energie Wenn Putin Gas gibt

Berlin und Moskau lassen ein gewaltiges Erdgasrohr durch die Ostsee legen. Deutschlands Versorgung wird damit nicht sicherer

In Zeiten, da Populisten das Wort führen, ist es durchaus eine gute Sache, wenn Politiker Überzeugungen haben. Gerhard Schröders Überzeugung heißt Russland. Er pflegt die Beziehungen zu diesem Land und zu Wladimir Putin mit einem Eifer, mit dem er schon viele erstaunt hat. Zehn Tage vor der Wahl, an diesem Donnerstag, besucht der Freund aus dem Kreml Gerhard Schröder noch einmal. Offenbar halten beide die Wiederwahl des Kanzlers für so unwahrscheinlich, dass sie einen ursprünglich für Oktober geplanten Gipfel vorziehen. Dessen zentrales Thema ist ihnen zu wichtig, als dass sie es anderen überlassen wollen.

Es geht um ein Rohr auf dem Grund der Ostsee. Nicht um irgendeines, sondern um die teuerste Unterwasserpipeline der Welt. Sie soll sibirisches Erdgas durch den finnischen Meerbusen zum Greifswalder Bodden und von dort weiter nach Westeuropa transportieren. Allein die Strecke auf dem Meeresgrund zieht sich über knapp 1000 Kilometer hin, die Bauherren dürfte das Projekt nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur 10 bis 12 Milliarden Dollar kosten. Mit Ärger ist zu rechnen. Umweltschützer fürchten um das Biotop Ostsee; in mehreren EU-Staaten von Polen bis Estland regt sich Protest gegen den »Schröder-Putin-Pakt« (das polnische Magazin Wprost); EU-Beamte fragen, ob nicht eine Überlandpipeline für die Energiekonzerne und ihre Kunden am Ende günstiger wäre.

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Warum treiben Schröder und Putin die Sache so eilig voran? Wem nützt das baltische High-Tech-Rohr? Und was haben angesichts explodierender Energiepreise deutsche Verbraucher davon?

Beginnen wir mit der russischen Sichtweise, denn sie ist einfacher zu verstehen als die deutsche. In Russland gibt es einen riesigen, kürzlich wieder verstaatlichten Konzern, der die Sache vorantreibt. Für Gasprom hat die Pipeline nur Vorteile. Sie umgeht die lästigen Transitländer Weißrussland, Ukraine, Polen und die baltischen Staaten, die Moskau Transportgebühren abverlangen und sich sofort in Brüssel beschweren, sobald man sie ein bisschen unsanft anpackt. Mit der neuen Pipeline wird Russland in der Lage sein, die Deutschen zu bedienen, während man die Rohrleitung nach Polen oder Lettland auch mal separat zudrehen kann, falls die Lage es erfordert. Weißrussland und Georgien haben diese postsowjetische Spezialbehandlung bereits erlebt.

Die Ostseepipeline bringt das russische Gas derweil direkt zu den Lieblingskunden in Westeuropa, die pünktlich und ohne Murren Höchstpreise zahlen. Deutsche Energiefirmen wie E.on/Ruhrgas und BASF/Wintershall konkurrieren um das beste Verhältnis zu Gasprom und das Recht, in Sibirien künftig ein wenig mitschürfen zu dürfen. Gasprom ist da Schiedsrichter und Partner von allen zugleich. Wintershall hat sich schon bereit erklärt, mindestens zwei Milliarden Dollar der Pipelinekosten zu tragen. An der Erschließung des sibirischen Gasfelds Jushno Russkoje sind die Deutschen fast zur Hälfte beteiligt, dafür darf Gasprom in einem Gemeinschaftsunternehmen mit Wintershall deutschen Kunden Gas verkaufen.

Das Ziel des russischen Energieriesen: den deutschen Markt mit langfristigen Abnahmeverträgen zu betonieren, solange die von der EU beschlossene Liberalisierung des Gasmarkts nur auf Papier steht. Wenn denn in Zukunft andere Anbieter auf den Markt drängten, hätten Gasprom und Partner ihre Verträge mit Laufzeiten von Jahrzehnten schon im Safe. Das Schönste: Festgelegt ist nur die Abnahme, nicht der Preis. Der wird nach dem munter kletternden Ölpreis stets neu justiert.

Womit wir bei den deutschen Interessen sind. Einem Land, das Erdgas weitgehend einführen muss, sollte an mehreren Bezugsländern, einem möglichst offenen Wettbewerb und in der Folge an möglichst niedrigen Preisen gelegen sein. Doch ist dies nur Verbraucherlatein, ein Idiom, das in der deutschen Energieszene nicht gesprochen wird. Die Energiekonzerne haben ihre Prioritäten. Der Platzhirsch, E.on/Ruhrgas, hält zum Beispiel ein Aktienpaket von 6,5 Prozent an Gasprom und ist deshalb besonders daran interessiert, russisches Gas zu verkaufen. Wintershall will ein noch besserer Partner von Gasprom sein; heute schon stammen mehr als die Hälfte seiner Erdgasverkäufe aus Russland. Kleinere deutsche Energiefirmen starren gleichfalls auf Sibirien.

Leser-Kommentare
    • dachs
    • 12.09.2005 um 8:52 Uhr

    was von den beiden Herren "Naivling" und "joforester" übersehen wurde, sind zwei Tatsachen:

    1. Es gibt in Dutschland viele "Ölmultis" aus verschiedenen Länder, und auch wenn sie sich gelegentlich zu irgendeiner Aktion zusammenschließen, bleiben sie grundsätzlich in ständigem Wettbewerb.
    Rußland ist eins, und ein Wettbewerb zwischen Rußland und Gasprom kann man sich nur schwer vorstellen.
    Die Tatsache, dass Rußland seine Öllieferungen, als Druckmittel benutzt ist schon an den Beispielen Weißrußland und Georgien, kaum zu widerlegen.
    Heute sind die Deutschen und die Rußen Freunde. Das waren Weißrußen und Georgien mal auch.

    2. Mercedes, um seine Autos nach Land X zu liefern, verlangt nicht, daß Land X eine Autobahn finanzieren soll um diese Lieferung möglich zu machen.
    Anders die Rußen. Sie haben ein Meisterstück hervorgebracht in dem bekommen sie die Finanzierung der Pipeline, Garantie für mehrjärige Abnahme, und völlige Freiheit die Preise zu gestalten.
    Das alles nennt der Kanzler "Interesse Deutschlands".

    dachs

  1. Warum nur diese Eile mit der Vertragsunterzeichnung? Warum um jeden Preis - wenigstens für uns - diese Abhängigkeit auf lange Sicht? Wäre es nicht die Pflicht von Schröder gewesen, weitere Optionen offen zu halten, ja vielleicht sogar, es der neuen Regierung zu überlassen, dieses Abkommen abzusegnen, oder scheitern zu lassen? Und wie geht Schröder mit unserem polnischen Nachbarn um? Angeblich sind es ja deutsche Interessen, die da in Deutschland wahrgenommen werden! Ohne Rücksicht auf Polen? Sieht so etwa gute und freundschaftliche Nachbarschaft aus, mit einem Land, das schon immer unter der deutschen Arroganz und Selbstherrlichkeit gelitten hat? Ich frage mich, was haben diese beiden Duzbrüder zu verbergen. Keine Frage ist doch, dass Putin ganz genau weiß, was er tut. Schließlich hat er es als KGB´ler gelernt. Ja, Gasprom liegt ihm am Herzen, aber Deutschland...

    • MHase
    • 14.09.2005 um 11:37 Uhr

    Mein Taufengel wirklich, dass eine CDU geführte Regierung sich gegen die Wirtschaft stellen würde um Polens Interessen zu dienen. Auch kann ich diese Gutmenschen Rhetorik nicht mehr hören, wir Deutsche sollen immer auf alle Rücksicht nehmen, aber machen die es auch. Nimmt Polen Rücksicht auf uns und unterbindet die Scheinselbständigen in den Schlachthöfen oder den Tanktourismus.
    Die Behandlung von Georgien und Weißrussland, nebenbei zwei nicht sehr demokratische Staaten, ist doch verständlich, da insbesondere Georgien sich den USA immer mehr zuwendet. Sollen das die Russen noch unterstützen. Sie lassen ihre Muskeln spielen und erinnern sie an ein altes Sprichwort: "Schuster bleib bei deinen Leisten". Denn nicht die USA sorgt für deren Energiesicherheit. Außerdem waren beide Länder nicht immer die besten Zahler, warum soll also Russland nicht das machen dürfen, was jeder Gasversorger in Deutschland machen darf. Regt sich darüber jemand auf?

    • MHase
    • 14.09.2005 um 11:23 Uhr

    Herr Thumann hat zum Teil Unrecht. Er sieht diese Pipeline zu sehr als Deutsch-Russisches Projekt. Dieses Gas wird nicht nur ins deutsche Gasnetz gepummpt, sondern in das Gesamt(West)europäische. Die Pipeline wird dazu dienen, dass unsere Gasversorgung nicht mehr von dem Gutdünken der Regierungen in Weißrussland, Ukraine und Polen abhängig ist, da sie nun mehr auf Dreibeinen steht. Wer sagt uns denn, dass die Ukraine nicht wieder umkippt. Von einem demokratischen Weißrussland ganz zu schweigen. Auch verschweigt der Reporter, dass die Durchleitungsgebühren sich ebenfalls im Gaspreis niederschlagen. Diese könnten explodieren, wenn die Landpipelines gegen den Terror geschützt werden müssen. Wird diese Pipeline nicht auch Druck auf die die Durchleitungspreise ausüben?
    Vielleicht ist es sogar möglich, dass nach der Fertigstellung der Pipeline, die Pipeline durch Weißrussland geschlossen wird.
    Der Reporter mukiert sich, dass Russland allen etwas verspricht. Aber wenn es zu wirklichen Engpässen kommt, wenn meinen wird Russland eher versorgen, seinen Freunden oder anderen Kunden. Wenn würden Sie eher helfen?
    Die meisten Russen mögen uns mehr als die beiden anderen Kunden, trotz unserer gemeinsamen Geschichte, welche ja nicht nur Schatten hatte.
    Um eine Pipeline von Nordafrika nach Europa mögen sich Spanien udn Frankreich kümmern, die dort bessere Verbindungen haben, dann wären Sie Herr Thumann beruhigter, oder soll die Pipeline um Westeuropa herum nach Deutschland geführt werden, nur damit Deutschland dann wirklich unabhängiger wäre, aber zu welchen Kosten.
    Man sollte auf den Teppich bleiben, dieser Deal ist kein neuer Hitler-Stalin Pakt, sondern einfach nur ein Geschäft ohne mögliche Störungen anderer Seiten (sprich Polen etc).

  2. Es stimmt, wir sind in Beziehung auf Erdgas von Russland abhängig, aber wie siehts mit den Ölresourcen aus ? Da sind wir von den Ölmultis abhängig und niemand will und kann das ändern ! Aber Russland, da regen sich die Gutmenschen, das ist nicht demokratisch, da regiert Putin. Ja, Jelzin war Demokrat, ( und was noch viel schöner war, er richtete die Wirtschaft und Gesellschaft zu Grunde ) aber Putin macht es anders als die "wohlmeinenden" Gutmenschen wollen, er stabilisiert das Land. Und warum sollen wir nicht bilaterale Verträge mit Russland schließen ? Wieso wird dadurch Deutschlands Versorgung nicht sicherer, daß andere interessierte Kreise nicht machen können was sie wollen ? Nachtigall, ich hör dich trappsen !

  3. Warum fast? Weil sagt nur die "Halbwahrheit". Aber es ist viel schlimmer als die reine Lüge. Oder das ist einfach subtile Lüge. Genau so wie „Halbdummkopf“ ist viel schlimmer als einfacher Dummkopf (Vorbehalt: das ist nicht über Hr. Thumann).
    Naive Beispiele: Mercedes liefert 1000 Autos nach Land X und bekommt keine Bezahlung oder die Hälfte vom korrekten Preis. Dann, selbstverständlich, bricht er die weiteren Lieferungen ab. Was macht das Land X? Es sagt, dass Lieferungsabbruch die politischen Hintergrunde hat. Genau zu dieser Zeit kommt Hr. Thumann und schreibt, dass Land X „deutsche neokoloniale Spezialbehandlung erlebt“. Vergleiche:
    „Weißrussland und Georgien haben diese postsowjetische Spezialbehandlung bereits erlebt.“
    Und was muss man tun wenn die Ukraine Gas bzw. die Mercedes einfach stehlt? Und s.w.
    Langweilig in einer „noch nicht vollständig gelben“ Zeitung (Die Zeit) so unprofessionelle Materiale zu lesen.

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