BUCH IM GESPRÄCH Vertrauter Untergangsgesang
Es seien nicht die Zahlen, hat Ralf Dahrendorf kürzlich im Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) mit »britischem« Blick auf Deutschland geurteilt, die eine derartige Krisenstimmung rechtfertigten; vielmehr sei es die Sprache selbst, die Neigung von Politikern und Journalisten, die Zukunft in düstersten Farben zu malen. Das Land sei reich und international wettbewerbsfähig, allein die Vereinigung habe es in eine ökonomische Sonderlage gestürzt. Mit wunderbarer Ironie erteilte der Lord den Berlinern dann eine Lektion, wie es klingen würde, wenn Tony Blair das Parlament hätte auflösen und einen Ausweg suchen wollen: offensiv, frisch, zukunftsgewiss.
Bei der Lektüre von Meinhard Miegels düsterem Buch über die Epochenwende kommt diese kleine Szene wieder in den Sinn. Zwar schaut Miegel diesmal ausdrücklich über die Landesgrenzen hinaus und fragt, ob der Westen »die Zukunft« gewinnt. Aber strukturelle Ähnlichkeiten in sozialökonomischen Trends mildern verblüffenderweise seinen Untergangspessimismus nicht, im Gegenteil, es ist nun der gesamte Westen, dessen »Ermüdungserscheinungen« er beobachtet. Dagegen werde die »Anspannung aller geistig-sittlichen Kräfte« gebraucht, die der »überbordende materielle Wohlstand« habe erschlaffen lassen, aber die Zweifel am Gelingen sind enorm.
Damit dehnt er seinen organischen Gesellschaftsbegriff über die Republik hinaus aus auf den »Westen« insgesamt. Erstaunlich sind solche Pauschalisierungen, wenn man bedenkt, wie viele gründliche Untersuchungen über die »Unterschiedlichkeiten des Kapitalismus« von Land zu Land gemacht worden sind, aber um solche präzisen Gesellschaftsanalysen geht es Miegel gerade nicht. Vielem kann man applaudieren. Dass die »totale Kommerzialisierung und Monetarisierung«, die »generationenlange monomane Verfolgung ökonomischer Ziele« den Wohlstand zwar einzigartig gemehrt, nun aber an ein Ende gekommen seien, wird man so allgemein stehen lassen können. Erst recht, dass die Wachstumsversprechen, die heute abgegeben werden, nicht mehr einzulösen sind. Den Merkel-Satz »Vorfahrt für Arbeit«, so Miegel, hätte er »nie unterschrieben«. Viel spricht auch für die Einschätzung, Erwerbsarbeit gehe aus, und selbst dort, wo die Beschäftigtenzahlen hoch seien, seien es oft nur noch halbe Jobs, schlecht bezahlt und abgesichert. Die Rückwirkungen der Demografie auf die Sozialsysteme, sein Leib- und Magenthema, sind inzwischen bekannt. Oft nagelt er auch Selbstverständlichkeiten fest, die Grüne und andere Ökologen längst entdeckten. Aber bei ihm wird die Analyse überwuchert von der Anklage – schuldig sei eine herrschende Mentalität, Sittenverfall, Hedonismus, Konsumismus, Egoismus, Vandalismus, Terrorismus. Nicht mögliche strukturelle Ursachen oder inhärente Logiken der herrschenden Ökonomie spießt Miegel auf, schuld seien (vor allem) die Folgen, die sie auslösten. Dass die Leute materialistisch verführbar seien, sei der Systemfehler. Einen Ruck, damit die Marktwirtschaft floriert, möchte Miegel uns ja trotzdem verordnen.
Zu dieser vertrauten Klage über das fehlende »gesellschaftliche Leitbild« liberaler Gesellschaften von Miegel gesellen sich heute Stimmen wie die Udo Di Fabios und Paul Kirchhofs; beim Verfassungsgericht erblüht eine sehr spezifische, kulturkritische Weltsicht. Inzwischen sitzt sie sogar im Kompetenzteam Angela Merkels. Die »starren Schlachtordnungen töten Ideen«, schreibt Miegel der Politik ins Stammbuch, aber zu dem Zeitpunkt konnte er von Kirchhofs Blitzkarriere noch nichts wissen. Derart uneinsichtig, wie Miegel schreibt, ist die Politik ohnehin nicht. Beispielsweise kann man die Grünen bereits als erste Antwort auf solche Wachstumsanalysen begreifen. Nur lassen sie sich offensiv auf die Liberalität moderner Gesellschaften ein und gehen damit fröhlich über die Kulturkritik hinaus, während Meinhard Miegel merkwürdigerweise wieder bei Ludwig Erhard landet, der nicht zufällig von der »formierten Gesellschaft« träumte. Gunter Hofmann
EpochenwendePolitikPolitisches BuchGewinnt der Westen die Zukunft?Meinhard MiegelBuchPropyläen Verlag2005Berlin22312- Datum 08.09.2005 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 08.09.2005 Nr.37
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