Arvo Pärt Kommt ihr Brüder, helft mir klagen

Arvo Pärt füllt große Räume mit wenigen Tönen von Wolfram Goertz

Oft hat der berühmte und sehr religiöse Komponist Arvo Pärt das große Gloria und das noch größere Halleluja angestimmt und manchmal lacht er mit seiner Musik still in seinen prächtigen Kirchenvaterbart hinein. Diesmal ist an positive Emotionen nicht zu denken, Pärts neues Werk ist schwarz. Es heißt Lamentate, ist für Klavier und Orchester komponiert und fordert auf zur Klage. Der Prophet Jeremias steht vor der Tür. Ein dumpfer Trommelwirbel und einschüchternde Posaunentöne machen klar, dass niemand Sessel, Saal oder Kirche verlassen darf. Man fühlt sich wie unter Anish Kapoors riesenhafter Skulptur Marsyas, die Pärt in der Londoner Tate Modern zu dem Werk inspiriert hat.

Aber es passiert nichts, das ist das Seltsame an diesem Stück. Das Orchester dient allenfalls als Tapete. Im fünften der zehn Kapitel von Lamentate, diesem langen Buch vom leisen Zagen, ist das Licht im Klagezimmer verloschen und das Klavier ganz allein, die Musik erscheint jetzt pulverisiert, nur noch vier Töne sind verblieben: A-H-C-E. Pärt lässt sie vorwärts, rückwärts, gemischt und oktaviert spielen - und immer hält der Pianist das rechte Pedal getreten. Der scheue, raffinierte Mystiker Pärt will, dass das Klavier die Lunge der Orgel hat und endlosen Hall gewährt. Die Sorge des Komponisten ist ja, dass beim Spiel ein Loch entstehen könnte, das ein Hörer nicht für eine Pause, sondern für das Ende hält.

Arvo Pärt aus Estland, der in der kommenden Woche 70 Jahre alt wird, hat in seinem Leben etliche Kompositionsverfahren ausprobiert (Neoklassizismus, Dodekaphonie, Collageprinzip), bis er die Dreiklangglöckchen der Tintinnabuli-Technik erfand. Die läuten uns seit langem fromm, ruhig und feierlich. Schnelles Bimmeln verboten. Manchmal ist Pärts Musik von einer zarten Innigkeit, die Tyrannen weinen lässt. In Lamentate tritt eine fast offensive Sinnlichkeit herein: Zuckerwatte und Geflimmer der Streicher, cremige Bläserterzen, saftige Steigerungen. Es ist, als kippe der Pfarrer ein Tütchen Brausepulver ins Weihwasserbecken. Strenge Pärtianer dürften zu klagen beginnen.

O sancta simplicitas: In den schönsten Momenten besteht auch Lamentate wieder einfach aus ein paar Tönen, aus Pausen - und aus viel Moll. Kleine Dosen, große Wirkung. Alexei Lubimow hat keine pianistische Mühe dabei, Homöopathie nach Noten zu betreiben. Auch das RSO Stuttgart unter Andrey Boreyko darf sich dezent zurückhalten und macht das ausgezeichnet - es baut sozusagen eine potemkinsche Klagemauer fürs Klavier, das indes gut allein zurechtkäme. Zum Ende zitiert Pärt seinen Bruder im Geiste, Franz Schubert, und dessen späte Klaviersonate B-Dur.

Neulich nannte Pärt die Sänger des Hilliard Ensembles seine Lieblingskollegen. Die Gepriesenen bedanken sich mit dem dunkel flutenden Prolog der CD: dem Da pacem Domine für vier Stimmen. Es klingt, als trage ein kleiner Klosterchor die letzten überlebenden Harmonien der Welt in einer Prozession vor sich her - abermals wird auf dem Kreuzgang vom Chor zum Ohr extrem viel Hall bewegt. Gottlob ist es ungepanschter Pärt mit Reinheitszertifikat.

Arvo Pärt: Lamentate/Da pacem Domine

Hilliard Ensemble, Alexei Lubimow (Klavier), Radio-Sinfonieorchester Stuttgart, Andrey Boreyko (ECM/Universal 476 3048)

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