romanDer Autor als Misanthrop

V. S. Naipauls Roman "Magische Saat" versinkt leider im Ressentiment von Martin R. Dean

Zusammen mit J. M. Coetzee und Salman Rushdie gehört der aus Trinidad stammende indische Autor V. S. Naipaul zu den aufregendsten Autoren einer internationalen Literatur, die den Folgen der Globalisierung und den Wanderungen zwischen Erster und Dritter Welt mit seismologischer Genauigkeit nachspürt. Naipauls neuer Roman mit dem geheimnisvollen Titel überrascht indessen durch eine zutiefst düstere und pessimistische Weltsicht und frauenfeindliche Invektiven. Aus dem schonungslosen Blick, mit dem Naipaul in früheren Romanen und Reisebüchern die postkolonialen Gesellschaften beobachtet hat, wird nun zunehmend die Misanthropie des Gekränkten. Es stimmt traurig, dass der bedeutende Autor gerade jetzt, da eine nüchterne Stimme des Multiethnischen immer wichtiger würde, im Ressentiment versinkt. Zwar hat Naipaul, der früh seine karibische Heimat Trinidad verließ, auch im neuen Buch sein Gespür für die Auflösung homogener Sozietäten wie zum Beispiel der britischen oder indischen Gesellschaft nicht verloren. Und mit Willie Chandran zeichnet er die Figur eines typisch naipaulschen Nomaden, der auszieht, irgendwo in der Welt seinen Platz zu finden und der stattdessen im Ungefähren landet.

Einen Ort des selbstbestimmten Lebens darf es nicht geben

Bereits im letzten Roman (Ein halbes Leben, 2001) war Willie, Sohn eines Brahmanen und einer Kastenlosen, aus Indien weg nach London verpflanzt worden und hatte dort erste desillusionierende Liebeserfahrungen machen müssen. Zugleich fand er, wie sein Autor, in fremder Umgebung allmählich zu seiner Berufung als Schriftsteller. Nach der Heirat mit einer portugiesisch-afrikanischen Studentin zog Willie für 18 Jahre in die "abgehalfterte" Kolonie Mosambik und verbrachte dort ein zweifelhaftes Leben, das aus nichts als einer Kette sinnloser Zufälle bestand. Dieses Leben hat ihn sich so weit entfremdet, dass er es nur noch als sein "Halbleben" bezeichnet. So träumt Willie auch im neuen Roman weiter von einem besseren Leben und einem Ort, wo "die Menschen in höherem Maße Herr über ihr Schicksal sind".

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Nach der Lektüre von Magische Saat zweifelt man indes, ob es diesen Ort eines selbst bestimmten Lebens für Naipaul überhaupt geben darf. Willie muss seine Suchbewegung da fortsetzen, wo sie im anderen Roman – verstörend abrupt – geendet hatte: bei seiner Schwester Sarojini im Berlin des Kalten Krieges. "Ich habe nie dazugehört", klagt er ihr. – "Du hast nie dazugehört, weil du es nicht anders wolltest", entgegnet sie ihm kühl. "Du hast es immer vorgezogen, dich zu verstecken. Das ist die Kolonialpsychose, die Kastenpsychose." Sarojini, die als Filmerin mit dem deutschen Wolf eine neue Existenz gefunden hat, schickt deshalb ihren Bruder erneut zurück zu seinen Roots in die Dritte Welt, damit er dort, wie sie sich ausdrückt, "seinen Krieg findet".

Das klingt reichlich konstruiert und wird leider vom Autor ohne Überzeugungskraft in Szene gesetzt. Als Mitglied einer obskuren Guerillabewegung verschwindet Willie Chandran für acht Jahre im Urwald, lernt faden Brei zu essen, auf dem Boden zu schlafen und die entsetzliche Langweile der indischen Dörfer auszuhalten. Ein Stationenweg nach unten, der weder der geplagten Landbevölkerung noch dem gebeutelten Willie etwas bringt. Denn dieser ist von einer seltsamen Gedächtnislosigkeit befallen, er vermag, in emphatischem Sinne, keinerlei Erfahrung zu machen. Diese Unwirklichkeit von Willies Lebensgefühl gibt der Autor in einer Erzählweise wieder, die realistische mit parabelhaften Zügen vermischt.

So unplastisch Willies Erleben im indischen Dschungelkrieg bleibt, in den Details besticht Naipauls Genauigkeit stets aufs Neue. Beispielsweise bei der Beschreibung der notdürftigen indischen Infrastruktur: "Der Fahrstuhl hatte eine Falttür aus Metall. Sie war schwarz von Schmieröl und öffnete und schloss sich mit lautem Scheppern. Behelfsmäßiges Bauen kannte Willie aus seiner entlegenen Gegend in Afrika (wo die Menschen im Grunde ihres Herzens immer gewusst hatten, dass sie eines Tages das Feld würden räumen müssen) zur Genüge, aber nichts hatte je so unfertig ausgesehen wie das, was er vor sich sah…"

Dieser Roman entbehrt der Magie und des Wundersamen

Willie, der im letzten Roman noch Bücher verfasst hat, wird schließlich von einem britischen Liebhaber seiner Werke, dem Rechtsanwalt Roger, gerettet. Er zieht in dessen Haus in London und erlebt, in welchem Maße die englische Oberschicht orientierungslos und promiskuös ist. Nicht allein, dass sein Freund Roger zuschaut, wie ihn seine Frau Perdita betrügt; Willie erlebt voller Abscheu, wie Roger selber bei einer Liebschaft mit einer Angestellten aus der Unterschicht jeden Halt verliert. Während die Schilderung einer solch klassenüberspringenden Liaison Philipp Roth zu einem seiner besten Romane (Der menschliche Makel) verhalf, erzeugt sie bei Naipaul mehr frauenfeindliche Häme und antisozialistische Ausfälle denn analytische Schärfe. Verächtlich, voller Spott und von einer geradezu obszönen political incorrectness ist auch sein Blick auf einen schwarzen Aufsteiger, der es durch seine Heirat mit einer Oberschichtweißen geschafft hat, seine blütenweißen Enkel mitten in die englische Society zu platzieren. Kein Zweifel, dass Willie und mit ihm wohl seinem Autor die alle Rassen- und Klassenschranken wegwischenden Aufstiegswünsche eines Afrikaners nicht genehm sind.

Es erstaunt, dass Naipauls neues Buch weit hinter den Erkenntnisstand seines 1987 verfassten Romans Das Rätsel der Ankunft zurückfällt. Dort erzählt er von seinem allmählichen Ankommen aus Trinidad in England, von seinen ausgedehnten, meditativen Spaziergängen um sein Landgut Wiltshire; gelassene Schilderungen der Natur und der Nachbarn, die dieses Buch zu seinem rätselhaftesten, wenn nicht gar besten machten. Magische Saat aber entbehrt der Magie der frühen karibischen Erzählungen ebenso wie des Wundersamen, das der indische Kosmos für jeden Erzähler bereit hat. Es überzeugt in seinen Londoner Passagen am ehesten mit der Schärfe eines britischen Sozialrealismus, der den Schein jeglicher Art von Adel zersetzt. Aus dem fremden, schonungslosen Blick aufs koloniale Mutterland ist jetzt aber ein befremdlicher geworden.

Willie Chandrans letzter Satz lautet: "Man darf keine Idealvorstellung von der Welt haben. Das ist die Wurzel allen Übels." – Aber darf man so gekränkt darüber sein, am falschen Ort und zur falschen Zeit geboren worden zu sein? Wäre nicht gerade das der beste Ausgangspunkt für ein gelungenes Alterswerk?

Magische SaatRomanBelletristikRoman; aus dem Englischen von Sabine RothV. S. NaipaulBuchClaassen Verlag2005Berlin22352
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