Porträt Kann die das?
Beschleunigtes Wachstum einer Kandidatin – wie Angela Merkel seit Schröders Neuwahl-Coup in die Rolle einer ernsthaften Konkurrentin fand
Jetzt ist Joschka Fischer wieder richtig gut drauf, eine Hand sucht in der Hosentasche nach Kleingeld, eine erklärt gestikulierend die Welt. Er hat soeben im Bundestag eine fulminante Wahlkampfrede gehalten, aus einer hoffungslosen Lage heraus, denn es ist der 1. Juli 2005, der Tag des parlamentarischen Autodafé von Rot-Grün. Misstrauenstag. Fischer weist nun aus dem Fenster des Bundestagsrestaurants in Richtung Kanzleramt und wird beinahe großzügig: Natürlich wisse man nie, wie sich jemand verändere, wenn er da einziehe. Aber nach dieser Einschränkung kommt er rasch zum Verdikt: Die Merkel kann es nicht!
Es ist ein guter Tag, um das zu behaupten. Denn die Kanzlerkandidatin hat nach einem brillanten, staatstragenden Gerhard Schröder mit ihrer Rede böse gepatzt. Nicht auf der Höhe der historischen Stunde, mehrere Versprecher, unsicherer Auftritt, und das in einer Situation, da Rot-Grün in heller Auflösung scheint.
Natürlich hat ihr Versagen an diesem Tag eine Vorgeschichte. Sie beginnt am 22. Mai. Es ist 18 Uhr 30, als Angela Merkel auf der Fahrt ins ZDF-Studio eine SMS von Peter Hintze erhält: Müntefering habe eben Neuwahlen ausgerufen. Echt? Merkel kann es nicht fassen. Während sie für ihren Fernsehauftritt geschminkt wird, lässt sie die Information überprüfen. Es stimmt: Rot-Grün hat kapituliert, und sie, die Frau aus dem Osten, könnte in vier Monaten Kanzlerin sein. Ihre erste, innere Reaktion lautet: Bitte schön! Das kann er haben! Gemeint ist Gerhard Schröder, den sie mit Abstand für den Besten hält von allen Roten und Grünen.
Die Bitte-schön-Chuzpe hält bei ihr dann einige Zeit lang an, ja sie steigert sich noch zu jenem apricot-strahlenden Moment ihrer Ausrufung zur Kanzlerkandidatin. Da ist auf einmal alles neu: die amerikanisierte Frisur, das erstmals in dieser Form veröffentliche Lächeln und der rückhaltlose Jubel der eigenen Leute. Wäre an diesem Tag Wahl, die Union würde locker die absolute Mehrheit holen.
Aber es ist noch nicht Wahl, sondern erst mal Wahlkampf. Der tritt nun auch für Merkel in die zweite Phase, sie bekommt eine vom Heranrauschen der neuen Aufgabe verstärkte Grippe. Diese neue Phase beginnt mit der Bundestagsdebatte über die Krise der EU am 16. Juni. Da springt es die Kandidatin zum ersten Mal mit voller Wucht an. Beim Gang zum Rednerpult denkt Merkel, dass sie jetzt als künftige Kanzlerin sprechen müsse, als eine, auf die es auch bei der Zukunft Europas demnächst ankommen könnte. Diesmal kann sie ihre Lähmung noch verbergen, keiner merkt, dass sie etwas hat, das Spitzenpolitiker selten haben dürfen und nie zeigen wollen: Angst.
Dann, mit Schröders Coup am 1. Juli, beginnen auch öffentlich die schweren Wochen ihres Wahlkampfes. Bei dieser Rede hat sie nicht ganz so viel Angst, dafür noch mehr Grippe. Das Ergebnis ist bekannt. Und der Grund auch: Angela Merkel ist anders als Schröder oder Fischer. Die hatten schon in ihren Rauf- und Saufzeiten gelernt, mit politischen Angsterfahrungen fertig zu werden, zumindest zu verbergen, was sie beschlich, in einem Alter also, als Angela Merkel überhaupt erst anfing, Politik zu machen. Nun könnte man sagen: Wie menschlich, dass sie noch manchmal Angst hat und man es sogar sieht. Aber will man das wirklich? Eine Kanzlerin, die in einer zugespitzten Situation Schwäche zeigt? Fischer jedenfalls will es nicht, er ist Vertreter eines konsequenten politischen Darwinismus. Darum lautet sein Urteil über Merkel an diesem 1. Juli ganz klar: Die kann es nicht.
Kann sie es? Es hat natürlich keinen Sinn, ihre Hauptkonkurrenten Christian Wulff und Roland Koch offiziell danach zu fragen. Ihr Urteil kann man nur aus dem Verhalten ablesen und aus dem, was die beiden so sagen, wenn es vertraulich zugeht. Wenn man das richtig deutet und hört, dann lautet ihr Urteil: Ob sie es kann, wissen wir nicht so genau. Dass wir es besser könnten, ist sicher. Es wäre viel verlangt von den beiden, das anders zu sehen. Tatsächlich lässt sich kaum mit Sicherheit behaupten, dass Angela Merkel objektiv mehr politisches Talent, mehr Befähigung zur Kanzlerin besäße. Fest steht: Nur sie hat jetzt die einzigartige Gelegenheit.
Ein klares Ja zu Merkel ist aber auch deswegen eine Zumutung, weil es für Wulff und Koch und all die anderen ihrer Generation hieße, dass sie fünfzehn Jahre lang vergeblich geackert und geschuftet, integriert und intrigiert haben, damit am Ende so ein Ost-Dornröschen kommt, das in seiner DDR nichts anderes gemacht hat, als Energie zu tanken, um dann in der halben Zeit doppelt so weit zu kommen. Dieser Schmerz der fünfzehn »vergeudeten« Jahre ihrer Konkurrenten garantiert auch für eine Kanzlerin Merkel, dass sie innerparteilich keine Ruhe bekommen wird. Sie kann sich nicht darauf verlassen, dass Wulff und Koch auf Gelingen spielen werden.
Wie gemein, könnte man nun wieder sagen, wie unverantwortlich, weil ein Scheitern von ihr auch wieder verlorene Jahre für das Land bedeuten würde. Doch so moralisch sieht sie selbst das offenbar nicht. Nach der Loyalität ihrer wichtigsten Mit- und Gegenstreiter Wulff und Koch befragt, antwortet sie mit Daten. Wann haben die beiden ihre Landtagswahlen, wann haben sie also welches Interesse am Gelingen, und wann wird das wieder nachlassen? Das alles sind für sie lediglich Umstände, mit denen sie wird klarkommen müssen. Merkel selbst hat da durchaus kein Mitleid mit sich.
- Datum 08.09.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 08.09.2005 Nr.37
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Genial!
Da möchte man ja beinahe Angela Merkel wählen. Aber wie macht man das, ohne auch die CDU wählen zu müssen?
Bisher hat Angela Merkel die CDU noch nicht wirklich geführt. Das haben bisher eher die Umstände besorgt. Ein bisschen hat sie in und an der CDU-Spitze rumgemachtet, Dabei konnte sie davon profitieren, dass Kerls noch immer nicht damit rechnen, dass Frau überhaupt und jetzt und auf der Stelle Sex haben will, schon gar nicht, wenn sie imaginäre Zöpfe trägt und als irgendjemandes "mein Mädchen" gilt.
Den Kramladen CDU für mindestens vier Jahre zusammen zu halten, erfordert anderes als Überrumpelungssex. Hat sie das? Sie hat Ideen. Will die CDU die? Auch wenn diese Ideen sich nicht mehr in das verschwiemelte "Vaterland" auflösen lassen? Bisher ist Angela Merkel nur eine Parteispitzen-Kandidatin. Und das auch eher nur zufällig. Wie breit ist der Sockel, auf dem sie steht? Bisher eher nicht sehr breit. Oder?
Und wenn sie eines Tages nicht nur Bundeskanzlerin ist, sondern tatsächlich auch die CDU führt, hat sie dann noch Ideen? Oder führt dann wieder die CDU, ideenlos wie unter Kohl, in breitem, trägem Fluss?
Julian@alpenjodel.de
In der Tat ist der letzte Gedanke des Autors der Beste nach meinem Empfinden. Münchhausen nur konnte sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Ähnlich sehe ich es mit dem Bürger Deuitschland West, der viele Jahre erfolgsverwöhnt nun in den Sumpf der Globalisierung geraten ist und sich schwer tut, aufs Trockene zu kommen. Die schnelle und schmerzhafte Variante ist Frau Merkel, die begriffen hat, dass mehr getan werden muss, als an den bekannten Schräubchen zu drehen. Die langsame und noch schmerzhaftere Variante ist die große Koalition. Nach deren Zerbrechen und weitern vier Jahren des Dahindümpelns wird es in ganz Deutschland sicher eine Mehrheit für einen echten Neuanfang geben.
Frau Merkel gilt als extrem durchsetzungsfähig. Sie hat den Mut, dass zu tun, was weniger mutige Kollegen für erforderlich halten, aber sich nicht trauen: Sie sagt die Wahrheit. Biedenkopf redet schon seit zehn Jahren davon, dass Deutschland sich von gewissen Besitzständen trennen muss. Frau Merkel traut sich, das in die Realität umzusetzen. Sie ist ehrlich und konstruktiv. Allerdings hat sie in diesem Land wenig Chancen, wenn sich sogar Zeitungen wie die Zeit, von denen man Objektivität und Aufklärung gewohnt ist, aus Angst vor Veränderungen dem Oraklen hingeben. Die Frisur, die Versprecher, die Farbe der Kleidung und was euch so alles bewegt... Noch aus dem entferntesten Winkel der persönlichen Geschichte dieser Frau werden Minuspunkte zusammengekratzt. Nur, damit sich ja nichts ändert. Armes Deutschland!
Mehr von Merkels Humor täte der Politik in unserem Land gut.
Preisfrage: Was haben Angelika Merkel und Gerhard Schröder gemeinsam? Antwort: sie haben nicht nur eine Partei am Hals, sondern auch diverse Lobbyisten, die ihre in 56 Jahren BRD gewachsenen Besitzstände mit Händen und Füßen verteidigen werden. Fischer hingegen hat es gut, seine Klientel predigt sowieso mehrheitlich den Verzicht. In sofern kann er es sich wohl leisten zu sagen: "Ich kann es!"
Meiner Meinung nach gibt es nur zwei Möglichkeiten, Frau Merkel zu interpretieren. Sie könnte, erstens, das Widerstandspotential in den eigenen Reihen unter-, und sie könnte, zweitens, den Wunsch nach wirklichen Veränderungen im deutschen Volk überschätzen. In beiden Fällen wäre es interessant zu sehen, wie und vor allem: wie lange sie sich als Kanzlerin wird behaupten können. Ebenso interessant wird es sein zu sehen, worüber sie schlussendlich gestolpert sein wird.
Für ausgeschlossen halte ich es nicht, dass Frau Merkel auch nach 15 Jahren Parteiarbeit noch irrt. Vielleicht hat sie tatsächlich nicht ganz erfasst, was das Wort "Ehrlichkeit", wird es denn wörtlich genommen, in einer Partei auszulösen vermag, die die Absolution noch immer für einen legalen Weg der Fehlerbehebung hält. Nicht jeder, der jetzt jubelt, wird bereits wissen, dass auch er gemeint ist, wenn Frau Merkel von Veränderungen spricht. Aber eigentlich kann das nicht sein. Niemand sollte besser wissen, als die Kandidatin selbst, dass es kein Vorrecht der Unterprivilegierten ist, sich nicht angesprochen zu fühlen. Sie hat immerhin bereits eine Wende hinter sich.
Wie immer diese Wahl ausgeht: Es bleibt spannend. Siegt Frau Merkel, können wir beobachten, ob sie mit ihrer Partei und deren Sympathisanten mehr Glück hat, als Herr Schröder mit seiner. Siegt Herr Schröder, können wir beobachten, ob er in seinem Alter noch lernfähig ist. Man kann Herrn Fischer nur beglückwünschen. Ihm ist es gelungen, sich eine Partei zu erschaffen, die er (bei einigem Geschick) gut in die neue Zeit führen könnte - jedenfalls so lange, wie nicht jemand daher kommt und statt des Wortes "Ehrlichkeit" (welches im Grunde "Verzicht" meint) das Wort (soziale) "Gerechtigkeit" auf die Agenda setzt. Ein ganzes deutsches Volk, denke ich, wäre allerdings auch für unseren Noch-Außenminister eine zu harte Nuss.
Zur Kanzlerin in spe
Eigentlich könnte man froh sein, dass diesen alten Männer, wie Paul Kirchhoff, Schäuble, Stoiber...... mit ungebrochenen Werdegängen und stockkonservativen Anschauungen nun mit Frau Merkel ein Paradebeispiel für gelungenen Opportunismus gegenübersteht: aus christlichem Pfarr/Elternhaus zur FDJlerin (Freie Deutsche Jugend Jugendorganisation der SED) und so offensichtlich problem- und lückenlos zum Abitur, zum Studium zu Promotion. Anderen mit diesen Wurzeln gelang das in der DDR oftmals nicht. Dies zeigt, was Pragmatismus ist. Insoweit könnte man Hoffungen haben bei dieser Kanzlerin. Ich befürchte aber, dass sich Frau Merkel zu unser aller Schaden wieder nur anpasst an die nun Stärkeren, die Herrschenden, die Wirtschaftsbosse, die Amerikaner.....Selbstbewusstsein, gegen Widerstände ankämpfen, das ist und war ihr Ding wohl eher nicht.............s.o.
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