Herrenstrasse in Wangen Beruhigte Zone
Das Allgäu der achtziger Jahre: Eine Welt, in der alle Kinderwünsche erfüllt waren
Ich komme aus der Gasse. Alle Wege, die für meine Jugend (also für mein Leben) Bedeutung hatten, waren Gassen. Sie heißen noch heute Gassen, und noch heute sehen sie so aus. Denn dort, wo ich herkomme, liegt Kopfsteinpflaster unter den Füßen, und die Häuserfassaden (unterm Dach glotzen die Wasserspeier hervor) erzählen in prächtigen Fresken das Leben einer einst freien deutschen Reichsstadt, als hätte sie noch heute Grund, stolz auf ihre Geschichte zu sein. Angeblich ist ja keine Stadt in Süddeutschland so schön und aufwändig restauriert (gleichsam veredelt) wie der Luftkurort Wangen kurz vor dem Bodensee, dessen charmanter Kleinstadtboulevard (so könnte man die Hauptgasse der Altstadt nennen) von drei Toren beschützt wird, von drei Brunnen bewacht und vom Einzelhandel der vorglobalisierten Republik beherrscht.
Mein rotes Fahrrad (es war hellrot und Mitte der achtziger Jahre todschick, wie damals so vieles schick war, was einen heute fast verzweifeln lässt, Hawaiihemden, Modern Talking oder Don-Johnson-Frisuren) trug mich durch die Gassen der baden-württembergischen Idylle, in der wir, wie lebenshungrige Vögelchen im wohlständig gewordenen Mittelschichtsbürgertum nistend, fernab von den Zumutungen des Kalten Krieges und dem geliehenen Kredit der geistig-moralischen Wende, gebettet auf ewige Zuversicht und Generationenvertrag, aufwachsen durften, in unserem Reihenhaus (das den Reihenhäusern der Freunde, dem des Klavierlehrers glich).
Am Ende stand das hellrote Fahrrad mit dem kleinen Halogenscheinwerfer immer am Brunnen in der Herrenstraße, dem Eiscafé Capri gegenüber, wo wir uns eine Kugel Haselnuss für zwanzig Pfennig kauften (wie oft bekam ich eine geschenkt und verliebte mich dabei aufs Neue in die venushafte Schwiegertochter des Besitzers). Mit Franco, dem italodeutsch radebrechenden Kellner, machten wir dort unsere Faxen; Franco, der, wenn er vor dem Eingang sitzt und den Melancholiker gibt, vom Leben verraten zu sein scheint, obwohl er doch, wie man in Wangen sagt, ein Edelitaliener ist.
Ich komme aus der Fußgängerzone, dort bin ich groß geworden, in Wangen heißt sie Herrenstraße. Die Fußgängerzone ist das Herz der deutschen Kleinstadt, dort spielen sich Verhängnis und Glück des jungen Herzens ab, Sehnsüchte und Träume, Hoffnungen und Enttäuschungen, dort traf man die Kumpels und Kumpelinnen. Dort fanden sich die Cliquen an je ihrem Brunnen ein, dort ging man einkaufen.
In der Fußgängerzone zu sein war unbedrohlich, weil es allen gut ging und der soziale Friede sozialer Kontrolle unterlag; weil außerdem die Herrenstraße für den Autoverkehr gesperrt war (und noch immer ist), und allzu respektlose Radfahrer bekamen das angewandte Sittengesetz keifender Witwen zu spüren (die aufs Heil früherer Zucht und Ordnung verwiesen). Selbst die Grünen, die auch in Wangen gegen Atomkraft und Nachrüstung kämpften, hatten ausgesprochen entspannte Züge um den Mund. Die Luft in Schwaben ist gut und jodhaltig und voller Schwalben-Sinfonien.
Romeo wartete unterm Fenster des schiefen Fachwerkhauses
Nach dem letzten Gong um zehn vor eins jagte ich mit dem hellroten Fahrrad vom »Gymi«, aus der Jahnstraße kommend, über die Klosterbergstraße rechts Am Metzigbach entlang (wo die große Stadtvilla der Sozialstation steht, bei der ich Zivildienst geleistet habe), hoch über den Saumarkt in die Herrenstraße, an deren Anfang der seit 1505 berühmte Fidelisbäck mit dem besten Leberkäse und den besten Brezln der westlichen Hemisphäre seine bierbankhölzerne Klause hat. Und rauschte weiter auf den Kleinstadtboulevard, auf dem sich alle Schichten zum Volk verdichteten und man die höherklassigen Schulkameraden provozieren konnte, die in absurder Coolness eine Selbstgedrehte nach der anderen rauchten.
Es war undenkbar, dass hier zur Mittagszeit die örtlichen Honoratioren, die wie die weißhaarigen Brüder Rupp zwischen ihren Leder- und Spielwarengeschäften hin- und hergingen oder wie die rothaarige Buchhändlerin übers Kopfsteinpflaster stöckelten, einmal nicht vorbeikamen (ich spreche vom Sommer und blende die anderen Jahreszeiten aus, denn im Süden ist der Sommer maßgeblich, und der Winter ist ein weißes Warten).
Und irgendwann flanierte ganz sicher Oberbürgermeister Leist grüßend und händeschüttelnd vom Rathaus aus die Herrenstraße in Richtung Capri entlang, ein gut aussehender Mann um damals Anfang fünfzig, der unser Leben im Kleinen (Blumenkastenverordnung, Fassadenrenovierung) so bestimmte wie Helmut Kohl es im Großen tat.
Ich komme aus dem Wohlstand. Wir Kinder der Unübersichtlichkeit wurden in eine Wunschverhinderungskultur hineingeboren, in der keine Wünsche mehr ausgebracht werden konnten, weil alle bereits erfüllt waren. Wo wir auch hinkamen, der Markt war schon da, und es gab immer ein begehrenswertes Produkt, das einem die Eltern kaufen konnten. Wer geboren wird in eine Welt, in der alles Bestand hat, fragt nicht danach, was Bestand hat. Und er kennt nicht das Gefühl der Entbehrung, das zugleich eines der Sehnsucht ist.
Unsere Sehnsuchtslosigkeit war umfassend; wir wurden ja auch von niemandem aufgefordert, uns nach Besserem zu sehnen oder etwas für die Gesellschaft Relevantes zu leisten (zumindest erinnere ich mich daran nicht); wir wuchsen auf im Glauben, wir müssten das Vorhandene nur verwalten. Dass man es in eigener Regie gestalten muss, ist eine verblüffende Lektion, die wir dieser Tage lernen, weil sie uns, den ersten arbeitslosen Akademikern, niemand beigebracht hat.
Die offene Gesellschaft (die meiner Straße) war so offen, dass man sich in ihr verirren konnte, so demokratisch, dass man kein Gespür für Demokratie ausbildete, so pluralisiert, dass man vor lauter Selbstfindungsmöglichkeiten erschöpft war. Aufzubegehren brauchte man nicht (wogegen und wofür?), und dem Klammergriff der doppelten Schuld (Erbsünde und Erbe der Schoah) entkamen wir durch die Gnade der postmodernen Identität, für deren Collage wir nur annahmen, was uns nehmenswert erschien.
Ramsch macht sich breit zwischen den alteingesessenen Geschäften
Heiter war das, gelassen, wenn ich morgens vom Waltersbühl, wo wir wohnten, ohne Wissen meiner Eltern mit dem Fahrrad in die Herrenstraße peste, links am Capri vorbei in die Zunfthausgasse bog und dann rechts in die neckische Knöpflegasse, wo meine erste Liebe im ersten Stock eines schiefen, mit der alten Stadtmauer verschmolzenen Fachwerkhauses ihr Zimmer hatte (Stillleben: ein argwöhnisch genicktes Grüß Gott der Witwe auf der Bank vor dem Nachbarhaus).
Ich stand wie Romeo unterm Fenster und wartete, dass die Schöne ihren Kopf mit den schwarzen Locken aus dem Fenster halten würde. Sie erschien dort mit einer strahlenden Ungezwungenheit, die nur Vierzehnjährige haben können. Um dann die Treppe hinabzuspringen. Wir holten uns in der Konditorei Hölz hinter dem zweiten Brunnen mit der Mariensäule aus blaugrünem Maulbronner Sandstein einen Bienenstich und flanierten turteltäubchenhaft durch die Fußgängerzone in die Jahnstraße. Fast regelmäßig trafen wir fünf Minuten zu spät zum Unterricht ein…
Peppi Nussbaumer gibt es nicht mehr. Wenn man von der Herrenstraße beim Eisenwarenladen Thiermann (wo man, was es nie wieder geben wird, jede Schraube einzeln kaufen konnte) rechts in die Schmiedstraße einbog (heute ist Thiermann insolvent und in den riesigen Räumen ist natürlich eine Apotheke untergebracht), dann kam links das nach den fünfziger Jahren miefende Schreibwarenfachgeschäft Nussbaumer, und Peppi, der alte, drahtige, behornbrillte, hatte jeden Tag seine Holzschnitzarbeiten aufs Trottoir gestellt, Marienfiguren mit und ohne Jesuskindlein. Die schnappten wir uns und versteckten sie in der Braugasse, dass der Alte fluchend hinter uns herrannte (»Pack, elendes!«). Aber mein rotes Fahrrad war, bis auf einmal, immer schneller und parkte anschließend vor dem Brunnen am Capri neben den verdellten Vespas kiffender Schluffis.
Peppi Nussbaumer gibt es nicht mehr, und mit ihm scheint auch die alte Republik aussortiert und eine (jedenfalls unter Aufsicht der katholischen Pfarrei St. Martin) ethisch intakte Epoche mit ihren Originalen.
Es ist bitter, zu sehen, dass der gleiche Ramsch in meiner Stadt Einzug gehalten hat, der überall in Deutschland die Städte entseelt. Überall Schuhdiscounter und voll gestellte Billigkettenfilialen (Geschenkartikel, Unterwäsche, Haushaltswaren), die, dachte ich bis gestern, im württembergischen Kleinstadtbürgertum keine Kundschaft finden würden, weil solche Läden keinen Namen haben und der Name, der Leumund, in kleinstadtbürgerlichen Kreisen das wichtigste Pfund ist. Diese Billig-Shops müssten eingehen wie eine ungepflegte Primel, dachte ich. Denn in Wangen hielt man es sich zugute, vom Schicksal privilegiert zu sein, verwöhnt von den Segnungen, die der selbstgenügsame Konservatismus eines eingesessenen Mittelstandes hervorbringt (Boutiquen, Schuhläden, Autohäuser), und gewöhnt an die Aufmerksamkeit der großen weiten Welt für die Nierensteinzertrümmerer von Waldner, die Skier von Sohler und Edelstahltanks von Bolz.
Wangen war doch immer das feine Paradies christlich-demokratischer Glückseligkeit, gelegen an der Grenze zu Bayern, aber eben württembergisch gelassen und zünftig, schützen- und weinfestselig, schon früh Caffèlatte-freudig und auf charmante Art unbedarft. Und das ist es eigentlich noch heute, wo man dieselben, schütter oder schon grau gewordenen Männer mit den schwäbischen Wohlstandswänsten durch die Herrenstraße radeln sieht mit derselben Kleinstadtgemächlichkeit wie vor zwanzig Jahren, als das Leben noch berechenbar und der Sozialstaat ein treuer Partner war.
Und die selben hübschen Mädels (die heute Töchter der hübschen Mädels von einst sind) gehen am Capri vorbei, dieselben pausbäckigen Jungs (pausbäckiger Väter) sitzen in würdigen Autos. Die Arzttöchter von einst, kleine Zicken, gehen in Blazer und Bluejeans umher. Die umtriebigen Sportkameraden sind noch da, die nun wenig taillierte Anzüge und Bankangestelltenkrawatten tragen, und auch die freiwillig Daheim- und unfreiwillig Hängengebliebenen, die nur einmal rauskamen, als sie zum Bund nach Schwäbisch Gmünd oder nach Stetten gingen, dann zurückkehrten, eine Lehre machten und im weißen Ford des örtlichen Elektroinstallateurs umherfuhren oder die Fleischerei des Vaters übernahmen.
Die Herrschaftsstrukturen des Kleinstadtbürgertums sind nach wie vor gesellschaftsprägend. Die Familien Sigerist (Negligés, Tischdecken), Mayer (Lederwaren, Strohhüte), Carl Kehrer jr. (Uhren, Schmuck), Werdich (Schuhwerk, Taschen), sie alle haben ihre Läden in der Herrenstraße. Und wenn man wieder auf dem Sims des Adler-Brunnentrogs sitzt, kann es geschehen, dass dem heimgekehrten Sohn ein unverhofftes »Grüß Gottle« zugeworfen wird, während sich der Vater eines entfernten Klassenkameraden daneben platziert (»Ha, was machsch au du?«). Was noch immer eine Art ist, die sich wohltuend abhebt vom verbissenen, depressiven Großstadtbürger.
Das Capri, wo wir Jubiläumsbecher mit Waldbeeren und Jogurteis aßen und mit sechzehn den ersten Cappuccino tranken, hat sich in zwanzig Jahren nicht verändert. Noch immer ist Dienstag Ruhetag (während der globale Markt schlaflos tobt). Am Capri krochen mit zwanzig Stundenkilometern die tiefer gelegten oder heckscheibenverdunkelten Golfs und Opel vorbei, deren Fahrer den linken Arm aus dem Fenster baumeln ließen, ehe sie, sobald sie die Blumenkästen passiert hatten, aufs Gas stiegen und die knapp fünfzig Meter bis zum Frauentor derart draufhielten, dass wir, das Wasser des Brunnens bei aufgedrücktem Finger in alle Himmelsrichtungen spritzend, gespannt darauf warteten, dass einer gegen die Wand rauschen oder einen Radfahrer umnieten würde (was, meiner Erinnerung nach, niemals vorgekommen ist). Noch heute baumeln Arme aus hochgetunten Fiat Puntos oder Z3-Cabrios (die Hypostasierung des Sexualtriebs im Auto, eine sehr deutsche Neurose).
Protest im Paradies: Auch Wangen ist in der Wirklichkeit angekommen
Da steht man also in »seiner« Straße, am Brunnen mit dem Adler, sieht auf das frisch geweißelte Frauentor, welches das Abbild des Kaisers Friedrichs II., des Stadtgründers, trägt, und hört spätsommerliches Donnergrollen herannahen. Dann kommen auch schon die ersten Tropfen, man riecht die Geschichte (die spätgotische und die eigene) aus dem benässten Kopfsteinpflaster heraus und sucht Schutz unter der Markise beim Capri.
Und man sieht sich zwanzig Jahre jünger am Brunnen stehen, als eines dieser Sommergewitter aufzog und dicke Platzregentropfen auf den nackten, haarlosen Oberkörper prasselten, sodass man in die Knöpflegasse flüchtete, um sich bei seiner Nadja ein trockenes T-Shirt zu holen; da steckte sie ihren Kopf aus dem Fenster, sagte, sie habe sich verliebt, und ich erinnere mich an meine Freude über das abermalige Geständnis, und dann sah ich, wie hinter ihr mein Nachfolger stand, ihren Kopf küsste und grinste.
Zum ersten Mal in meinem Leben entdecke ich jetzt auf dem Weg von der Knöpflegasse zur Herrenstraße eine alte Metalltafel am Eingang der Blauen Traube (wie oft war ich dort vorbeigegangen und hatte vor jugendlichem Leichtsinn nichts anderes wahrgenommen als das Klappern meines Schutzblechs auf dem Kopfsteinpflaster). Die Blaue Traube, berichtet die Tafel, ist seit 1859 das Stammlokal der Bruderschaft Zum guten Tod. Versammlung alle Jahre um sechse am Ascherwittwoch.
Zum guten Tod, welches Erbe des schwäbischen Optimismus! Wo Maisfelder waren, stehen jetzt Einfamilienhäuser. Die Urbanisierung hat die Idylle platt gewalzt, der einst ungehinderte Blick in die Alpen zerschellt an immer neuen Spitzdächern. Am meisten aber verstört, dass ich an den Straßenrändern meiner Stadt, nicht weit vom Haus meiner Mutter, jetzt Transparente lesen muss: »Arbeitsplätze statt Profitgier«. Protest im Paradies. Wangen ist in der Wirklichkeit angekommen. Jetzt ist Deutschland wirklich in der Krise. Keine Flucht mehr möglich, nirgendwohin.
- Datum 08.09.2005 - 14:00 Uhr
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- Serie meine strasse
- Quelle (c) DIE ZEIT 08.09.2005 Nr.37
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