlicher, aber nein, so stimmt dies auch nicht. Es ist immer wieder das alte Lied von dem Auseinanderdriften von Arm und Reich, das die Gesellschaft in Stimmung kommen läst. Die Lösung ist ebenfalls bekannt: Ungleichheiten abbauen ect. Aber die Frage bleibt. Ist das denn wirklich gewollt?, Oder ist das nicht doch eher ein Psydoargument zum Wahlstimmen sammeln?
    Abschließend bleibt die Frage zu klären, wie man Langeweile abbauen kann. Ist es wirklich notwendig ständig die Kaufkraft zu stärken, damit die Leute sich nicht langweilen? Gibt es nicht noch andere Beschäftigungsfelder?

  3. einfach ein intelligenter und umfassend gebildeter mensch.
    und kein verbohrter spezialist.

  4. Gewalt ist eine Reaktion auf erfahrene, gegenwärtige Gewalt.

    Wir vergessen immer wieder, daß der Vernichtungswille weniger Menschen diesen Planeten formte und formt. Oder verfügen beispielsweise heute 6 Milliarden Menschen über Atombomben, Bomber, Raketen und andere Mechanismen der Macht?

    Und der Vergleich Mensch Schimpanse enstammt der pathologischen Verdrängung der Wirklichkeit. Über den Zeitraum von Jarhrmillionen betrachtet, ist jede Tiergattung würdig der Erfindung "Friedensnobelpreis".

    eckardgoethe

    • Lorn
    • 09.09.2005 um 19:49 Uhr

    1) Ich vermisse bei der Aufzählung von Newton und Voltaire den deutschen Philosophen (und Naturwissenschaftler) Immanuel Kant neben dem französisschen Philosophen und Rationalisten Voltaire und dem englischen Naturwissenschaftler und Alchemisten Isaac Newton.

    2) Die Aufklärung ist nicht gescheitert.

    Sie muss nur um historisch unterdrückte Aspekte ergänzt werden!

    Hingewiesen sei noch auf folgende Bücher bezüglich Immanuel Kant, dem grossen Philosophen der Aufklärung:

    Carl du Prel »Ein verschollenes Buch von Kant.« München, 1888. »Kant als Mystiker.« Gera, 1888. »Immanuel Kants Vorlesungen über Psychologie.« Leipzig, 1889.

    Tatsache ist: Er ging bereits von einem transzendentalen, sich stetig wieder inkarnierenden Subjekt aus.
    Er war also sehr viel weniger säkular und anti-metaphysisch gesonnen als viele meinen würden.
    Die vermeintliche "metaphysische Leere", ist nichts als ein Irrtum der Geschichte bezüglich der europäischen Aufklärung.
    Diese Erkenntnisse Immanuel Kants und seines Neu-Herausgebers Carl Du Prel wurden systematisch unterdrückt.

    Kant, Immanuel / Prel, Carl du (Hg) (1889): Kant's Vorlesungen über Psychologie. Mit einer Einleitung: Kant's mystische Weltanschauung (Leipzig)

    Dieses Buch wurde systematisch verschwiegen und unterdrückt.
    ´
    Die europäische Geschichte geht weiter!
    Nix Apokalypse!
    Es lebe das Wassermann-Zeitalter! :-)

    • Lorn
    • 09.09.2005 um 19:47 Uhr

    >>>>>>>Die europäische Aufklärung, die mit Newton und Voltaire begann, die erfolgreich den Glauben an den menschlichen Verstand predigte und unsere Philosophie, unsere Politik dominierte, ist wohl doch gescheitert. Der Mensch, man sieht es in New Orleans, handelt nicht notwendigerweise zu seinem Besten.

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