Eine Frau, von drei höchst unterschiedlichen Männern geliebt: ihrem Ehemann, einem süffisanten Aristokraten; einem modernen Helden im Fliegerkostüm; einem erfolglosen Musiker. Auf einer Jagdgesellschaft entscheidet sich alles. Der moderne Held wird "versehentlich" erschossen, der erfolglose Künstler entweicht, der Aristokrat bittet Ehefrau und Jagdgäste zurück ins Schloss, dessen Türen sich hinter ihnen schließen. – So weit, so schlicht und dem französischen Publikum von 1939 umso vertrauter, als es sich bei dem Plot um die Adaption der höchst erfolgreichen Komödie Les caprices de Marianne von Alfred de Musset zu handeln schien.

Von wegen. Jean Renoir, Sohn des Malers Auguste Renoir, entwirft in La règle du jeu – Die Spielregel ein grandioses, burleskes, tödliches Bild der Eliten Frankreichs – ach, was: Europas – vor dem Zweiten Weltkrieg. Mit den beunruhigendsten Mitteln des Films, dem Wechsel harter und sfumatohafter Schwarzweiß-Kontrastierung, Verschiebung von Schärfen, dem opulenten Spiel zwischen subjektiver Kamera und theatralischer Objektivität gelingt es ihm, einen Reigen von Amouren, Ritualen, Tändeleien und hübschen Nichtigkeiten in eine Welt am Abgrund zu verwandeln.

Dabei helfen ihm wunderbare Schauspieler: Nora Gregor als Marie-Antoinette-hafte Österreicherin im Mittelpunkt der männlichen Wünsche – Prestigeobjekt, Traumfrau, Kulturreminiszenz; Marcel Dalio als gelangweilter Ehemann mit Schloss, Geliebter und einer rokokohaften Sammlung automatischer Puppen, denen er wesensverwandt scheint; Roland Toutain als Held, Flieger, Liebhaber, der das postheroische Zeitalter begründet. Die "unteren Chargen": das Kammermädchen Lisette, das die Welt nur mit herrschaftlichem Blick begreift. Ihr Ehemann, der Jagdhüter Schumacher, stets auf der Jagd nach Lisettes Liebhabern, deren gerissenster, der zum Diener beförderte Wilddieb Marceau, Jagdgesellschaft und Dienerschaft durcheinander purzeln lässt. Und mittendrin: der Künstler als Weltkind, Octave, hoffnungslos Liebender, alles Verwirrender, in Täuschungen verstrickter Enttäuschter, gespielt von Renoir selbst als schärfstem Kritiker all jener Hoffnungen, die sich auf die vermeintlich erlösende Kraft der Kunst richten.

In den symbolischen Schlüsselszenen des Films, dem "Totentanz" der Jagdgäste, dem Automatenspiel des Grafen und der Treibjagd selbst mit ihren ahnungsvollen tödlichen Schüssen, pointiert Renoir das Drunter und Drüber der elitären Protagonisten und ihrer Knechte: Die Spielregel dieser Gesellschaft ist der Tod. Im hegelianischen Wechselspiel zwischen Herr und Knecht bleibt eines sicher: Nur der Knecht ist lernfähig. Und so verlassen am Ende – nach dem Tod des "Helden" – der Wilddieb Marceau und der Künstler Renoir die Schlossgesellschaft. Der eine als Vorbote einer Gesellschaft, deren alleinige Tugend das Überleben ist; der andere, um zu berichten. Die Gesellschaft schließt die Türen hinter sich. Ihr Schlusswort: "Haltung wird immer seltener!"