die folgen des hurrikans »Die Leute kochen vor Wut«
George W. Bush hat schwere Fehler gemacht. Manche Amerikaner meinen, jetzt brauchte es nicht nur Decken und Essen, sondern auch einen neuen Präsidenten
Noch ist die Katastrophe in ihren Ausmaßen weder erfasst noch wirklich fassbar. New Orleans, eine einzigartige Stadt, ist untergegangen. Die Zahl der Toten geht in die Tausende. Mehrere hunderttausend Menschen sind Flüchtlinge im eigenen Land, dessen Regierung das Ausland um Hilfe gebeten hat: Die USA brauchen Decken, Notbetten, Essensrationen – und nach Ansicht vieler Amerikaner auch einen neuen Präsidenten. Sollte George W. Bush weiterhin die Schuld für die erbärmlich organisierte Nothilfe auf andere abschieben, »muss ich ihm wohl eine reinhauen«, erklärte die demokratische Senatorin des Bundesstaates Louisiana, Mary Landrieu, vor laufender Kamera. Die Androhung von Prügel durch ein Mitglied des Kongresses, kombiniert mit einem Sinkflug der Umfragewerte, ist der vorläufige Tiefpunkt in der Amtszeit des Präsidenten.
In aller Fairness sei gesagt: Die Schuld am katastrophalen Katastrophenschutz trifft viele. Bush hatte eine Evakuierung gefordert, konnte sie aber nicht befehlen. Die städtischen Behörden wiederum ordneten sie zu spät an und waren offenbar überrascht, dass in den Armutsvierteln ihrer Stadt viele Einwohner weder Autos noch Geld hatten, um sich in Sicherheit zu bringen. Der Superdome und das Konferenzzentrum in New Orleans wurden zur Falle für die Zurückgebliebenen – und zum PR-Desaster für das Weiße Haus: Die Fernsehteams waren überall, die Hilfskonvois nirgendwo; die Lokalpolitiker riefen SOS, die Führung des Landes präsentierte sich in den ersten, entscheidenden Tagen taub und ignorant. Dick Cheney erholte sich in Wyoming, Condoleezza Rice ließ sich beim Shopping auf New Yorks Fifth Avenue erwischen, George W. Bush brach erst zwei Tage nach der Katastrophe seinen Urlaub ab und verblüffte die wartenden Journalisten mit der Bemerkung, niemand habe damit rechnen können, dass in New Orleans die Dämme brächen. In Wahrheit lebte die Stadt seit Jahrzehnten mit genau dieser Angst.
Mit erstaunlich stümperhaften Fehltritten förderten der Präsident und seine Mannschaft so das Bild einer kaltherzigen Führungsriege im Angesicht horrenden Elends – ein Elend, das mehr offen legt als die Zerstörungskraft der Natur. Hurrikan Katrina hat George W. Bush Probleme ins Gesicht geblasen, die dieser bei Kirchen und Caritas hatte ablegen wollen: »class, race and poverty« – Klassengegensätze, Hautfarbe und Armut.
Nach Lesart vieler Bush-Kritiker – unter anderem Bundeskanzler Schröder – ist die chaotische Nothilfe im Hurrikan-Gebiet denn auch Folge einer Politik von Staatsabbau und Deregulierung. Doch das Chaos in den Fluten ist zunächst einmal die Folge von zu viel und falscher staatlicher Intervention. Nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 hat die Bush-Regierung ein Superministerium für Heimatschutz geschaffen. Von dieser Mammutbürokratie wurde auch die Bundesbehörde für Katastrophenschutz geschluckt, die seither den größten Teil ihrer Ressourcen für Maßnahmen gegen den Terrorismus aufbringen muss. Entsprechend kopflos reagierte Washington auf einen Feind, der nicht al-Qaida, sondern Katrina hieß (siehe auch Seite4).
In der amerikanischen Hauptstadt zieht Präsidentenberater Karl Rove inzwischen alle Hebel zur Schadensbegrenzung. Statt im Tiefflug über das Flutgebiet hinwegzugleiten, taucht der Präsident jetzt hemdsärmelig und persönlich in den Flüchtlingsunterkünften auf – im Hintergrund die Hilfskonvois. Eine Untersuchungskommission unter Bushs Führung soll die Mängel des Katastropheneinsatzes aufdecken. Was politisch umstrittene Vorhaben wie weitere Steuerentlastungen für die Reichen betrifft, so hält man sich vorerst bedeckt. Als mitten in die Schlagzeilen über Katrina die Nachricht vom Tod des Vorsitzenden des Obersten Gerichtshofs, William Rehnquist, platzte, nominierte Bush nicht den erzkonservativen Verfassungsrichter Antonin Scalia, sondern den etwas moderateren John Roberts als Nachfolger. Ich bin angeschlagen, und ich weiß es, signalisiert der Präsident damit der Opposition.
Bloß dürften konziliantere Personalentscheidungen kaum reichen, um die politischen Folgen von Hurrikan Katrina einzudämmen. Anders als nach dem 11. September 2001 kann Bush den kollektiven Schock diesmal nicht in Kampfbereitschaft gegen einen äußeren Feind umleiten. Im Gegenteil: Der Unmut über den Irak-Krieg, der in den letzten Monaten ohnehin angewachsen war, ist nach Hurrikan Katrina in offene Wut umgeschlagen. Über ein Drittel der Nationalgarde des Bundesstaates Louisiana ist derzeit im Irak stationiert – in einem Einsatz, für den Nationalgardisten nicht ausgebildet sind und den zu gewinnen sich immer weniger Amerikaner vorstellen können. Diese Truppen fehlten der Gouverneurin von Louisiana bei der Katastrophenhilfe.
Mehr noch: Hurrikan Katrina hat das Selbstbild einer Nation erschüttert, die sich bislang nur als Helfer, als Rächer und Beschützer der Schwachen, als Exporteur von Demokratie, Wohlstand und Ordnung wahrgenommen hat. Jetzt muss sie um Decken und Betten bitten. Italien schickt Transportmaschinen, Deutschland das Technische Hilfswerk. Iran hat Öllieferungen angeboten, Fidel Castro – immer ein Ersatzkandidat für die »Achse des Bösen« – will Medikamente schicken. »Wer sind wir«, fragte die Kolumnistin Maureen Dowd in der New York Times, »wenn wir uns nicht einmal um unsere eigenen Leute kümmern können?«
Dieser Schock geht womöglich tiefer als der 11. September 2001. Damals ließ sich das Bild eines vereinten Amerikas zeichnen, das im – wenn auch eher latenten Kriegszustand – alle Schranken und Gegensätze vergisst und die Fahnen schwenkt. Im September 2005 halten wütende Einwohner von New Orleans den ausgestreckten Mittelfinger in die Kamera, beschimpfen sich Politiker gegenseitig, schießen Soldaten auf Plünderer und behandeln viele der schwarzen Obdachlosen eher als Aufständische denn als Flutopfer. Als der Rapper Kanye West bei einem TV-Benefizkonzert am vergangenen Freitag vom Text abwich und erklärte: »George Bush schert sich nicht um Schwarze«, drehte ihm der Fernsehsender NBC das Mikrofon ab. Doch die Debatte um Armut und Rassismus ist in vollem Gang: auf der Straße, auf den Websites der Blogger und in den Spalten der Kolumnisten. United States of Shame betitelte Maureen Dowd ihre Kolumne, »Herr Präsident, wir sind wütend« hieß es in einem Leitartikel der Times-Picayune aus New Orleans.
Auch im konservativen Lager wartet man mit eingezogenem Kopf auf den »Sturm nach dem Sturm«. »Wir sind nicht an dem Punkt, wo etwas kippt. Wir sind an dem Punkt, wo etwas platzt«, schreibt der Kolumnist David Brooks. »Die Leute kochen vor Wut – die nehmen das nicht länger hin.«
Brooks verweist auf das Jahr 1927, als die »große Flut des Mississippi« weite Landstriche überflutete und 700000 Menschen, darunter 330000 Afroamerikaner, obdachlos machte. Damals ließen die verantwortlichen Politiker Wohngegenden der Armen fluten, um die Stadt selbst zu retten. Afroamerikaner wurden unter vorgehaltener Waffe zum Dammbau zusammengetrieben. Tausende Schwarze wie Weiße wurden – halb Flüchtlinge, halb Gefangene – in »relief camps« verfrachtet. Der Präsident, damals hieß er Calvin Coolidge, sah seine Rolle darin erfüllt, »das Mitgefühl der Bevölkerung auf das Schicksal der Opfer zu richten« und um großzügige Spenden zu bitten. Die Opfer pfiffen auf Mitleid und wählten ein Jahr später einen Linkspopulisten namens Huey Long zum Gouverneur. Long setzte radikale Reformen zur Bekämpfung der Armut durch. Auch er schickte die Nationalgarde los – allerdings zum Marsch auf die Ölfelder von Standard Oil, weil der Konzern die neue Steuer zur Finanzierung von Schulmitteln nicht bezahlen wollte. Die »große Flut« mit ihren politischen Folgen in Louisiana gilt als eines der Ereignisse, die den Boden für Franklin D. Roosevelts New Deal bereiteten.
Womit man, in anderem Licht, wieder bei der Rolle des Staates gelandet ist: New Orleans wiederaufzubauen – mit sicheren Dämmen, einer soliden Infrastruktur, sozial durchmischten Wohnvierteln – wäre ein Projekt von Rooseveltschen Ausmaßen. Die amerikanischen Küsten vor solchen Verheerungen in Zukunft besser zu schützen erfordert öffentliche Investitionen, internationale Kooperation beim Klimaschutz, staatliche Vorgaben bei der Bebauung von Küstenstreifen. Es erfordert ein Ende der Steuergeschenke an die Besserverdienenden und die Einsicht, dass unter »Heimatschutz« nicht allein der Kampf gegen Terrorismus fällt. Mit anderen Worten: Es erfordert einen George Bush, der sich ein paar Scheiben bei jenem Präsidenten abschneidet, dessen politisches Erbe die Republikanische Partei seit fünf Jahren mit so viel Verve zerstören will. Ob und wie das gehen soll, kann sich derzeit noch niemand vorstellen.
- Datum 08.09.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 08.09.2005 Nr.37
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... für den sehr informativen und detaillreichen Artikel! :-)
Obiger Titel von der Zeit-Reporterin suggeriert stark, dass alles, was sich dort ereignet, Produkt Karl Roves u. Co. sei. In der Tat hat sich herausgestellt, dass die umweltschonenden Massnahmen, die z.T. zur Linderung bzw. Reduktion der Sachschaeden haetten fuehren koennen, deutlich jahrlange vorhanden waren, und zwar vor der Bush-Zeit. Dass man z.B. den Mississippi gleichzeitig zur Wasserablauf u. Kanone gemacht hat, und dies mittels Kanalizations- und Daemme, haben uns die Oekologen schon in den 70iger u. 90iger klar gemacht. Diese Warnungen zum Trotz gingen FEMA, beide letzte Administrationen und die Staats- und Stadtadministrationen Hand in Hand spazieren, ohne etwas Geschlossenes dagegen zu tun.
Bush als Spottziel: nix Neues hier in diesem Blatt oder in der "Times". Bush ist im Endeffekt nicht Zielscheibe, sondern FEMA; Louisiana war und ist eher konservativ, und gar nicht fruchtbarer Boden der Demokraten. Schliesslich muesste man die andauernde Korruption der Industrie selbst in Louisiana anzetteln; dies ist ein Thema fuer sich, hat nichts mit einem Orkan zu tun. Und dennoch hat man es mit einer Metropole zu tun, die gar nicht dort hingehoert! Geologisch unter dem Meeresspiegel usw.--kaum zu fassen.
Schon einige Male habe ich gestaunt, wieviele Anmaßungen und Fehler sich Präsident Bush ohne amerikanischen Aufschrei leisten kann. Urlauben während des Hurrikans, gefühlskaltes Grinsen in die Fernsehkameras, Schuldzuweisungen in alle anderen Richtungen für ein Organisationsdesaster: nicht nur sein persönliches Versagen
signalisiert ein diesmal wörtlich zu nehmendes Watergate für George Bush. Auch die unmittelbaren Konsequenzen personeller Fehlbesetzungen wie des Fema-Chefs und Bush-Vetternwirt Brown, der soviel Gemeinsamkeiten mit Katastrophenschutz hat wie Katrina mit einer Flaute. All das wirft die Frage auf, wieviel Geduld die Amerikaner noch aufbringen um die letzte Amtszeit George Bushs bis zum Ende durchzustehen.
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