länderspiegel Abwasser, marsch!

Ein Dorf in Rheinland-Pfalz legt sich eine Kanalisation zu, die einer Großstadt Ehre machen könnte

Blindert

Wäre die Erde eine Scheibe, hier wäre vermutlich ihr Rand: Blindert, ein vergessenes Dorf in den Hügeln der Eifel, im nördlichsten Rheinland-Pfalz gelegen, Kreis Ahrweiler – der Nürburgring ist nicht weit. Ein Ort der Sackgassen, nur über die Kreisstraße 12 an die Außenwelt angeschlossen. 31 Häuser, 59 Einwohner, ein Drittel der Anwesen wird lediglich als Wochenendbleibe genutzt. Keine Kneipe, keine Tankstelle, selten genug, dass in der Dämmerung mal ein Wildschwein vor ein Auto läuft.

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Aber, so sagen jene, die hier wohnen, das sei ja gerade der Reiz. »Hören Sie die Ruhe«, empfiehlt Johann Nücken, 67 Jahre alt, ein Mann, in dessen Augen die verschwiegene Weite der Eifel wohnt. Über die Jahrzehnte hat er als Berufskraftfahrer auf dem Bock gesessen. Jetzt ist er Rentner, restauriert in der Scheune hinterm Haus alte Trecker und ist trotzdem in der Seele tieftraurig. Wenn er es denn könnte, würde er Blindert den Rücken kehren – so wie die meisten der 58 anderen Bürger auch.

Denn irgendwann im Oktober vergangenen Jahres kamen Bagger ins Dorf gefahren, rumpelten von den Tiefladern, dann ging das Inferno auch schon los. Bis zu einer Tiefe von fast fünf Metern gruben sich die Schaufeln in den Waldweg hinein – wenn man so will, die Hauptstraße von Blindert. Die Erde bebte, Fundamente alter Fachwerkhäuser bekamen hässliche Risse, deswegen stand ziemlich schnell die Frage im Raum, was das alles sollte, wer das alles wollte? Fragen allesamt, die auf die Person von Rudolf Vitten zielen.

Vitten ist Bürgermeister der Ortsgemeinde Hümmel, zu der auch Blindert gehört. Wie eigentlich alle in der Gegend steht er der CDU ziemlich nahe. Bis zur Rente arbeitete er als Kfz-Meister, heute hat er vor allem die Modernisierung seiner Ortschaften im Auge. Schluss mit der Randlage, endlich ein ordentliches Ableitungssystem für das Regenwasser, im gleichen Zuge moderne Systeme für Abwasser und Fäkalien und – wenn man schon mal dabei ist und die Gräben wieder zuschüttet – breitere Straßen mit »Verschwenkungen zur Verkehrsberuhigung«. Deshalb die Bagger, deshalb also das Ganze, deshalb Kosten von geschätzten »10 und noch watt Millionen Euro«, wie Johann Nücken sagt.

Etwas mehr Moderne, auch in Blindert – der Bürgermeister hat es gut gemeint. Bis zu sechzig Zentimeter Durchmesser haben die Rohre, die das Regenwasser nun abführen, ein Kaliber, groß genug auch dann noch, falls sich das Dorf irgendwann zur Metropole auswächst. Klare Verhältnisse herrschen fortan auch in Sachen Fäkalien, die neuerdings mit Hilfe einer sanft brummenden Pumpstation die Hügel hinauf und wieder herunter in die Kläranlage von Dümpelfeld verbracht werden, statt wie vordem in den ökologisch durchaus akzeptablen Heimkläranlagen der Blinderter zu enden.

Sind die Bauarbeiten in wenigen Monaten abgeschlossen, dann glänzt der Ort mit Straßen, die diesen Namen verdienen. Auf fünfeinhalb Meter verbreitert, schlängeln sie sich »verkehrsberuhigt« durch Blindert, dann wird endlich möglich sein, was bislang undenkbar war: Zwei entgegenkommende Lastwagen werden einander ohne Schwierigkeiten in Blindert passieren können.

Leser-Kommentare
  1. Die BI Blindert SAG STOP freut sich natürlich darüber, unseren hiesigen Problemfall von der ZEIT aufgegriffen zu sehen. Ebenso freuen wir uns über Kommentare, die unsere Anliegen moralisch und solidarisch unterstützen.
    Gerne beantworten wir Detailfragen.
    BI Blindert SAG STOP
    c/o Horst Kämmer
    e-mail: horstwkaemmer@gmx.de

    • mliske
    • 08.09.2005 um 16:40 Uhr

    Ich bin selbst Stadtrat in der Eifel -- ebenfalls als Einzelkämpfer. Ich kann da mit Hr. Wisnieski mitfühlen. Das hier geschilderte ist leider kein Einzel- sondern der Regelfall. Einen Fall in dieser Größe ist mir noch nicht unterkommen, meist geht es "nur" um 6-stellige Beträge.
    Wir haben nicht zu wenige Einnahmen in der Kommune -- sie müssten nur effizient ausgegeben werden.

  2. Leider gibt der Artikel lediglich ein Ammenmärchen wieder. Nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich. Schade dass DIE ZEIT nur noch eine Seite der Medaille hört bzw. deren Argumente verarbeitet und verbreitet. Als Betroffene bin ich enttäuscht hierüber. Ich hatte mehr von DER ZEIT und ihren Autoren erwartet.

  3. Der Kommentar von Tanja Metzen trifft den Nagel auf den Kopf! Ich selbst bin Blinderter Bürger. Ich wohne gerne hier und freue mich - wie viele andere Dorfbewohner auch - auf den Zeitpunkt, an dem die bereits weit fortgeschrittenen Baumaßnahmen (nicht nur in Blindert, sondern in allen 7 Dörfern der Gemeinde Hümmel, zu der auch Blindert gehört) abgeschlossen sind und unser Dorf sich den Bürgern und Besuchern endlich mit einem neuen, ansprechenden Straßenbild präsentieren kann.
    Ich lebe seit mehreren Jahrzehnten in Blindert. In meinen Augen wohnt daher sicherlich auch "die verschwiegene Weite der Eifel". In meinen Augen wohnt aber auch die enttäuschende Erkenntnis, dass es sich bei diesem ZEIT-Artikel um eine völlig einseitig und zudem mangelhaft recherchierte Reportage handelt. Der bisher schon durch die "Bürgerinitiative Blindert" angerichtete "Flurschaden" reicht schon, ohne dass er durch derartige Zeitungsartikel noch neue Nahrung bekommt. Die Aktivitäten der BI bewegen sich inzwischen wenig realitätsbezogen nur noch auf dem Niveau eines persönlichen Kleinkriegs.
    Von einer seriösen Zeitung wie der ZEIT hätte ich mehr Gründlichkeit und Objektivität erwartet. Herr Kammertöns ist ja nun wirklich kein "Journalisten-Rookie".
    Schade um die vertane Zeit, die vergeudete Druckfarbe und das verbrauchte Papier für die Reportage.
    Aber vielleicht (hoffentlich) war das ja nur ein Ausrutscher!?

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